Bahnstrecke Stuttgart-Mannheim Baustelle bremst Intercity massiv aus

Bis zu 280 Stundenkilometer schnell: ICE zwischen Stuttgart und Mannheim. Doch vom 10. April bis zum 31. Oktober 2020 wird die Strecke gesperrt. Foto: dpa

Die Bahn plant 2020 bei der Sanierung der Strecke Stuttgart-Mannheim offenbar den Ausfall einiger ICE-Linien. Züge auf anderen Strecken werden während der Bauzeit Verspätungen bis zu einer Stunde haben.

Stuttgart - Die für das Jahr 2020 geplante Vollsperrung der Hochgeschwindigkeitsstrecke von Stuttgart nach Mannheim wird für Zugreisende erhebliche Einschränkungen mit sich bringen. Von längeren Fahrzeiten bis zu 60 Minuten, der Einstellung einer ICE-Verbindung ins Rheinland sowie streckenweisen Ausfällen von drei Intercity-Verbindungen berichtet ein in Internetforen kursierendes Papier mit Angaben über das „grobe“ Betriebskonzept des Fernverkehrs während der Sperrung der Strecke vom 10. April bis 31. Oktober 2020. Die Bahn wollte das Papier auf Anfrage unserer Zeitung weder bestätigen noch dementieren. Ein Bahnsprecher teilte lediglich mit, dass in wenigen Wochen der Presse die Vorgehensweise während der baubedingten Sperrung vorgestellt werde. Man sei bei der Feinabstimmung.

 

Das Aus für die Rheinland-Linie gilt als gravierender Einschnitt

Dass Verbindungen wegfallen, da die Umleitung auf der sogenannten Altbaustrecke über Bietigheim, Bretten, Bruchsal und Heidelberg nicht den gesamten Zugverkehr aufnehmen kann, das hatte die Bahn bereits im Oktober 2018 bei der Vorstellung ihrer Baupläne eingeräumt. Laut dem unserer Zeitung vorliegenden Papier – das aus internen Bahnkreisen stammt – wird die ICE-Linie 47 von Dortmund nach Stuttgart „auf dem gesamten Laufweg“ komplett entfallen. Das Aus für diese Rheinland-Linie wird von Experten als gravierender Einschnitt im Zugverkehr erachtet.

Bei drei Intercity-Verbindungen sind offenbar streckenweise Ausfälle geplant: Das betrifft die von Hamburg nach Stuttgart (Offenburg) führende ICE-Linie 30 zwischen Mainz und Stuttgart sowie die auch von Hamburg kommende Linie 22 zwischen Mannheim und Stuttgart sowie die IC-Linie 60 zwischen Karlsruhe und Stuttgart. Beziffert werden auch die durch die Umleitung auf die Bummelstrecke verursachten längeren Fahrzeiten: Bei den ICE Linien 11 von Stuttgart Richtung Berlin und 42 Richtung Dortmund sollen sie eine Stunde betragen, beim IC/EC 62 rund 35 Minuten. Auf den ICE-Linien 12, 20 und 43 dauert es 20 Minuten länger und bei der IC-Linie 61 eine Viertelstunde. Betroffen sind auch die ICE- und TGV-Verbindungen nach Paris: Die Linie 82 wird umgeleitet über Saarbrücken, die Linie 83 fährt über die Altbaustrecke und wird eine halbe Stunde länger benötigen.

Das Ministerium verlangt ein „gut geplantes Umleitungskonzept“

„Sollte das Konzept wirklich so kommen“, sagte Stefan Buhl, Landesvorsitzender des Fahrgastverbandes Pro Bahn, dann sei „die Ausdünnung des Angebots bei gleichzeitiger Fahrzeitverlängerung natürlich eine Zumutung für die Fahrgäste“. „Wichtiger aber, als um jeden Preis so viel wie möglich zu fahren, ist ein verlässliches Angebot“, ergänzte Buhl. Ein eingeschränkter Ersatzfahrplan sei das kleinere Übel, wenn der halbwegs zuverlässig sei. Die Bahn müsse auch garantieren, dass ihre Kunden durch das Fahren von Umwegen „keine tariflichen Nachteile“ erleiden.

Das Verkehrsministerium in Stuttgart wollte das Konzept nicht bewerten: „Wir haben keinen Zugriff auf Planung und Daten“, sagte ein Sprecher. Man erwarte „ein gut geplantes und funktionierendes Umleitungskonzept“. Das Ministerium hatte es bei den Vorgesprächen befürwortet, die Erneuerung der 1991 eröffneten und 99 Kilometer langen Schnellfahrstrecke „lieber kurz und schmerzlos“ mit einer Vollsperrung zu erledigen. „Eine Sanierung bei laufendem Betrieb hätte wesentlich länger gedauert und wäre teurer geworden“, sagte der Sprecher.

Täglich fahren 185 Fernzüge und 24 Güterzüge

Allgemein sei festzustellen, dass es im Schienennetz der Bahn zu wenige Rückfallpositionen und Ausweichstrecken gebe, so der Sprecher. Bei Straßenbauprojekten seien großräumige Umleitungen oder ein Bau auf der gleichen Trasse viel einfacher zu bewerkstelligen als bei der Bahn. Schuld an der Vernachlässigung des Gleisnetzes sei eine „seit 30 Jahren verfehlte Bahnpolitik der Bundesregierung“, so der Sprecher des grünen Verkehrsministers Winfried Hermann. Wer gesehen habe, wie 2018 nach dem Unfall an der Rheintalbahn bei Rastatt eine Lok einsam einen Zug durchs Rheintal abschleppen musste, weil dort die Elektrifizierung fehlte, der wisse, was gemeint sei: „Es fehlt der Bahn an Redundanz.“

Die Bahn will bis 2023 bundesweit ihre Schnellfahrstrecken erneuern und geht dabei in Etappen vor. Begonnen worden ist vor wenigen Tagen mit dem Abschnitt Hannover-Göttingen. Die Sanierung der Strecke Stuttgart-Mannheim soll 185 Millionen Euro kosten. Täglich verkehren auf dieser Strecke 185 Fernzüge mit 66 000 Fahrgästen sowie 24 Güterzüge.

Weitere Themen