Stuttgart-Nord Berliner Jurist zeigt das Rote Kreuz an

Erika Moik wohnt seit vielen Jahren im Haus auf dem Killesberg. Foto: Eva Funke
Erika Moik wohnt seit vielen Jahren im Haus auf dem Killesberg. Foto: Eva Funke

Ein Jurist aus Berlin, dessen Mutter im Seniorenzentrum Haus auf dem Killesberg wohnt, wirft dem Kreisverband des Deutschen Roten Kreuz Abrechnungsbetrug vor. Das DRK nimmt die Vorwürfe gelassen.

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S-Nord/Killesberg - Die Bewohner des Seniorenzentrums Haus auf dem Killesberg kommen nicht zur Ruhe. Weil der Kreisverband des Deutschen Roten Kreuzes (DRK) das Gebäude abreißen und durch einen Neubau ersetzen lassen will, sollen sie ins Roser-Areal umziehen. Was sie zusätzlich beunruhigt, ist das Schreiben von Matthias Schütze. Der in Stuttgart aufgewachsene Berliner Jurist ist der Sohn einer Bewohnerin und wirft dem DRK -Kreisverband als Betreiber des Zentrums unter anderem Betrug durch falsche Abrechnungen vor. Außerdem geht er davon aus, dass das DRK die fehlende Wirtschaftlichkeit der Wohnanlage nicht belegt habe. Der Hauptvorwurf des 61-Jährigen: Bei der Nebenkostenabrechnung taucht der Erbbauzins, den das DRK an die Stadt bezahlen muss, als Posten auf. Schütze: „Das ist so, als würde ein Vermieter den Kaufpreis für seine Immobilie zusätzlich zur Miete von den Mietern verlangen.“ Pressestaatsanwalt Jan Holzner bestätigt den Eingang einer Anzeige. Nun sollen die Vorwürfe geprüft werden.

Die Senioren lehnen den Umzug in eine neue Umgebung ab

Nur einen Punkt der Vorwürfe teilen die Bewohner des Seniorenzentrums: Die Wohnanlage im Roser-Areal liegt direkt an der Straße. „Da pfeift kein Vogel. Es gibt keine Möglichkeit, spazieren zu gehen. Und um zu einer kleinen Grünfläche zu gelangen, muss man 43 Stufen hoch steigen. Wie soll das gehen?“, fragt Erika Moik. Die 92-jährige Sprecherin des Bewohnerbeirats deutet auf ihren Rollator: „Mit dem komm’ ich die Treppe nicht hoch.“ Ein Problem, dass fast alle der hochbetagten Bewohner des Seniorenzentrums haben. Ansonsten lehnen die Senioren im Haus am Killesberg die Aktion des Juristen ab: „Wir haben uns an der Erstellung der Anzeige nicht beteiligt und wollen damit nichts zu tun haben“, sagt Moik. Ihre Befürchtung und die der Bewohner: Die Anzeige schadet ihrem Ziel, den Abriss ihres Domizils am Killesberg zu verhindern, mehr, als dass es nützt.

Raus aus der vertrauten Umgebung will kaum einer der Bewohner. Moik, die seit acht Jahren im Haus auf dem Killeberg lebt, sagt: „Ich will hier in Ruhe und Frieden sterben können. Ich geh hier nicht raus.“ Die Angst, in die noch im Bau befindliche DRK-Wohnanlage im Roser-Areal mit 55 Plätzen in Feuerbach zu müssen, lässt sie seit Monaten nicht mehr schlafen. Und ein 90-jähriger Mitbewohner sorgt sich, weil es im Roser-Areal keine Pflegeplätze gibt, seine Frau aber auf der Pflegestation im Haus auf dem Killesberg ist. „Wir sind mehr als 60 Jahre verheiratet und wollen zusammen bleiben“, sagt er bitter.

Dass die Senioren sich vehement von der Strafanzeige distanzieren, hat laut Schütze nur einen Grund: „Die alten Menschen wollen in keine juristische Auseinandersetzung hereingezogen werden.“ Er will im Alleingang weiter für deren Interessen kämpfen und in einem nächsten Schritt zivilrechtliche Schritte einleiten.

DRK hat Gutachten über die Wirtschaflichkeit des Seniorenzentrums erstellen lassen

Der Prüfung der Strafanzeige durch die Staatsanwaltschaft sieht der DRK-Kreisverband gelassen entgegen. Abgerissen und neu gebaut werden soll, weil das Seniorenzentrum wegen des „ungünstigen Verhältnisses“ zwischen Gesamtfläche und Wohnraum mehr als 200 000 Euro Verlust pro Jahr verursacht. Mit „ungünstigem Verhältnis“ gemeint ist, dass die Bewohner zu viel Platz haben, weil zum Beispiel das Foyer und die Flure zu großzügig sind. Das haben laut Uwe Bangerter, Sprecher beim DRK-Landesverband, interne Berechnungen sowie ein vom DRK in Auftrag gegebenes externes Gutachten ergeben. Die Sorge des 90-Jährigen, dass er und seine pflegebedürftige Frau getrennt werden, kann er nicht nachvollziehen. „Beide können in unser Haus im Sommerrain mit Pflegestation ziehen oder ins Roser-Areal mit ambulanten Pflegedienst rund um die Uhr.“ Das tröstet den 90-Jährigen nicht: „Ich hoffe, die Stadtverwaltung gibt auch ein Gutachten über die Wirtschaftlichkeit des Hauses in Auftrag“, sagt er und fürchtet, dass eine vom DRK beauftragte und finanzierte Expertise nicht objektiv ist.

Über Abriss oder nicht entscheidet der Gemeinderat. Klar für den Fortbestand des Hauses ausgesprochen hat sich bislang nur die Fraktion von SÖS/Linke-plus: „Wir lehnen eine Abriss ab“, sagt Luigi Pantisano. Seine Fraktion hat Einsicht in den Erbpachtvertrag zwischen DRK und Stadt genommen. Pantisano: „Danach müssen Pflegeplätze vorgehalten werden. Das sieht das alte DRK-Konzept nicht vor.“ Im neuen Konzept, dass von etwa 135 Wohnheimplätzen 40 in der stationären Pflege bereitstellt, ist das DRK zwar den Anforderungen der Stadtverwaltung entgegengekommen. „Zu wenig“, meint Pantisano in Blick darauf, dass die Stadt bis 2020 etwa 2000 zusätzliche Pflegeplätze schaffen muss. Sozialbürgermeister Werner Wölfle (Grüne) stellt fest, dass die Neubaupläne des DRK sofort vom Tisch gewesen wären, hätte es sich nicht darauf eingelassen.

Wie es weitergeht? Dieser Antwort einen Schritt näher bringen soll das das externe Gutachten, das Wölfle im Gemeinderat am Montag, 23. Januar, in nicht öffentlicher Sitzung vorstellen will. SPD-Stadträtin Marita Gröger: „Da werden wir sehr genau hinhören.“ Sie kritisiert, dass das DRK den Investor für den geplanten Neubau nicht nennt. Denn dem soll womöglich die Erbpacht übertragen werden.




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