Sabrina Amali als Notärztin Nina Haddad Foto: ARD/Volker Roloff
Sie kommen, um zu helfen, werden aber beschimpft, bedroht, beleidigt und angegriffen. Vom Alltag der Rettungssanitäter erzählt die neue, in Mannheim spielende ARD-Primetime-Serie „Die Notärztin“ mit Sabrina Amali.
Sabrina Amali spielt in der neuen Prime-Time-Serie „Die Notärztin“ eine Frau, die den ganz normalen Wahnsinn bei Rettungseinsätzen erlebt. Im Interview spricht die Schauspielerin über die Verrohung der Sitten, Authentizität und darüber, warum die Serie ein Statement für eine diverse Gesellschaft ist.
Frau Amali, gibt es Gemeinsamkeiten zwischen dem Job der Schauspielerin oder dem der Notärztin?
Wenn ich eine Rolle übernehme, versuche ich immer zu verstehen, was die, die ich spiele, durchmacht, und habe Parallelen zwischen beiden Berufen gefunden. Dieses ständige Unterwegssein, sich immer wieder auf neue Situationen, Menschen und deren Geschichten einstellen zu müssen, macht beide Jobs so wahnsinnig interessant. Auch diese hohe Intensität, und dass man in einem Team arbeitet, das einem schnell ans Herz wächst, weil man so viel zusammen erlebt. Ich habe vor dem Dreh ein Praktikum gemacht in der Feuerwache Kreuzberg/Neukölln. Und obwohl wir aus verschiedenen Welten kamen – hier die Rettungskräfte, da die Schauspielerin – fiel es mir am Ende schwer zu gehen, weil wir so schön aneinandergeschweißt waren.
Sabrina Amali in der Titelrolle als Notärztin Dr. Nina Haddad und Max Hemmersdorfer als Feuerwehrmann Markus Probst Foto: ARD/Volker Roloff
Ein Kollege sagt einmal zu Nina Haddad, die sie spielen: „Du hast ein zu großes Herz für den Job.“
Gerade, weil sie so ein großes Herz hat, macht sie ihren Job so gut. Aber das hat natürlich seinen Preis. Auch davon erzählt „Die Notärztin“.
Stimmt es, dass Sie bei den Dreharbeiten von einem Rettungssanitäter unterstützt wurden.
Ja, der hat auch eine kleine Rolle in der Serie. Der hat mich begleitet, mir die richtigen Handgriffe gezeigt. Wir hatten auch im Vorfeld geprobt. Es ging uns darum, dass alles wahrhaftig und authentisch aussieht.
Während in US-Serien Rettungsszenen oft hektisch wirken, sind bei „Die Notärztin“ die Einsätze viel ruhiger, bedächtiger inszeniert: kein Gerenne der Rettungskräfte, kein nervöser Soundtrack, keine schnellen Schnitte. Geht es da auch um Authentizität?
Genau! Das war dem Regisseur Jan Haering, der auch Co-Drehbuchautor der sechs Folgen war, sehr wichtig. Schon vor dem ersten Casting hat er mir am Telefon gesagt: Guck dir lieber zum Beispiel skandinavische Serien an! Ihm ging es nicht darum, Action oder große Kamerakunst zu zeigen, sondern den Alltag, zu dem auch Bagatelleinsätze und dieser ganz normale Wahnsinn gehören.
Nina (Sabrina Amali) und Paul (Paul Zichner) haben in einem Baumarkt ein Kind entbunden. Foto: ARD/Volker Roloff
In „Die Notärztin“ werden Nina und die anderen Rettungskräfte beschimpft, bedroht, beleidigt und angegriffen. Auch das scheint inzwischen zum Alltag dieser Arbeit zu gehören.
Klar, wir haben alle in den letzten Jahren mitbekommen, wie anstrengend und nervenaufreibend der Job ist. Auch in den Krankenhäusern, die personell unterbesetzt sind, was vor allem während Corona deutlich wurde. Und dass Rettungskräfte immer häufiger angegriffen werden, ist schon absurd, weil die kommen, um zu helfen.
Dr. Nina Haddad ist vielleicht sogar mehrfach gefährdet, zur Zielscheibe zu werden: als Notärztin, als Frau und als Mensch mit einer Migrationsgeschichte.
Als Frau habe ich großen Respekt davor, dass man zu zweit als Sanitäter einfach irgendwo hingeht und nicht weiß, was hinter dieser Tür auf einen wartet, was passiert. Als Polizist kommt man bewaffnet und als Teil eines Trupps. Aber im Rettungswagen kommt man zu zweit und unbewaffnet – und dann ist man vielleicht auch noch eine Frau. Das halte ich für die größte Herausforderung bei diesem Job. Tatsächlich habe ich in diesem Zusammenhang aber nie von Angriffen gehört oder welche erlebt, die sich auf die Migrationsgeschichte der Rettungskräfte beziehen. Ich war allerdings bei meinem Praktikum nur in Kreuzberg und Neukölln unterwegs und weiß nicht, wie es anderswo aussieht.
Die Herkunft Nina Haddads wird in der Serie nicht thematisiert.
Das war eine bewusste und wie ich finde mutige Entscheidung, ein Statement für eine diverse Gesellschaft. Ich heiße ja auch Sabrina Amali, habe marokkanische Wurzeln, komme aus der Schweiz, arbeite in Deutschland, bin aber vor allem Schauspielerin. Und ich finde in der Serie sollte es zunächst nicht um den Migrationshintergrund der Hauptfigur gehen, sondern erst mal um den Rettungsdienst. Mich hat auch niemand gefragt, als ich das Praktikum gemacht habe, woher ich komme und einfach geschaut, wie ich mich so anstelle. Natürlich liegt das auch daran, dass ich Schauspielerin bin und sowieso aus einer anderen Welt komme. Und Nina Haddad kommt auch aus einer anderen Welt: aus Zürich, aus dem Krankenhaus, aus der Anästhesie. Da prallen sowieso schon Welten aufeinander. Das war eher Thema und nicht der Migrationshintergrund.
Feuerwehrmann Pio (Mark Zak), Markus (Max Hemmersdorfer) Nina (Sabrina Amali), Paul (Paul Zichner), Billy (Anna Schimigk) und weitere Feuerwehrmänner kommen am Einsatzort an. Ein Mann ist in den Kellerschacht gefallen. Foto: ARD/Volker Roloff
Als Schauspielerin sind eine Art Dauer-Migrantin, leben meistens aus dem Koffer, weil sie ständig an anderen Orten drehen. Gibt es einen Ort, an dem Sie sich zu Hause fühlen oder sind Sie heimatlos?
Ich finde den Begriff Heimat ein bisschen absurd. Ich finde Heimat immer dort, wo Menschen sind, die mir wichtig sind: wenn ich nach Berlin komme, wo ich zehn Jahr gelebt habe, ebenso wie in Basel, wo ich aufgewachsen bin, oder in Marokko, wo meine Familie lebt.
Sabrina Amali und „Die Notärztin“
Person Sabrina Amali wurde 1992 in Basel als Tochter einer Marokkanerin und eines Schweizers geboren. Sie ist zweisprachig aufgewachsen (Arabisch und Deutsch) und besuchte von 2013 bis 2016 die Schauspielschule Charlottenburg in Berlin. Amali hat in zahlreichen Kino- und TV-Produktionen mitgespielt – zum Beispiel im „Tatort“ und in der Serie „4 Blocks“.