Sandhausen steigt auf Ein Dorf lebt seinen Traum

Von Oliver Trust 

Der SV Sandhausen steigt in die zweite Fußball-Bundesliga auf. Das ist der größte Erfolg in der Geschichte des Vereins aus der Nähe von Heidelberg.

Präsident Jürgen Machmeier Foto: dpa
Präsident Jürgen Machmeier Foto: dpa

Es wäre nicht verwunderlich, wenn der SV Sandhausen demnächst in den Verkehrsnachrichten auftaucht. So wie die Wilhelma, wenn das Wetter gut ist an Feiertagen. Das kann Sandhausen jetzt auch bieten. Gutes Wetter, Feiertage und keine Parkplätze. Was man gut verstehen kann, wenn ein Fußballverein, der bisher höchstens als Pokalschreck taugte (1995 13:12 nach Elfmeterschießen gegen den VfB Stuttgart), erstmals in seiner 95-jährigen Geschichte in die zweite Liga aufsteigt. Noch bemerkenswerter wird die Sache, wenn man sich in der Nachbarschaft umschaut. Einen Steinwurf vom Hardtwaldstadion entfernt liegt die Zentrale des Softwareriesen SAP – und dort fällt jedem sofort Hoffenheim und Dietmar Hopp ein.

Heute lässt man sich gegenseitig leben, was nicht immer so war. Das kleine Sandhausen existiert besser ohne Konkurrenzkampf, den man im Schatten des übermächtigen Hoffenheim nie gewinnen kann. „Hier ist Platz für zwei Vereine“, sagt Sandhausens Clubchef Jürgen Machmeier und spricht von einem freundschaftlichen Verhältnis. Der in der Region einflussreiche Hopp hat nun sogar angeboten, dass ­Sandhausen die ersten Zweitligaspiele in der Rhein-Neckar-Arena austragen kann. Sandhausen versucht aber alles, um das eigene Stadion rechtzeitig fertig zu stellen: Von derzeit 10 200 Zuschauern soll die Arena auf 12 500 aufgestockt werden.

Die ersten Aufträge für den Ausbau des Stadions sind vergeben. Während die Handwerker aus der Gegend anrollen, muss es hinter den Kulissen möglichst normal weitergehen. Heute steht der Verbandspokal in Neckarelz an und am Samstag das Spiel in Osnabrück, bevor zum Saisonfinale Heidenheim kommt. „Wir wollen als Meister aufsteigen“, sagt der Immobiliengeschäftsmann Machmeier, der selbst viel Geld in den Club investiert hat. Sorgen macht er sich nach den Feiern der vergangenen Tage nicht. „Die jungen Burschen vertragen was“, sagt er und lacht.

Die Namen der künftigen Gegner lösen Euphorie aus

Den eigenen Weg zu gehen hat man in Sandhausen jahrelang geübt. Mit wechselndem Erfolg wurde der Überlebenskampf gestaltet. Im Jahr 2005 wollte der Milliardär Hopp den SV Sandhausen mit Hoffenheim und Walldorf fusionieren, um eine breitete Basis für Profifußball in der Rhein-Neckar-Region zu schaffen. In Sandhausen wurden sie misstrauisch – und stiegen aus. Man fürchtete, zu einem Farmteam reduziert und fremdbestimmt zu werden. Es sagt keiner laut, aber beim SVS sind sie heute froh über die konsequente Entscheidung von damals. Um sich abzugrenzen, schuf der Club den Marketingspruch: „Authentisch, glaubwürdig und echt – 100 Prozent Sandhausen“.

Heute lösen allein die Namen der künftigen Gegner im 14 000-Einwohner Städtchen nahe Heidelberg eine Welle der Euphorie aus. Bald gegen Kaiserslautern zu spielen erscheint vielen wie ein Traum. 1860 München, Hertha BSC, Bochum und Eintracht Braunschweig – auch das klingt in Sandhausen nach Paradies. Vieles andere muss wachsen. Bei einem Etat von neun Millionen Euro wird man sich nahe an die zehn Millionen in Kaiserslautern heranarbeiten, bei allem anderen liegen Welten zwischen dem viermaligen Deutschen Meister und dem dörflichen SV Sandhausen, der bisher zweieinhalb fest angestellte Mitarbeiter beschäftigt, zweimal Amateurmeister war und in der zweiten Liga einen Mittelfeldplatz anstrebt.

Als die Aufsteiger am Samstag vom entscheidenden 2:1-Sieg in Münster zurückkehrten, warteten 800 Fans am Stadion. Feuerwerksraketen stiegen bei strömendem Regen in den Nachthimmel. „Das ist ein riesiger Sprung für unsere Gemeinde und für unseren Verein“, sagte der Trainer Gerd Dais, der als Profi einst beim Karlsruher SC und Waldhof Mannheim spielte. Keiner scheint besser in die beschauliche badische Provinz zu passen als der 48-Jährige. Trotzdem wurde er einmal entlassen, „als wir zu gierig waren und zu viel wollten“ (Machmeier). Er holte ihn reumütig zurück. Gerd Dais schaffte das „Wunder“ in der Rekordzeit von nur 18 Monaten.