Salafisten in Deutschland Der stille Kampf gegen die Eiferer

Von Akiko Lachenmann 

Die Politik hat kein Rezept gegen den Sog der Salafisten. Eine junge Syrerin aus Osnabrück versucht, die Radikalen auszubremsen.

Osnabrück - Fast hätte Hakan Bokül (Name geändert) zu den Waffen gegriffen. In der Innenstadt von Osnabrück sprachen die ganz in Weiß gekleideten Männer den jungen Türken freundlich an. Später drängten sie ihn dazu, so zu denken wie sie und ihnen zu folgen. Ihr Reiseziel war damals Afghanistan. Vielleicht würde Hakan Bokül jetzt dort Bomben bauen – wenn Dua Zeitun ihn nicht vorher rausgeholt hätte.

Die 32-jährige Syrerin – klein, blass, aber mit markantem Profil – kniet auf dem Orientteppich im Frauengebetsraum der Ibrahim-Al-Khalil-Moschee. Vor sich hat sie ihr Notebook aufgeklappt. Aufmerksam liest sie die neuen Einträge auf ihrer Facebook-Seite, ihrem Sensor für radikales Gedankengut. An die 1000 „Freunde“ hat sie gesammelt, alles junge Muslime aus dem Großraum Osnabrück, die ihre Meinun­gen  posten und Dua mit Fragen überhäufen. Zu den brennendsten Fragen organisiert sie Podiumsdiskussionen der Muslimischen Jugendcommunity Osnabrück, deren Gründerin sie ist. Zu einer der Veranstaltungen erschien auch Hakan Bokül. Am Ende, als fast keiner mehr da war, trat er auf Dua zu, verunsichert, redebedürftig. „Ich merkte sofort, dass etwas faul war“, erinnert sie sich.

Prediger wie Pierre Vogel bieten einfache Erklärungen

Den jungen Mann konnte Dua Zeitun gerade noch vor den Salafisten bewahren. Andere Jugendliche landen auf ihrer Suche nach Antworten häufig bei Pierre Vogel oder anderen radikalen Predigern, die ihre Botschaften im Internet inflationär verbreiten. Mit ihren einfachen Erklärungen bieten sie den Jugendlichen Identifikationskonzepte und ein Islamverständnis, das den Grundwerten der Demokratie widerspricht. Die Zahlen sind alarmierend. Laut Bundesverfassungsschutz ist die Zahl der Salafisten in Deutschland innerhalb eines Jahres von schätzungsweise 3800 auf 4500 gestiegen – Sympathisanten nicht mitgerechnet. Darunter seien etliche Personen, die es nach Syrien in den „Heiligen Krieg“ zieht. Der Verfassungsschutz weiß von ungefähr 170 Personen, die bisher nach Syrien ausgereist sind.

Warum der Zulauf zu den Salafisten in einem nichtislamischen Land wie Deutschland so hoch ist, liegt am Bedürfnis vieler muslimischer Jugendlicher nach Religiosität. „Als Minderheit in einem Einwanderungsland stiftet sie Identität und ein Gefühl von Zugehörigkeit“, stellt das Zentrum Demokratische Kultur fest. „Und das Bekenntnis zur Religion wächst, je stärker diese von der Gesellschaft infrage gestellt wird“, heißt es in einer aktuellen Publikation der gemeinnützigen Gesellschaft, die sich mit Extremismusphänomenen auseinandersetzt.

Gleichzeitig mangelt es an deutschsprachigen Imamen, die mit diesen Jugendlichen auf Augenhöhe kommunizieren können. Das beobachtet der Osnabrücker Islamwissenschaftler Rauf Ceylan, der im Rahmen einer Studie mit 250 von insgesamt 2000 Imamen in Deutschland gesprochen hat. „Die meisten sind selbst nicht in der deutschen Gesellschaft angekommen“, sagt Ceylan. Viele seien türkische Staatsbeamte, die nach vier Jahren wieder zurück in ihre Heimat kehrten. „Ihre Predigten gehen an der Lebenswirklichkeit der Muslime in Deutschland völlig vorbei.“ Zwar werden in wenigen Jahren die ersten in Deutschland ausgebildeten Imame ihre Arbeit aufnehmen – vor zwei Jahren haben die ersten Universitäten das Fach „Islamische Theologie“ eingeführt, aber noch immer ist unklar, wer die neue Imam-Generation bezahlen wird.

Die Syrerin fühlte sich lange Zeit selbst ausgegrenzt

Dua Zeitun teilt mit etlichen Jugendlichen die Erfahrung, sich ausgegrenzt zu fühlen. Sie wuchs in einem kleinen Kurort in der Nähe von Osnabrück auf, wo man weite Bogen um Mädchen mit Kopftüchern macht. Ihr, der

Die Syrerin Dua Zeitun ist die Tochter eines Imams und setzt sich für den interreligiösen Dialog ein. Foto: Lachenmann
Tochter eines syrischen Imams, die fünfmal am Tag betet und zwischendurch auf Facebook auch mal Witze über gescheiterte Diäten macht, vertrauen sich die jungen Muslime an. Fragen wie „Verbietet es der Koran, dass ich vor der Ehe einen Freund habe?“ gehören zu ihrer Spezialität. „Alle scharen sich um Dua“, schwärmt Liliya, eine Studentin aus Russland. „Allen gibt sie Rat.“

Dabei ist Dua stets bedacht, zwischen Christentum und Islam zu vermitteln. Ihr Vater Abdul-Jalil Zeitun gehört zu den wenigen Imamen, die Kontakte zu Kirche und Politik pflegen. Seine Tochter schickte er in einen katholischen Kindergarten. Heute ist Dua für das Bistum Osnabrück die Projektverantwortliche für den interreligiösen Dialog. Sie kann über Jesus’ Rolle im Islam genauso diskutieren wie über die Frage, ob Unverheiratete sich die Augenbrauen zupfen dürfen. Die heißesten Debatten führt sie mit ihren eigenen Kindern, die allmählich in die Pubertät kommen. Empfindlich reagiert sie auf die Wortwahl der Medien, wenn es um den Islam geht. Als der Berliner Tagesspiegel Walter Steinmeiers neue Sprecherin Sawsan Chebli als „strenggläubig“ bezeichnete, weil diese angab, keinen Alkohol zu trinken und kein Schweinefleisch zu essen, fragte sich Dua verärgert: „Was bin ich denn dann? Radikal?“