Sanierung in Tübingen Drei statt einer großen Halle

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Die grundlegende Sanierung des Rathauses hat auch im Erdgeschoss Überraschendes zu Tage gebracht. „Bisher hat man angenommen, dass es hier eine große Halle gab, doch es waren drei, wir müssen also die Geschichte umschreiben“, sagt Tilman Marstaller. Die Bauforschung ist auf Reste von Trennwänden gestoßen und konnte Rückschlüsse durch so genannte Blattsassen ziehen, die Querhölzer aufgenommen hatten. Lachend spricht Marstaller von einem „Supermarkt“ aus dem Jahr 1435. Er nimmt an, dass in einer Halle Fleischbänke standen, ein einer zweiten Brotbänke. Die Begriffe stammen aus dem Mittelalter, als Metzger und Bäcker ihre Verkaufsstände zentral zusammenfassten. Die Bankform ihrer Verkaufstische führte zu dem Namen. „Rechts befand sich eine Durchfahrt in die Rathausgasse“, beschreibt Marstaller eine weitere neue Erkenntnis. Das Rathaus hatte demnach drei Schauseiten. Das änderte sich 1548 durch den Anbau eines Salzhauses, von dem heute noch der Keller besteht und ein Torbogen für die Durchfahrt zwischen den Gebäuden. Salzhaus und Fleischbänke könnten durchaus im Zusammenhang gestanden haben, mutmaßt Marstaller.

„Die Bürger sollten die Verwaltung nicht stören“

In späteren Jahrhunderten wurde das Rathaus immer wieder um- und die drei Hallen im Erdgeschoss weitgehend zugebaut. „Die Bürger mögen die Verwaltung nicht bei der Arbeit stören“, beschreibt Oberbürgermeister Boris Palmer den zuletzt vorherrschenden Eindruck, „in Zukunft laden wir die Bürger herzlich ein“. Die Freifläche im Rathaus-Parterre soll großzügig erhalten bleiben. Allenfalls einige für die Öffentlichkeit zugängliche Räume des Bürgeramtes und des Bürger- und Verkehrsvereins sollen errichtet werden.

Die letzte große Sanierung hat es Ende der 1960er-Jahre gegeben, Palmer nennt sie „Unfug“. Grund ist eine dem Zeitgeist geschuldete Verwendung von Beton und Stahl. Sichtbetonstützen ersetzen im Arkadenbereich das Holzfachwerk, innen wurden Stahlstreben neben tragende Holzkonstruktionen gestellt. Laut dem Architektenteam geht es nun darum, den „Frevel wieder auszubauen“.

Alte Balken erhalten ihre Funktion zurück

Im Gebäude kann das alte Tragwerk reaktiviert werden. Damit verbesserten sich Statik und Brandschutz, erklären die Architekten. 2015 soll die Sanierung abgeschlossen sein und das Rathaus in seinem Erscheinungsbild durch Verkleidungen der Betonpfeiler im Erdgeschoss der Ansicht von 1920 ähneln. Die Fassade wurde 1877 anlässlich des 400-Jahr-Jubiläums der Universität bemalt und zeigt neben den falschen Datum der Aufstockung auch Graf Eberhard im Barte, der für dieses historische Gebäude wichtiger war als bisher angenommen. „Mit ihm als Figur hat man ins Schwarze getroffen“, sagt Marstaller.