Frankfurt/Stuttgart - Auf dem Hosenboden sitzt Sasa Kalajdzic im Strafraum und kann es selbst kaum glauben. Gerade hat er den Ball mit der Spitze seines Kickstiefels der Größe 47 über die Linie gedrückt – und damit auch im sechsten Spiel nacheinander ein Tor erzielt. „Ich dachte: geil, isser wieder drinnen!“, berichtet der Mittelstürmer des VfB Stuttgart hinterher, nachdem sein Führungstreffer zwar nicht zum nächsten Auswärtssieg gereicht hat, aber immerhin zu einem sehr respektablen 1:1 (0:0) bei Eintracht Frankfurt.
Es war im 24. Saisonspiel bereits der 33. Punkt für den VfB, der auf Rang neun geklettert ist und nur noch in der Theorie fürchten muss, in den Kampf gegen den Abstieg zu geraten. Am Erreichen des Saisonziels, dem Klassenverbleib, gibt es also kaum mehr Zweifel, weshalb sich die Blicke bereits auf die Planungen der neuen Saison richten – in denen auch Kalajdzic (23) zu den unwägbaren Variablen gehört.
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Mit zwölf Toren in 23 Saisonspielen – eine herausragende Quote für einen Bundesliganeuling – gehört inzwischen auch der Österreicher zum Kreis der jungen Stuttgarter Emporkömmlinge, die nicht allein in Deutschland Aufsehen erregen. Neben RB Leipzig und AS Rom sollen nicht zuletzt Clubs aus England Interesse an Kalajdzic haben – kein Wunder bei einem Stürmer, der zwei Meter groß und auch mit den Füßen äußerst versiert ist.
Die Zeitung „Daily Mail“ nennt den Londoner Club West Ham United als möglichen Kandidaten und taxiert den Preis auf umgerechnet 17,5 Millionen Euro – was einer Wertsteigerung von 700 Prozent entspräche, nachdem Kalajdzic im Sommer 2019 für 2,5 Millionen vom FC Admira Wacker Mödling gekommen war.
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Schon seit Wochen verfolgt Sportdirektor Sven Mislintat mit einer Mischung aus Freude und Besorgnis, wie seine Spieler einerseits immer wertvoller und andererseits europaweit gehandelt werden. Konkrete Angebote liegen zwar noch nicht auf dem Tisch, was auch an der Coronakrise und den damit verbundenen finanziellen Unsicherheiten liegt. Dass sie kommen werden, das weiß aber auch Mislintat.
Aus rein wirtschaftlichen Erwägungen, das hat der Sportdirektor bereits vergangene Woche erklärt, sei der VfB vorerst nicht zu Verkäufen gezwungen, doch gibt es andere Gründe, die den Verbleib aller Jungstars sehr unwahrscheinlich machen: Zum einen kann derzeit noch niemand seriös vorhersagen, wann Zuschauer in die Stadien zurückkehren und wieder für steigende Einnahmen sorgen.
Mit den jungen Spielern hat Sven Mislintat klare Abmachungen getroffen
Zum anderen sind die Verpflichtungen junger Spieler bei Mislintat zwar nicht mit vertraglich fixierten Ausstiegsklauseln verbunden, dafür aber mit der klaren Abmachung, dass ihnen der nächste Karriereschritt nicht verbaut wird, wenn sich ein großer Club meldet und die geforderte Ablöse bezahlt. Zudem würden Transfereinnahmen den Spielraum vergrößern, den eigenen Kader durch Zukäufe weiterzuentwickeln. Handlungsbedarf besteht vor allem im zentralen offensiven Mittelfeld.
Neben Sasa Kalajdzic stehen beim VfB in Gregor Kobel (23), Borna Sosa (23), Orel Mangala (22), Silas Wamangituka (21) und Nicolas Gonzalez (22) fünf weitere junge Spieler im Schaufenster des internationalen Fußballs. Auf ihren Preisschildern würde in normalen Zeiten wohl jeweils mindestens 20 Millionen Euro stehen – auch weil ihre Verträge bis mindestens 2023 laufen, der von Sosa sogar bis 2025.
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Die Höhe des Coronarabatts in der nächsten Transferperiode vermag Mislintat derzeit ebenso wenig vorherzusagen wie die Zahl konkreter Interessenten. Er hofft, dass es bei einem Abgang bleibt, notfalls würde er auch einen zweiten in Erwägung ziehen: „Am liebsten würde ich alle halten, aber wenn ein Club aus Europas Top 16 kommt, wird es natürlich schwer für uns.“
Bei der Copa América kann sich Nicolas Gonzalez noch interessanter machen
Als heißester Wechselkandidat gilt der derzeit verletzte Nicolas Gonzalez, den es schon länger nach Italien zieht. Die Südamerikameisterschaft, der Copa América, vom 11. Juni bis 11. Juli in Argentinien und Kolumbien wird ihm im Sommer die große Bühne bieten, um im Trikot der argentinischen Nationalelf Werbung in eigener Sache zu machen. Sollte der Angreifer fit sein und ein gutes Turnier spielen, wäre sein Wechsel wohl nur noch Formsache.
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So bedauerlich ein Abschied von Gonzalez aus sportlichen Gründen wäre – er würde immerhin die Wahrscheinlichkeit erhöhen, dass sein Sturmkollege Sasa Kalajdzic beim VfB bleibt. Nicht allein der vielen Tore wegen gilt er als Glücksfall, sondern auch aufgrund seines erfrischenden Auftretens neben dem Spielfeld, mit dem er sich zum Sympathieträger entwickelt hat. Noch nie hat der Wiener im vollen Stadion gespielt – und ist trotzdem schon jetzt ein Publikumsliebling.