Stuttgart - Keine Frage, jetzt ist Schluss mit lustig: Das Land Baden-Württemberg und die Stadt Stuttgart haben zum Thema Opernhaus-Sanierung ihre Prüfaufträge erledigt. Und heraus kommt eine Zahl, die erschreckend viele Nullen hat. Es gibt zwar auch eine Rechenvariante mit einem etwas günstigerem Ergebnis. Aber wenn es um langjährige Groß-Bauprojekte geht, erweist sich ja zumeist der ungünstigere Verlauf als der realistisch anzunehmende. Dann steuern die Kosten der Jahrhundertaufgabe Stuttgarter Opernhaus summa summarum auf eine Milliarde Euro zu, eigentliche Sanierung plus Kosten für die Interims-Spielstätte. Niemand kann bestreiten, dass dies eine sehr große Menge an Steuergeldern ist.
Unter solchen Umständen sofort Einverständnis zu rufen wäre ebenso leichtfertig und oberflächlich wie die reflexhafte Abwehr nach dem Muster: Ha, das können wir uns nicht leisten! Man wird darüber debattieren müssen: Im Verwaltungsrat, in den Theatern, in Parteien, Initiativen und Vereinen, in der Kulturszene, in Gemeinderat und Landtag. Auch dieser Leitartikel wird nicht zu einem endgültigen Urteil kommen. Aber ein paar erste Anmerkungen seien gemacht.
Teuer ist es auch in anderen Städten
Erstens: Ein erster und ein zweiter Blick auf das Material sprechen dafür, dass hier sorgfältig gearbeitet wurde. Der Oberbürgermeister und seine Mitarbeiter haben für die Interims-Spielstätte eine Lösung gefunden, die vielen sehr unterschiedlichen Interessen gerecht wird und zum großen Teil für die Stadt nachhaltig ist. Die Fachleute aus dem Finanzministerium wiederum haben sehr ehrlich, weil realistisch kalkuliert, haben also aus den abschreckenden Beispielen anderer Städte zu lernen versucht. Die von vielen Kritikern ja häufig geforderte Aufrichtigkeit und Faktentreue von Politik und Verwaltung: hier wird sie mal geliefert, statt sich die Dinge angenehm zu denken.
Zweitens: Die Eins mit den neun Nullen für ein Theatersanierungs-Projekt dieser Größe bewegt sich letztlich im Rahmen dessen, was auch in anderen Städten im vergangenen Jahrzehnt investiert werden musste, rechnet man die Bau-Teuerungen jüngerer Zeit hinzu. Und: Ja, es stimmt, für einen geringeren Betrag haben die Hamburger einen kompletten Neubau als neues Wahrzeichen der Stadt bekommen, nämlich die Elbphilharmonie. Würde man aber heute erst mit ihrer Planung beginnen, würde sie sehr wahrscheinlich auch um ein Vielfaches teurer.
Was ist die Alternative? Ein Theatermuseum?
Drittens: Es gibt keine einzige kulturelle Investition der vergangenen zwanzig Jahre, über die in Stuttgart nicht furchtbar gestritten worden wäre, von Theaterhaus und Kunstmuseum bis hin zur Stadtbibliothek und zum Stadtpalais. Und jede einzelne dieser Investitionen hat sich letztlich gelohnt, lohnt sich jetzt jeden Tag aufs neue, hat die Attraktivität der Stadt im Wettbewerb der Metropolen, also mit Frankfurt, Köln, Hamburg, Leipzig, München befördert, hat die urbane Öffentlichkeit belebt und gestärkt.
Viertens: Wo immer man nun nach Alternativen forschen mag – zum Museum wird man den wunderbaren Littmann-Bau am Eckensee ganz sicher nicht machen wollen. Saniert werden muss er in jedem Fall; es sei denn, man wünscht sich als Lösung und Touristenattraktion der besonderen Art eine Glasglocke drüber mit Schneegestöber-Projektion.
Das wäre nun wirklich eine Verschwendung öffentlicher Mittel! Debattieren wir also nicht über Nullen hinter der Eins – debattieren wir über das, was Stadt und Land, was Kulturszene und Bürgergesellschaft, was Steuerzahler mit Theaterabo und Steuerzahler ohne Theaterabo dafür bekommen. Reden wir darüber, was uns Oper, Schauspiel, Konzert und Musik wert sind. Wer darauf eine gute Antwort hat, wird auch die andere Antwort finden.