„Saalfrei“ in Feuerbach Der Sprung in den leeren Raum

Von Petra Mostbacher-Dix 

„Saalfrei“, die Plattform für Improvisation und Performance, hat im Feuerbacher Produktionszentrum für Tanz und Performance seine zehnte Auflage gefeiert. Im Fokus steht kreatives Arbeiten in demokratischen Prozessen.

Die Tänzerin und Choreografin Lisa Thomas improvisiert mit dem  Multiinstrumentalisten Oliver Prechtl bei einem Saalfrei-Event. Foto: derfotograf.net/Frank Post
Die Tänzerin und Choreografin Lisa Thomas improvisiert mit dem Multiinstrumentalisten Oliver Prechtl bei einem Saalfrei-Event. Foto: derfotograf.net/Frank Post

Feuerbach - Sie sprechen zu Menschen ohne Worte – Musik und Tanz. Einem besonderen Genre der Gattungen hat sich Lisa Thomas verschrieben: Die Choreografin und Tänzerin rief Saalfrei ins Leben, eine Plattform für Improvisation und Performance. Gearbeitet, geprobt und aufgetreten wird im Produktionszentrum Tanz + Performance (PZ) Feuerbach. „Saalfrei bedeutet, einen Raum zu schaffen, um im Tanz interdisziplinär professionell zusammenzuarbeiten mit anderen Künsten im Kontext von Performance, Festival, künstlerischer Recherche, Training und Workshops“, erklärt Thomas.

Fünf bis sechs Mal im Jahr finden die Saalfrei-Formate statt, bei denen das Publikum hautnah erleben kann, wie die Kunstschaffenden Bewegungen entwickeln. Tagsüber arbeiten internationale Kunstschaffende in Workshops mit Profis und fortgeschrittenen Amateuren jeden Alters, abends sind Performances zu sehen. Der Bezirksbeirat Feuerbach förderte das mit 1500 Euro. Das Kulturamt unterstützt mit einer Jahresförderung – das PZ ist auch im Boot. Dort ging am Wochenende mit „Saalfrei 10“ die Jubiläumsperformance über die Bühne – mit den Gastkünstlern Susanne Martin und Simon Wenger aus Berlin und Basel, die im Duett improvisierten. Den zweiten Teil des Abends gestalteten Kunstschaffende der Gruppe Instant PIG// Stuttgart. Das interdisziplinär und intergenerativ arbeitende mobile Ensemble, das sich bei Saalfrei entwickelte, begab sich mit den Gästen in eine gemeinsame Improvisation. Der Bassist Kurt Holzkämper begleitete, er frönt ebenfalls dem „spontanen Erfinden und Realisieren von Dingen“. Im Fokus von Saalfrei steht denn auch die Instant Composition (IC) - die Kunst im Moment tänzerisch zu gestalten.

Mit viel Humor

Das Experimentieren mit innovativen Bühnenformen brachte renommierte Künstler nach Feuerbach, um ihr Know-how zu teilen. Dazu gehören die Tänzerin Meltem Nil, Improvisationsikone Lilo Stahl, das Schweizer Trio Kimmig.Studer.Zimmerlin, der dänische Jazzbassist Adam Pultz Melbye oder der Australier Andrew Morris. Der Altmeister, der bereits 1982 mit Al Wunder’s „Theatre of Ordinary“ in Melbourne improvisierte, nutzt Atem, Stimme, Bewegung und Vorstellung als Ausgangspunkt – und viel Humor. Mit diesen Ingredienzien animiert er die Teilnehmenden, ihre eigene Performance zu kreieren oder ihre Fähigkeit zu nutzen, Aufmerksamkeit gezielt zu lenken.

„Wir freuen uns über Gäste, die mit uns den Sprung in den leeren Raum wagen“, schwärmt Lisa Thomas. „Keiner der Akteure weiß, was im nächsten Moment geschieht. Es entstehen unvorhersehbare Bilder im Spannungsfeld zwischen Poesie, Humor und Ernsthaftigkeit, zwischen Klang, Stille, Stimme, Bewegung und Tanz!“ Saalfrei bedeute auch bewusstes kreatives Arbeiten in demokratischen Prozessen. „Alle Beteiligten tragen gemeinsam Verantwortung für das, was passiert, das künstlerische Produkt.“

Ein Beispiel für das richtige Leben? Improvisation eröffne unbewusste Momente, lasse spontane Dinge entstehen, betont sie. Es gehe um Wagnis, Spontaneität und die Chance zu scheitern, sodass Neues entstehen könne. Und um Nachhaltigkeit – die Ideenschmiede strahle von Feuerbach in andere Städte und Länder aus. „Durch die Plattform und ihre verschiedenen Formate sind Vernetzungen nach Berlin, Amsterdam, Göteburg und Griechenland entstanden“, schildert die Performerin. Das soll weiter ausgebaut werden.

Über den Tellerrand hinaus

Man dürfe nicht nur in seinem eigenen Sud kochen, sondern müsse über den Tellerrand hinausschauen, betont Thomas. „Gerade in diesen Zeiten, in denen immer wieder heftig an der Demokratie und damit der Meinungs- und Kunstfreiheit gerüttelt wird. Wir müssen diesen Gefahren mit aller Vielfalt der Kultur entgegentreten“, sagt Thomas.

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