Salzburger Festspiele Buh-Rufe für Marthalers „Falstaff“

Szene aus Verdis „Falstaff“ bei den Salzburger Festspielen: Gerald Finley als John Falstaff, Elena Stikhina als Alice Ford. Foto: Salzburger Festspiele/Ruth Walz

So unlustig wie jetzt bei den Salzburger Festspielen hat man Verdis Oper „Falstaff“ selten erlebt. Regisseur Christoph Marthaler und Bühnenbildnerin Anna Viebrock servieren die Komödie als grotesken Filmset. Teile des Publikums reagieren mit Protest.

Alles ist Spaß auf Erden – so verkündet es die Schluss-Fuge in Giuseppe Verdis letzter Oper. Der dicke Titelheld, der von der Gesellschaft bestraft wird, weil er zur Aufbesserung seiner Finanzen dummerweise zwei reiche Frauen gleichzeitig anbaggert, trägt zwar Blessuren davon. Dennoch ist „Falstaff“ eine Komödie.

 

Viel Shakespeare steckt in dem Libretto, welches das geniale Multitalent Arrigo Boito 1893 aus „Die lustigen Weiber von Windsor“ und „Heinrich IV.“ zusammenfügte. Dazu hat Verdi eine federleichte Musik geschrieben: drei durchkomponierte Akte voller Melodien, aber ohne große Arien, stattdessen gesanglich geprägt von einem luftigen Gesprächston.

Das Feine verliert sich auf der großen Bühne

„Falstaff“ ist ein filigranes Kammerspiel. Das ist der zentrale Knackpunkt des Abends, der nach der Premiere am Samstagabend für (bei den Salzburger Festspielen untypische) laute Buhrufe gesorgt hat: Die Bühne im Großen Festspielhaus ist viel zu groß, zu breit für dieses Stück. Das Feine, Zerbrechliche im „Falstaff“ verliert sich hier, und zwar auf allen Ebenen.

Ingo Metzmacher dirigiert die Wiener Philharmoniker. Er kümmert sich um Klarheit, um Deutlichkeit. Man hört viele Details und schöne Instrumentalfarben. Aber die Notwendigkeit, die weit auf der Bühne verstreuten Sänger mit den Orchestermusikern im Graben zusammenzubringen, verstärkt die ohnehin ausgeprägte Neigung des Dirigenten zum geraden Durchdirigieren. Dem quicken Stück tut das gar nicht gut. Musikalisch wirkt dieser „Falstaff“ wie eine Addition von Szenen. Es geht nichts voran. Manchmal langweilt man sich sogar ein bisschen.

Doppelbungalow mit leerem Pool

Ähnliches gilt für die Szene, aber dort machen die Regie von Christoph Marthaler sowie Bühne und Kostüme von Anna Viebrock die Sache noch ein bisschen komplizierter. Wir befinden uns anfangs nämlich nicht einfach im Gasthof „Zum Hosenband“, sondern auf einer Bühne, die diesen Gasthof darstellt. Diese Bühne befindet sich in der Mitte der großen Bühne im Festspielhaus; rechts von ihr sehen wir einen Doppelbungalow mitsamt (leerem) Pool, links ein Kino.

Letzteres spielt insofern eine Rolle, als der Abend ohne Musik beginnt. Bevor das Orchester zu spielen beginnt, flackern Lichter über die Kinosessel, Verdis Musik kommt aus Lautsprechern. Ein Zuschauer ist da. Falstaff? Vielleicht. Vor allem aber erinnert der Mann an einen berühmten Regisseur mit Zigarre: Orson Welles. Die Tatsache, dass Welles im Jahr 1965 einen „Falstaff“-Film gedreht hat, bei dem er Regisseur und Hauptdarsteller zugleich war, hat Marthaler zum Einzug einer doppelten Ebene inspiriert. Die Opernhandlung wird nicht nur gespielt, sondern von einer Filmcrew abgefilmt und flimmert gleichzeitig in Teilen immer wieder über die imaginäre Kinoleinwand – ein permanentes „Als-ob“.

Bühne auf der Bühne – das Geschehen bei „Falstaff“ wird abgefilmt. Foto: Salzburger Festspiele/Ruth Walz

Hinzu kommt viel zusätzliches Personal: Kameraleute, Statisten, garniert von typischen Marthaler-Figuren: einer Kabelträgerin, die sich heillos in ihre Kabel verwickelt. Einem Turner, der tut, was Falstaff hier eben nicht tut, nämlich aus Furcht vor dem wütenden Gatten in den Wäschekorb zu springen (und von dort wieder hinaus, in den Pool hinein, wieder in den Korb und so weiter und so fort). Die Bühne ist voll. Es wuselt überall; ja, es wuselt so sehr, dass das Ergebnis oft auch wieder statisch ist. Ein Opern-Wimmelbild. In der hermetischen Marthaler-Welt gibt es viele Wiederholungen und Ornamente, aber auch hier geht nichts voran.

Zentral ist die Doppelung der Falstaff-Figur. Gerald Finley singt die Titelpartie (trotz Kehlkopfentzündung!) bis hin zum sauber gesetzten Falsett sehr fein und differenziert, sein Falstaff ist eine Charakterstudie.

Verwirrspiel-Szenen mit zwei Falstaffs: Marc Bodnar (Orson W.) und Gerald Finley (Sir John Falstaff). Foto: Salzburger Festspiele/Ruth Walz

Der Regisseur, im Programmheft gelistet als Orson W., stumm gespielt von Marc Bodnar, ist wie in Welles‘ „Falstaff“-Film auch Falstaff. Trägt dieselben Klamotten wie Finley. Im Finale des zweiten Aktes landet anstelle des Sängers der Regisseur im Pool (der die Themse ersetzt).

Aber liegen unter den lustigen Irrungen und Wirrungen nicht auch echte Gefühle? Die Sehnsucht der Frauen nach überwältigenden Emotionen? Die Verzweiflung des Kriegsheimkehrers Falstaff, der seinen Weg zurück in die Gesellschaft nicht findet? All das spürt man hier nicht. Grandiose Sänger-Darsteller stehen auf der Bühne, darunter Tanja Ariane Baumgartner als Mrs. Quickly, Simon Keenlyside als Ford, Elena Stikhina als Alice Ford, Giulia Semenzato als Nannetta und Bogdan Volkov als Fenton.

In Ritterrüstung auf der Bühne

Das Orchester ist aber oft zu laut. Und die Inszenierung ist eine Maschine. „Tutti gabbati“, „Alles Gefoppte!“ singt am Ende Falstaff – nein, nicht der Sänger, sondern, huch!, sein Regie führendes Double, das, jetzt in Ritterrüstung, im Kino auf der Bühne Platz genommen hat. Teile des Publikums fühlen sich gefoppt und protestieren.

Dass das beim Altmeister Marthaler passieren könnte: Das ist wohl die größte Überraschung einer Inszenierung, die auf almeisterlich-raffinierte Weise am Herz der Komödie vorbeigeht.

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