Mal riefen die Nachbarn an, weil die Mutter nur mit einer Unterhose bekleidet zum Spaziergang aufgebrochen war. Dann meldete sich die Polizei wegen einer Autofahrt, die im Gleisbett der S-Bahn endete. Im Briefkasten steckte die völlig überteuerte Rechnung eines Schlüsseldienstes nebst zwei neu abgeschlossenen Handyverträgen.
„Wir waren jahrelang in dauernder Alarmbereitschaft, was meine Mutter heute wieder angestellt hatte“, sagt Torsten Klein, 47, der seine Geschichte unter diesem geänderten Namen erzählt.
Vor etwa zehn Jahren wurde Torsten Klein klar, das seine Mutter, damals 74, an Demenz litt. Der Vater starb kurze Zeit darauf, für den Sohn war es selbstverständlich zu helfen. Nur wäre das eigentlich ein Vollzeitjob gewesen. Stattdessen arbeitete Torsten Klein Vollzeit in seinem Beruf. Dann kamen seine beiden Kinder auf die Welt, die Familie kaufte sich eine Wohnung, die sie selbst renovierte. Nebenbei wurde Klein noch befördert und war regelmäßig auf Dienstreisen unterwegs.
„Gerecht wurde ich niemandem mehr“
Nach Feierabend aber fuhr er, wann immer es möglich war, die 20 Kilometer zu seiner Mutter. „Oft brauchte es auch einen Urlaubstag, um irgendwelche Dinge zu regeln oder sie zu Arztbesuchen zu begleiten“, erzählt Torsten Klein. Er habe in dieser Zeit nur noch funktioniert und selten mehr als vier, fünf Stunden geschlafen. Sport, Freunde treffen, Zeit für seine Frau oder die Kinder: Das alles kam viel zu kurz. „Gerecht wurde ich niemandem mehr“, so Torsten Klein.
Seine Frau Ulrike (Namen geändert), ebenfalls 47, fing auf, was sie auffangen konnte. Kinder, Teilzeitjob, auch ihre Eltern kamen in ein Alter, in dem sie vermehrt Hilfe brauchten. „Ich selbst existierte nicht mehr, und irgendwann ging das auch gesundheitlich nicht mehr.“
Die Kleins sind typische Vertreter der Generation Sandwich. Bezeichnet wird so die mittlere Generation, die sowohl Verpflichtungen gegenüber den eigenen, oft noch kleinen Kindern hat als auch gegenüber den eigenen Eltern – und dadurch eingeklemmt ist wie eine Scheibe Schinken zwischen zwei Brotscheiben.
Seit die Deutschen immer später Eltern werden und die ältere Generation immer älter wird, trifft die Sandwich-Phase auf immer mehr Familien zu.
Der Gesundheitsberichterstattung des Bundes zufolge leben in Deutschland rund fünf Millionen Pflegebedürftige. Etwa 80 Prozent davon werden offiziell zu Hause gepflegt – manche alleine von Angehörigen, manche mit Unterstützung von professionellen Pflegediensten und manche mithilfe von nicht registrierten, oft osteuropäischen Pflegerinnen.
Die Pflege daheim entspricht dem, was sich die Deutschen wünschen: Rund 90 Prozent sagen in verschiedenen Umfragen immer wieder, dass sie im Alter nicht ins Heim wollen, sondern eine Pflege zu Hause bevorzugen. Hinzu kommt, dass Heimplätze sehr teuer sind und oft lange Wartelisten haben.
Auch Familie Klein musste lange auf einen Heimplatz warten. „Parallel suchten wir nach Kitaplätzen für die Kinder. Das alles macht es wirklich nicht leichter, als Eltern weiter arbeiten zu können“, sagt Ulrike Klein. Inzwischen ist Torsten Kleins Mutter in einer Pflegeeinrichtung untergekommen. Nicht unbedingt das, was sie wollte. „Aber anders hätten wir alle das nicht länger geschafft“, sagt Torsten Klein.
Sich selbst eingestehen, dass die Hilfe gegenüber den Eltern auch Grenzen hat, das versucht Silke Niewohner Angehörigen zu vermitteln. Die Gesundheitswissenschaftlerin hat sich auf das Thema Vereinbarkeit von Pflege, Beruf und eigener Familie spezialisiert.
Sie beobachtet: „Oft denken die Kinder, dass sie nochmals alles geben müssen, weil die Eltern ja demnächst sterben.“ Vergessen würden sie dabei, dass die durchschnittliche Hilfe- und Pflegezeit in der Regel etwa acht Jahre beträgt – eine zu lange Zeit, um sich selbst alles abzuverlangen, das eigene Leben komplett hintanzustellen und die eigene Gesundheit aus den Augen zu verlieren.
Helfen würde ihrer Erfahrung nach, wenn sich Familien schon lange vor einer Pflegebedürftigkeit langsam und gemeinsam auf das Thema Lebensende vorbereiten. „Dazu gehören Patientenverfügungen, das Ausmisten eines Hauses oder auch, Geheimnisse aus dem Weg zu räumen oder sich gegenseitig mal positive Dinge zu sagen“, sagt Silke Niewohner. Ihrer Erfahrung nach werde es danach für die Kinder in einem späteren Lebensabschnitt leichter, ihre Unterstützung auf ein gesundheitlich vertretbares Maß abzugrenzen.
Arbeitgeber können auch helfen
Niewohner berät auch Arbeitgeber dabei, inwieweit sie pflegenden Mitarbeitern Hilfe anbieten können – etwa durch flexible Arbeitszeiten, die Verringerung der Arbeitszeit oder auch nur Kollegen, die ihr Wissen und ihre Erfahrungen rund um das Thema Pflege teilen.
Wie komplex und zeitaufwendig allein der organisatorische Teil der Pflege ist, merkt Torsten Klein bis heute. Um den Heimplatz seiner Mutter zu finanzieren, ließ er deren Haus umbauen, um nun mehrere Wohnungen vermieten zu können. Immer mal wieder war die Mutter im Krankenhaus, einmal bekam sie dort falsche Medikamente. „Seitdem überprüfe ich das immer.“
Torsten Klein wie auch seine Frau Ulrike wüssten nicht, wie das alles funktionieren sollte, würden sie sich nicht weiterhin so stark bei der Pflege aller Elternteile einbringen. „Wie das jemand macht, der keine Kinder hat oder wo die Angehörigen weit weg wohnen, das ist mir wirklich ein Rätsel“, sagt Ulrike Klein.
Die meiste Pflegearbeit bleibt an den Frauen hängen
Tatsächlich würde die Pflege in Deutschland ohne den Einsatz von Angehörigen zusammenbrechen. Von bis zu acht Millionen pflegenden Angehörigen in Deutschland geht das europäische Pflegenetzwerk Eurocarers aus – die im Schnitt fast 50 Stunden Sorge- und Pflegearbeit pro Woche leisten. Etwa 70 Prozent davon sind Frauen, nur etwa 30 Prozent Männer – aber diese Männer pflegen meist die eigene Partnerin und nicht die Eltern.
„Söhne und Schwiegersöhne sind da eher zurückhaltend und überlassen die praktische Sorge nach wie vor den Frauen“, sagt Erziehungswissenschaftlerin Katharina Gröning-Lienker, die ein Buch zum Thema Familien- und Geschlechtergerechtigkeit in der Pflegeversicherung veröffentlicht hat.
Ihrer Meinung nach kann die häusliche Pflege nur dann eine Zukunft haben, wenn sich künftig auch mehr Männer einbringen, so wie es in vielen migrantischen Kulturen schon immer selbstverständlich ist. Denn die Frauen, die keiner Erwerbsarbeit nachgehen und nur für die Kinder, Eltern und Schwiegereltern da sein können – die gibt es heute kaum mehr.