Vorweg: Dieser Text wurde nicht von einer Künstlichen Intelligenz verfasst. Nein, dahinter steckt ganz altmodisch eine mehr oder weniger begabte menschliche Intelligenz. Gut möglich aber, dass in absehbarer Zeit immer mehr journalistische Beiträge nicht mehr von Menschenhand geformt, sondern von Computerkraft generiert werden. Das und überhaupt die gewaltige Veränderungskraft dieser neuartigen Technologie zeigte der Vortrag von Blogger, Bestseller-Autor und „Spiegel“-Kolumnist Sascha Lobo auf im Böblinger Ai xpress am Donnerstag. Ungekünstelt, charismatisch, plakativ.
Gekommen waren gut 200 Interessierte, vorwiegend aus der Technologiebranche. Auf dem als Digitalk titulierten Abend prallte aber zunächst schwäbischer Lokalpatriotismus auf Berliner Vordenkertum, als Landrat Roland Bernhard nicht müde wurde, die Vorzüge des Landkreises zu unterstreichen: Innovationskraft, Wirtschaftskraft, Veränderungskraft. Lobo konterte, man müsse ihn gar nicht mehr fürs Schwabenland begeistern, er sei mit einer Schwäbin verheiratet.
Moderna-Impfstoff dank KI
Das brachte dem Autor mit dem charakteristischen Rotschopf den ersten Lacher, obschon der Rest seines Vortrags von großer Ernsthaftigkeit geprägt war, verpackt in verblüffende Fakten. Zum Beispiel diesen: Der Corona-Impfstoff des US-Pharmariesen Moderna sei binnen 48 Stunden von einer Künstlichen Intelligenz entwickelt worden. Die meiste Zeit bis zur Marktreife verstrich durch Testreihen. „Wenn wir uns klar machen, was das für die Bekämpfung von Krankheiten bedeutet, wird deutlich, welch enormes Potenzial in Künstlicher Intelligenz steckt“, sagte der 48-Jährige.
Ihren „iPhone-Moment“, also den, in dem eine neue Technologie auf einmal einer breiten Masse einleuchtet, habe die „KI“ am 30. November des vergangenen Jahres erlebt. Dem Tag, an dem die Software ChatGPT des Unternehmens Open AI veröffentlicht und somit für jedermann nutzbar wurde. Das Programm generiert Texte, beantwortet Fragen und löst selbst komplexe Aufgaben verblüffend authentisch. Wie die Einführung von Apples Ur-Smartphone sei das ein „Kristallisationspunkt des digitalen Kapitalismus’“ gewesen. Und die Auswirkungen seien höchstens zu erahnen: „Auch ich weiß nicht, wohin die Reise genau führen wird“, sagte er.
Über die digitale Ungeduld
Neue Technologien allein veränderten nicht die Welt, sagte er, „vielmehr ist es die dadurch hervorgerufene Verhaltensänderung.“ So sei zu erklären, dass im Jahr 2006 weltweit die meisten Fotos noch auf einer Canon Ixus geschossen wurden, 2011 auf iPhone-Kameras und 2023 schon auf dem sozialen Netzwerk Instagram. Weniger die Technologie sei dafür entscheidend, sondern das menschliche Bedürfnis, Momente nicht nur festzuhalten, sondern digital zu bearbeiten und zu teilen: „Digitale Ungeduld hat transformatorische Kraft.“
Vor allem in der Berufs- und Arbeitswelt stünden gewaltige Veränderungen bevor. So hätte ein KI-Programm in einem Experiment eine Reihe von Top-Medizinern bei der Beantwortung von Patientenfragen um Längen geschlagen. Nachhilfe in der Schule sei durch KI weitaus effektiver zu gestalten, besagt eine andere Untersuchung. „Durch Künstliche Intelligenz wird die Erfahrung im Beruf weniger wichtig“, sagte Lobo.
Andere Zahlen zeigten, dass sie die Produktivität in manchen Bereichen um 35 Prozent steigere. Oder sogar helfen könne, Leben zu retten: Intelligente Software sei schon heute in der Lage, per Kamera die Planscherei von Kindern in einem Hallenbad zu analysieren und den Schwimmmeister zu warnen, wenn sie verdächtige (Nicht-)Bewegungen erkennt.
Geschäftsmodelle noch kaum sichtbar
Doch bei aller Euphorie kippte Lobo auch Wasser in den Wein: „Die Zahl der effektiven Geschäftsmodelle auf Basis von künstlicher Intelligenz ist noch sehr gering.“ Nur weil bestimmte Prozesse effizienter seien, etwa beim Programmieren von Internetseiten, entstünden daraus ja nicht automatisch neue Start-ups. Außerdem sei die Technologie gefährlich. So sei es einem Schweizer Biochemie-Unternehmen anhand von Künstlicher Intelligenz in nur sechs Stunden gelungen, unzählige chemische Kampfstoffe zu entwickeln.
Lobo: „Parallel dazu entwickeln sich Technologien, mit denen versucht wird, die Gefahren der KI einzudämmen.“ So sei ein regelrechter Wettbewerb entstanden zwischen den KI-Entwicklern und solchen, die versuchen würden, deren Sicherheitsmechanismen auszutricksen. Außerdem sei zu beobachten, dass die Mensch-Maschinen bisweilen halluzinierten, sprich: frei erfundene Inhalte wiedergeben. Oder nur scheinbar authentisch daherkommen. Lobo demonstrierte das an einer künstlich erzeugten Audio-Grußbotschaft von Bundeskanzler Olaf Scholz: Der grüßte über Lautsprecher herzlich nach Böblingen. Etwas abgehackt zwar, aber doch verblüffend nah am Original.
Ein streitbarer Kopf
Geboren
wurde Sascha Lobo am 11. Juni 1975 in West-Berlin als Sohn eines Argentiniers und einer Deutschen.
Studiert
hat er Publizistik, Biotechnologie und Kommunikation. Sein beruflicher Werdegang begann als Werbetexter und Gründer einer auf das Internet ausgerichteten Werbeagentur.
Gebloggt
hat der streitbare Kopf Lobo auf unzähligen Blog-Portalen, zunächst auf der von ihm mitbegründeten „Riesenmaschine“. Seit 2011 ist er fester Kolumnist auf „spiegel.de“
Geschrieben
hat er mehrere Bücher, darunter den Bestseller „Realitätsschock – zehn Lehren aus der Gegenwart“ oder den 2010 erschienenen Roman „Strohfeuer“ über die New Economy.
Verheiratet
ist der 48-Jährige in zweiter Ehe mit der Podcasterin Juliane Lobo, mit der er zwei Kinder hat und auf dem Prenzlauer Berg in Berlin lebt.