Sängerin Joy Denalane „Hinter tiefer Trauer liegt die Liebe“

Was gefällt Ihnen an Stuttgart am besten, Joy Denalane? Foto: /Timothy Schaumburg

Neues Album, neue Konzerttermine: Sängerin Joy Denalane spricht über den Tod des Vaters, ihre Beziehung zu Max Herre und verrät, wie es ist, wenn die Kinder aus dem Haus sind. 

Freizeit und Unterhaltung: Theresa Schäfer (the)

Drei Jahre nach „Let Yourself Be Loved“ veröffentlicht Joy Denalane ihr neues Album „Willpower“. Ein Gespräch über Trauer, neue Anfänge und Stuttgart, das drei Jahre ihr zweites Zuhause war.

 

Frau Denalane, Sie haben begonnen, an Ihrem aktuellen Album „Willpower“ zu arbeiten, nachdem Ihr Vater 2021 gestorben war. Hat er Sie musikalisch geprägt?

Mein Vater hat mich musikalisch unheimlich stark beeinflusst. Er hat den Grundstein gelegt für meine Vorliebe für Jazz-, Soul- und Funkmusik. Er ist jeden Samstag Platten kaufen gegangen. Dann kam er mit denen nach Hause und hat die das ganze Wochenende aufgelegt. Musik war bei uns unwahrscheinlich präsent. Von uns sechs Geschwistern war ich die, die am meisten vor dieser Sammlung saß und sich Platten angehört hat.

Den Song „Happy“ haben Sie Ihrem Vater gewidmet. Darin singen Sie die Zeile „Happy for the loss“. Können Sie das Gefühl dahinter beschreiben?

Die Zeile ist natürlich der totale Widerspruch. Was ich damit ausdrücken wollte, war das Gefühl, das ich wiedergefunden habe nach diesem Verlust. Einerseits ein bis dahin noch nicht gekanntes Unglück – ich war noch nie so unglücklich in meinem Leben wie nach dem Tod meines Vaters. Als ich aber dahinter schaute, lag da eine große Schönheit, eine Glückseligkeit über die liebevolle Beziehung, die wir hatten. Wir wussten, dass unser Vater sterben würde, dass seine letzten Jahre bevorstanden. Und die haben wir intensiv genutzt und waren wirklich täglich mit ihm zusammen. Das war eine transformative Phase in unserer Beziehung, die ich bis dahin auch noch nicht kannte. Von der schutzbefohlenen Tochter zur Person, die ihn beschützt.

Wäre die Trauer nicht so tief, wenn die Liebe nicht so groß gewesen wäre?

Genau. Wenn man hinter so eine Trauer schaut, die so intensiv ist – was liegt dahinter? Da liegen Jahre der Liebe dahinter. Das soll das zum Ausdruck bringen: die Dankbarkeit für diese Jahre.

In dem Song übernimmt Ghostface Killah vom Wu-Tang Clan den Rap-Part. Wie kommt man an eine solche Hip-Hop-Legende heran?

Natürlich sind es Beziehungen, die da eine Rolle spielen. Am Ende geht es aber um Qualität und den Anspruch, sich auf Augenhöhe zu begegnen. Ghostface Killah hat sich meinen Song angehört und fand ihn einfach gut.

Wie haben Sie den Song produziert?

Wir haben uns in Wien im Aufnahmestudio getroffen. Er hat innerhalb weniger Stunden eine unglaubliche Empathie für die Thematik entwickelt. Ghostface Killah ist ja nicht nur eine Legende, weil er das schon so lange macht, er ist auch ein guter Storyteller. Bei ihm hatte ich das Gefühl, er ist der Richtige für diese Geschichte.

Er hat den Text seines Parts selbst geschrieben, aber aus Ihrer Sicht – wie hat er das gemacht?

Er wollte von mir alles wissen, alles, woran ich mich erinnerte. Er wollte allein schreiben, hat mich aber zwischendrin immer hinzugerufen und wollte noch mehr Informationen. Er hat sich, ganz Oldschool mit Stift und Papier, alles Mögliche aufgeschrieben. Ich habe vom letzten Tag meines Vaters erzählt. Da waren wir alle bei ihm und er war unglaublich fit, lebendig und lustig. Ich habe das Ghostface Killah als Schwanengesang geschrieben, dieses Aufblühen im Moment vor dem Ableben. Dieses Wort hat er dann im Vers verarbeitet.

Nicht nur der Verlust eines Elternteils, sondern auch der Eintritt in eine neue Lebensphase ist Thema Ihres Albums. Wie fühlen Sie und Ihr Mann sich als „Empty Nesters“, wo Ihre beiden Söhne das Haus verlassen haben?

Bisher leide ich nicht am „Empty Nest“-Syndrom. Es gibt einfach so viel zu tun. Es ist ein neuer Lebensabschnitt: Die Kinder sind nicht mehr zu Hause, sondern nur noch Max und ich. Im weitesten Sinne haben wir darauf auch sehr lange hingefiebert, weil wir sehr früh in unserer Beziehung, schon nach einem Jahr, Eltern wurden. Jetzt sind wir das immer noch, aber mit Kindern, die auf eigenen Beinen stehen. Wir wollten eigentlich viel reisen, alle möglichen spontanen Dinge machen. Jetzt ist es aber eigentlich so, dass wir nur arbeiten. Sogar mehr denn je. Das ist natürlich auch eine Freiheit, weil wir bis dato den Deal hatten, dass einer arbeitet und der andere Elternteil zu Hause ist und guckt, dass es den Kindern gut geht.

Ihr Sohn Isaiah arbeitet auch als Rapper. Wie ist das, wenn das Kind kommt und sagt: Ich will das machen, was Ihr macht?

Genau deswegen wollte er es lange nicht. Mir war aber schon klar, dass er das irgendwann in Angriff nimmt, weil er Rap zu sehr liebt und zu begabt ist, um es nicht zu tun. Eigentlich ist es eine risikoreiche Entscheidung zu sagen: „Ich werde jetzt Künstler*in.“ Da Max und ich diesen Mut an einem gewissen Punkt aufgebracht haben, verstehen wir die Motivation dahinter und finden es gut.

Bei diesem Album haben Sie wieder mit Ihrem Ehemann Max Herre zusammengearbeitet.

Ich habe ihn gern an meiner Seite, zum Beispiel textlich, aber auch beim Produzieren. Ich habe fast auf jedem Album mit Max zusammengearbeitet, nur beim letzten nicht. Er hat immer mitgeholfen, ob das beim Produzieren, beim Schreiben oder beim Videodreh war. Er ist ein guter Partner an meiner Seite, weil er eine Liebe hat für das, was ich mache, und auch ein Verständnis dafür.

Sie schreiben Ihre Stücke oft mit Sékou Neblett, der schon auf dem ersten Freundeskreis-Album „Quadratur des Kreises“ zu hören war. Wie oft treffen Sie bei Ihrer Arbeit auf Menschen, die zur Stuttgarter Kolchose gehören?

Mit einem Mitglied der Kolchose lebe ich ja zusammen. Sékou ist mein Freund über die Kolchose hinaus. Beide habe ich separat vom Kolchose-Movement kennengelernt. Erst mal war ich selbst ein Freundeskreis-Fan, weil das anders war als alles, was ich zu diesem Zeitpunkt kannte. Mit Sékou habe ich unglaublich viel Zeit im Tourbus verbracht, denn wir waren permanent unterwegs. Auch mit Afrob bin ich immer noch sehr, sehr eng. Afrob war ja gerade auf Tour und Isaiah hat für ihn im Vorprogramm gespielt. Max, Sékou und Afrob – das sind meine Engsten aus dem Kreis der Kolchose.

Im Sommer haben Sie und Max Herre im Rahmen des Hip-Hop-Open ein Benefizkonzert an der Grabkapelle gegeben. Haben Sie eine besondere Beziehung zu Stuttgart?

(Lacht) Klar habe ich eine Beziehung zu Stuttgart. Erstens kommt Max von dort, zweitens habe ich drei Jahre lang dort verbracht, wenn wir nicht gerade im Tourbus waren. Drittens habe ich mein erstes Kind dort auf die Welt gebracht und viertens meine erste Platte dort geschrieben und produziert. Meine Schwiegereltern leben dort. Mit etwas Abstand bin ich auch gern in Stuttgart. Als ich dort gelebt habe, war es für mich schwieriger reinzukommen – weil da natürlich auch Mentalitäten aufeinanderstoßen, die sich sehr unterscheiden. Die Berliner und die Stuttgarter Mentalität könnten weiter auseinander nicht sein. Retrospektiv kann ich sagen, das war eine tolle Zeit. Ich bin gerne in Stuttgart.

Was ist das Beste an Stuttgart?

Die Stäffele (lacht)! In Teilen ist es einfach eine sehr hübsche Stadt, die aufgrund ihrer Topografie besonders ist. Es gibt sehr hübsche Stadtteile und manche Stäffele sind wirklich sehr romantisch. Wenn du ankommst am Hauptbahnhof, ist es schwierig. Wenn man sich nicht auskennt in der Stadt, dann ist man vielleicht erst enttäuscht. Wenn man nicht aus der Stadt kommt und es nicht zur DNA gehört, macht diese Kessellage auch etwas mit einem, das kann schon auch ein bisschen beklemmend sein. Aber wenn du die Stadt näher kennenlernst, dann hat sie unglaublich schöne Ecken – die Karlshöhe zum Beispiel. Das siehst du aber nicht, wenn du als Touri herkommst.

Zur Person

Biografie
Die Sängerin (50) ist in Berlin als Tochter eines südafrikanischen Vaters und einer deutschen Mutter geboren und aufgewachsen. Sie war die erste deutsche Künstlerin, die ein Album beim US-amerikanischen Soul-Label Motown veröffentlichte. Verheiratet ist sie mit dem Musiker Max Herre. Denalane und Herre haben zwei Söhne, der ältere, Isaiah, macht inzwischen selbst Musik.

Konzerte
Ab der kommenden Woche stellt Denalane ihr sechstes Studioalbum „Willpower“ live vor. Am 9. November gastiert sie in Stuttgart im Wizemann.

Weitere Themen

Weitere Artikel zu Interview Max Herre Kolchose