Als die Familie schließlich in Sabine Königs Praxis saß, sagte das Spatzerl zu seinem Vater: „Papa, du musst einfach nur Nein sagen.“ Und meinte damit: Nein zu all meinen Wünschen. Fortan war das Zu-Bett-Gehen kein Problem mehr. „Das Neinsagen ist oft das Schwierigste“, sagt Sabine König.
Ein Altbau in Stuttgart-Weilimdorf. Vor der Fensterfront blüht der Bauerngarten in zarten Frühlingsfarben, drinnen lächeln bunte Kühe auf einem Gemälde von der Wand. Um einen Tisch gruppieren sich gepolsterte Stühle im 50er-Jahre-Stil, jeder in einer anderen Farbe überzogen. Sabine König sitzt auf einem davon, in diesem lichtdurchfluteten Raum ihres Wohnhauses, in dem sie normalerweise Familien berät. Das Zimmer und sie strahlen eine geschmackvolle Fröhlichkeit aus, eine gute Mischung aus Tradition und Moderne. Dazu eine große Ruhe und, ja, auch etwas spontan Tröstliches. Wahrscheinlich bewirkt bereits diese Umgebung, dass sich gestresste Eltern, die hier Hilfe suchen, ein bisschen besser fühlen.
Sabine König, 59, ist seit vielen Jahren eine Konstante und auch so eine Art Allzweckwaffe in der Elternberatung. Und wer mit Kindern in Stuttgart lebt, hat ganz gute Chancen, der hochgewachsenen Frau irgendwo mal zu begegnen: Die Sozialpädagogin war in den 90er Jahren eine der ersten, die Pekip-Gruppen für Mütter und Kinder anbot und eine Schreibabyberatung ins Leben rief. Heute berät sie in ihrer Praxis Mütter und Väter mit Erziehungsproblemen, außerdem ist sie im Auftrag des Jugendamtes Stuttgart unterwegs, arbeitet unter anderen mit Alleinerziehenden und Pflegefamilien.
Mütter auf der Suche
Im Rahmen des sogenannten Elternseminars, eines Fortbildungsangebots der Stadt für Familien, hält sie Seminare und Vorträge in Kitas oder auf Bühnen wie dem Merlin im Stuttgarter Westen. Um es in einem Satz zu sagen: König hilft Eltern beim Elternsein.
Die gebürtige Fränkin ist in die Arbeit mit Eltern hineingewachsen. Nach einer Ausbildung als Erzieherin und einem Studium der Sozialpädagogik zog sie Ende der 80er Jahre von Würzburg nach Stuttgart. 1988 und 1991 wurden ihre Söhne geboren. Betreuungsmöglichkeiten für Kinder unter drei Jahren gab es damals kaum. „Die Mütter mussten sich selbst organisieren“, sagt König. Sie tat sich mit zwei Freundinnen zusammen, reihum betreuten sie ihre Kinder, sodass jede ein paar Stunden arbeiten gehen konnte.
Sabine König bot Pekip-Gruppen an. Das Prager Eltern-Kind-Programm soll Säuglingen einen Raum zum Spiel und zur freien Entfaltung bieten. Aber König merkte schnell, dass die Mütter, die zu ihr kamen, noch etwas anderes suchten: „Es ging darum, sich zu vernetzen, sich auszutauschen, sich untereinander zu stützten.“ Also startete König die Elterngespräche im Merlin und in Kindergärten und irgendwann – weil sie immer mehr Anfragen dafür bekam – die Einzelberatung.
Um zu erleben, wie Sabine König heute arbeitet, kann man sie zum Beispiel in eine der Kindertagesstätten begleiten, in denen sie regelmäßig mehrstündige Elternseminare hält. „Familienleben heute“ ist etwa eine zweistündige Nachmittagsveranstaltung in einer evangelischen Kindertagesstätte überschrieben. Gut ein Dutzend Mütter und Väter sitzen im Stuhlkreis. Sabine König hält erst einen kurzen Vortrag darüber, wie sich das Familienleben vor allem durch die Berufstätigkeit der Frauen verändert hat, wie der Alltag voller, getakteter und dadurch häufig auch konfliktreicher geworden ist.
Warum kann mein Sohn nicht alleine spielen?
Danach können die Eltern Fragen stellen. „Wie lernt das Kind, allein einzuschlafen?“ „Soll ich mich in Geschwisterstreit einmischen?“ „Wie schaffe ich es, dass mein Kind sich morgens schneller anzieht?“ „Warum kann mein Sohn nicht alleine spielen?“ Es sind Bildungsbürger-Eltern mit eher harmlosen Erziehungskonflikten, die da fragen, die sich von König klare Vorgehensweisen und Lösungen erhoffen, wie ihr übervoller Alltag mit Kindern ein bisschen stressfreier wird.
Sabine König gibt einfache praktische Tipps (zum Beispiel, dass man aus dem Anziehen einen Sport machen kann, indem man eine Eieruhr aufstellt), erzählt, wie sie es bei ihren eigenen Söhnen gemacht hat („Es gab klare Phasen, in denen ich mitgespielt habe, und andere, in denen sie allein spielen mussten“). Viele ihrer Antworten kreisen darum, dass Kinder klare Regeln und Grenzen brauchen und dass man Nein sagen und trotzdem liebevolle Eltern sein kann.
Die grundsätzlichen Schwierigkeiten, die sie in den Familien wahrnimmt, benennt sie an diesem Tag nicht: dass die Kindheit heute vor allem von Funktionalität geprägt sei und dass viele Familien ganz einfach zu viele Pflicht- und auch zu viele Freizeittermine auf ihrer Agenda hätten.
Zeit, um intensiver und tiefer mit den Familien zu arbeiten, hat Sabine König in den Einzelberatungen in ihrer Praxis. Eine Sitzung als Journalistin zu begleiten geht nicht, weil alle angefragten Klienten schließlich absagen. Aber man kann mit einer Mutter sprechen, die seit vielen Jahren immer wieder Sabine Königs Hilfe sucht. Zum Schutz ihrer Kinder will sie allerdings anonym bleiben, weshalb sie in diesem Text Susanne Lederer heißen soll.
Die Konflikte eskalieren
Susanne Lederer ist eine Frau Anfang 40. Sie arbeitet mit Zahlen, sie denkt strukturiert, wenn sie etwas beschreibt, kommt sie eloquent und direkt auf den Punkt. „Ich hatte immer klare Vorstellungen davon, wie mein Leben als Mutter aussehen würde“, sagt Susanne Lederer. Dennoch oder vielleicht auch gerade deswegen wirft sie der Alltag mit ihren sehr aktiven Söhnen immer mal wieder aus der Bahn. Vor allem mit dem älteren gibt es Konflikte. Er ist ein Schreibaby, später ein nicht ganz einfaches Kleinkind.
Die Konflikte eskalierten, als er in die Schule kommt. Der Sohn hat eine mittlerweile diagnostizierte Lernschwäche, Susanne Lederer sagt, dass sie damit vor allem am Anfang nicht gut zurechtkam: „Ich dachte, ich als seine Mutter müsste ihm doch helfen können.“ Es gibt viel Streit, das Familienklima ist schlecht, ganz anders, als sich Susanne Lederer das mal vorgestellt hat.
Mit Sabine König arbeitet die Mutter an konkreten Situationen, bespricht, wie sie sich anders verhalten, ruhig bleiben kann. Fast noch mehr als die praktischen Tipps hilft Susanne Lederer allerdings zu erfahren, dass sie als Mutter nicht an allem schuld ist, dass sie Fehler machen darf, sich Hilfe holen kann, kurz, dass sie nicht perfekt sein muss, perfekt sein kann: „Ich kann jetzt auch mal offen zugeben, dass nicht immer alles superduper ist.“ Wenn man Sabine König fragt, warum Eltern heute Menschen bräuchten wie sie, warum es all die Ratgeberbücher, Foren und Mütterblogs gibt, dann stimmt Sabine König nicht ein in das Lied mancher Autoren von den tyrannischen Kindern und überforderten Eltern, sondern sie sagt: „Ich glaube, Mütter waren schon immer unsicher, aber die Rahmenbedingungen haben sich verändert.“
„Ein Kind bedeutet Fremdbestimmung“
Zum Beispiel spiele das Thema Mutterschaft heute beim Aufwachsen kaum eine Rolle: „Mädchen werden auf ein individuelles, erfolgreiches Leben vorbereitet. Ein Kind aber bedeutet Fremdbestimmung und zeitweise auch Selbstaufgabe. Das ist eine mächtige Erfahrung.“ Man könnte auch sagen: Es ist der Einbruch des Archaischen, des Unkontrollierbaren in ein perfekt organisiertes Leben, das den Müttern und den Vätern, die sich heute so stark in die Erziehung einbringen wie nie zuvor, zu schaffen macht und das „das zentrale Thema“ in ihren Beratungen ist.
Dabei ist sich Sabine König völlig bewusst ist, dass sie in der Einzelberatung – die die Eltern selbst bezahlen müssen – und auch beim Elternseminar vor allem eine gehobene Mittelschicht erreicht. Und dass das vielleicht ein generelles Problem des „erziehungsunterstützenden Apparats“ ist: Er sei genährt von den Vorstellungen und Maximen einer Schicht, die keine materiellen Sorgen habe. Wer aber in prekären Umständen lebe, der habe eben wenig Zeit und auch keinen Kopf dafür, sich groß über Erziehungsideale Gedanken zu machen. „Reflexionsbereitschaft ist ein teures Gut.“
König spricht eine „Einladung“ aus
Weshalb für Sabine König auch die generelle Frage ist: „Ist dieses Konzept, das wir kommunizieren, überhaupt kompatibel für Menschen in kritischen Lebensumstände?“ Und die sich anschließende Frage: „Was bedeutet es eigentlich für das Miteinander von Kindern und Eltern, wenn immer mehr Menschen die Teilhabe am gesellschaftlichen Leben verwehrt ist?“
Sie selbst löst diesen Widerspruch in ihrer Arbeit, indem sie die Probleme als gleichwertig betrachtet: die der minderjährigen Alleinerziehenden in prekären Verhältnissen und die der wohlhabenden Akademiker-Mutter, die an den eigenen Ansprüchen scheitert. Auf beide, so sagt Sabine König, lasse sie sich ein, beiden höre sie einfach zu, und beiden spreche sie eine „Einladung“ aus, sich gemeinsam auf die Suche nach Lösungen zu machen. Nicht mehr, aber auch nicht weniger.