S-Süd Zimmertheater Liebe, Hass und viel Schokolade

Von Tilman Baur 

In dem Stück „Zartbitter“ erleben zwei Chocolatiers eine Gefühls-Achterbahn, und das Publikum im ABV-Zimmertheater einen lustigen Abend mit viel Schlagermusik.

Sam (Lia Grundhöfer) und Tom (Uwe Kaltenmark) entdecken auf dem Handy von Jack, dass er eine Beziehung mit beiden führt, und mit vielen anderen auch. Foto: Tilman Baur
Sam (Lia Grundhöfer) und Tom (Uwe Kaltenmark) entdecken auf dem Handy von Jack, dass er eine Beziehung mit beiden führt, und mit vielen anderen auch. Foto: Tilman Baur

S-Süd - Auf echte Schokolade mussten die Zuschauer im fast vollen ABV-Zimmertheater bis ganz zum Ende warten. Im Schlussakkord der Premiere des Stücks „Zartbitter“ liefen dessen Protagonisten, Lia Grundhöfer und Uwe Kaltenmark, mit Tabletts die Zuschauerreihen ab und verteilten kleine Täfelchen.

Davor konnte man den beiden immerhin fast zwei Stunden lang dabei zusehen, wie sie energisch in der Kakaomasse herumrührten. Denn sowohl Samantha, kurz Sam (Lia Grundhöfer), als auch Tom (Uwe Kaltenmark) sind Chocolatiers aus Leidenschaft und arbeiten in der Chocolaterie Picard’s in einer nicht näher genannten europäischen Großstadt. Schokolade ist also der Dreh- und Angelpunkt der Komödie des Düsseldorfer Autors Lars Lienen, das Regisseur H.P. Wilbert nun in einem Gastspiel fürs Zimmertheater inszeniert hat.

Schokoladen-Schniedel im Schaufenster

Sam ist der Platzhirsch bei Picard’s und wäre am liebsten die einzige Chocolatière im Laden. Nur zögerlich erkennt sie das Talent ihres neuen Kollegen Tom an – schon allein deshalb, weil der die Todsünde begeht und ihr heiliges System im Gewürzregal durcheinanderbringt. „Warum ist der Chili nicht da, wo er hingehört?“, blafft sie ihn an.

Dem vielschichtigen Geschmack und originellen Ideen des Kollegen verfällt sie dann aber doch und huldigt seinen Künsten. Fast freunden sich die beiden an. Dann erfährt Sam, dass Kollege Tom, der der Liebe wegen aus London in die neue Stadt gezogen ist, auf Männer steht, und sie entpuppt sich als veritable Schwulenhasserin. Dabei hätte sie es doch wissen müssen: „Welcher heterosexuelle Mann würde Schokolade mit Zartbitter-Ananas-Paprikacreme machen?“, fragt sie und lässt den Zoten freien Lauf. Bald würden wohl kleine Schokoladen-Schniedel im Schaufenster liegen, „Lack- und Leder-Freunde mit ausgeschnittenem Hintern“ die Chocolaterie heimsuchen, ätzt sie. Der „kleine Rosettenkünstler“ solle das Weite suchen, findet Sam. Tom denkt nicht dran: „Der Papst ist schwulenfreundlicher als Du“, keilt er zurück und attestiert ihr ein „zauberhaftes Josef-Stalin-Temperament.“

Dass aus den erbitterten Streithähnen doch noch ein Team wird, ist das Verdienst von Jack Smith: Der Schwerenöter mit dem markanten Muttermal führt mehrere homo- und heterosexuelle Beziehungen parallel, von denen seine Freundinnen und Freunde – unter ihnen Sam und Tom – natürlich nichts ahnen. Als er nach einem nächtlichen Besuch in der Chocolaterie sein Handy vergisst, kommen ihm die beiden schließlich auf die Schliche.

Tauben vergiften im Park

„Sie kennt sein Muttermal“, schluchzt Tom mit zitterndem Unterkiefer, als er Jacks Mailbox abhört, auf der die Nachricht einer seiner jungen Affären gespeichert ist. Aus Liebe wird nun schnell Hass, die Lust auf Vergeltung steigert sich ins Unermessliche. Die geteilte Verachtung für ihren Ex schweißt Sam und Tom nun zusammen: Sie betrinken sich und lästern darüber, dass Jack die halbe Stadt gevögelt habe. Als wäre die Stimmung nicht düster genug, stimmen sie noch „Tauben vergiften im Park“ an, einen Klassiker des schwarzen Humors von Georg Kreisler.

Sowieso lebt die unterhaltsame Inszenierung davon, dass sich Schauspiel und Gesang abwechseln. Ob Mary Roos‘ „Nur die Liebe lässt uns Leben“, „Ein Freund, ein guter Freund“ der Comedian Harmonists oder Siw Malmquists „Liebeskummer lohnt sich nicht“: wer deutschsprachigen Schlager schätzt, kommt bei „Zartbitter“ auf seine Kosten. Der inbrünstige Vortrag von Uwe Kaltenmark erstaunt umso mehr, da der Schauspieler noch vor einer Woche an einer Kehlkopfentzündung laboriert hat, wie Regisseur H.P. Wilbert sagt. Vor diesem Hintergrund ist die sichtbare Erleichterung des Regisseurs über die gelungene Premiere umso verständlicher. Seit September hat er mit den Schauspielern geprobt, die Idee für Lars Lienens Text „Zartbitter“ hätten die beiden an ihn herangetragen, sagt Wilbert. Die nächsten Vorstellungen des Gastspiels sind an den kommenden beiden März-Wochenenden zu sehen.

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