Satire in der Türkei Karikaturen als Schmuggelware

Absperrungen der Satire wegen: ein  Polizist bewacht das Redaktionsgebäude der Istanbuler Tageszeitung „Cumhuriyet“. Foto: AFP
Absperrungen der Satire wegen: ein Polizist bewacht das Redaktionsgebäude der Istanbuler Tageszeitung „Cumhuriyet“. Foto: AFP

„Charlie Hebdo“ und kein Ende: wie Staat und Medien in der Türkei mit islamkritischer Satire umgehen.

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Stuttgart - Zuerst war die Nachricht da, dann folgten die Bilder der Toten – und nach dem Schock seien sich alle einig gewesen, dass Je-suis-Charlie-Buttons jetzt nicht reichen würden, um sich mit ihren ermordeten Kollegen zu solidarisieren. Die Redaktion einigte sich darauf, Mohammed-Karikaturen nachzudrucken. „Es ging um die Verteidigung der Demokratie. Es war auch die letzte Ehre, die wir den Hingerichteten erweisen konnten“, sagt die Journalistin ŞSükran Soner, „deswegen haben wir die Provokation gewagt und unsere Leben riskiert.“

Die 69-jährige Journalistin steht in ihrem Büro der Tageszeitung „Cumhuriyet“ im Istanbuler Stadtteil Sisli, einem mit Shoppingmalls zubetonierten Viertel. Soner ist landesweit bekannt für ihre bissig-besonnenen Kommentare gegen die Mächtigen, seit 1966 arbeitet sie beim Blatt, welches eine Auflage von 50 000 Exemplaren hat. Die linksnationalistische Zeitung ist eines der wenigen Medien in der Türkei, die Kritik an der AKP-Regierung wagt, weswegen die Zeitung von Klagen der Regierungssympathisanten überhäuft wirft. Gegen Can Dündar, den Chefredakteur von „Cumhuriyet“, wurde erst letzte Woche wieder ein Verfahren eröffnet. Die Zeitung hatte Bilder einer im März in Istanbul tödlich verlaufenden Geiselnahme veröffentlicht. Die Staatsanwaltschaft wirft Dündar die Verbreitung „terroristischer Propaganda“ vor, es drohen ihm bis zu siebeneinhalb Jahren Haft.

Die „Cumhuriyet“ war auch die einzige Tageszeitung, die den Tabubruch in der überwiegend sunnitisch-muslimischen Türkei wagte und die Mohammed-Karikaturen abdruckte. Nachdem die Brüder Chérif und Saïd Kouachi am 7. Januar in der Redaktion von „Charlie Hebdo“ in Paris zwölf Menschen erschossen hatten, druckte „Cumhuriyet“ in einer Sonderbeilage einige der Karikaturen nach. Weil die Regierung davor gewarnt hatte und Polizisten sich deswegen diese Ausgabe vor der Verteilung anschauten, wandten die Journalisten einen Trick an. Sie spekulierten darauf, dass sie die Kontrolleure in die Irre führen könnten, wenn die Autoren Ceyda Karan und Hikmet Çetinkaya zwei kleine Mohammed-Karikaturen in ihren Kolumnen zwischen ganz viel Text verstecken würden.

Die Bilder wurden übersehen

Tatsächlich übersahen die Beamten die Bilder, die Ausgabe mit 100 000 Exemplaren war nach wenigen Stunden ausverkauft. Weil ein wütender Mob in die Redaktion eindringen wollte, mussten die umliegenden Straßen tagelang abgesperrt werden. Nun drohen Karan und Çetinkaya bis zu viereinhalb Jahre Haft. Im Juli wurde ein Verfahren gegen sie eröffnet, die Staatsanwaltschaft in Istanbul wirft ihnen vor, den öffentlichen Frieden gestört und die religiösen Werte beleidigt zu haben. „Unsere Leser sind intelligent genug, um zwischen Anstiftung zum Religionshass, Solidarität und Satire unterscheiden zu können“, sagt Soner.

Faruk Günindi, Chefredakteur des islamischen Comic-Magazins „Caf Caf“, will sich nicht mit seinen Kollegen von „Charlie Hebdo“ und „Cumhuriyet“ solidarisieren. „Presse- und Meinungsfreiheit hören für uns da auf, wo die Gefühle der Menschen verletzt werden“, sagt der 36-Jährige. „Nein. Nichts ist vergeben“, lautete die Antwort von „Caf Caf“ auf die erste „Charlie-Hebdo“-Ausgabe nach dem Anschlag, auf deren Titelseite bekanntlich ein trauernder Mohammed zu sehen war mit den Worten: „Alles ist vergeben“. – „Sogar die Art und Weise, wie wir verzeihen sollen, wollen uns die Europäer diktieren“, sagt Günindi.

Die Redaktion von „Caf Caf“ befindet sich in Fatih, einem stark konservativ geprägten Viertel von Istanbul. Das Monatsblatt hat eine Auflage von 25 000 Exemplaren. Mohammed-Karikaturen sind hier undenkbar. „Wir alle in der Redaktion sind praktizierende Muslime und lehnen Scherze über jede Glaubensrichtung ab“, sagt der Chefredakteur. „Wir lehnen alles ab, was andere Menschen beleidigen könnte.“

Das Buch von Stéphane Charbonnier

Da stellt sich die Frage, wie Satire ohne Chuzpe funktionieren soll. Günindi distanziert sich von den Islamisten, welche die französischen Kollegen ermordeten. Dies seien „Terroristen, die eine widerliche Tat begangen haben“, aber Günindi schiebt hinterher: „Hunderte Muslime sind von den Europäern ermordet worden.“ Dass den Kollegen von „Cumhuriyet“ nun Haft droht, findet er verständlich. „Die türkischen Gesetze orientieren sich am europäischen Recht. Also kann es doch nicht ganz falsch sein, wenn diese zwei Journalisten sich jetzt vor Gericht verantworten müssen.“

Stéphane Charbonnier, der ermordete Chefredakteur von „Charlie Hebdo“, schrieb vor seinem Tod ein Buch, den jetzt auch auf Deutsch erschienenen „Brief an die Heuchler“, in dem er sich gegen den Vorwurf der Islamfeindlichkeit verwahrt: „Wenn man signalisiert, dass man über alles lachen kann, außer über bestimmte Aspekte des Islam, weil die Muslime viel empfindlicher sind als der Rest der Bevölkerung, was ist das dann, wenn nicht Diskriminierung?“, verteidigt Charbonnier in seinem Manifest zur Meinungsfreiheit seine Sicht, den Islam nicht anders zu behandeln als andere Religionen. „Im Islam sind wir dazu angehalten, den Worten der Menschen Glauben zu schenken“, so kommentiert der „Caf Caf“-Chef Faruk Günindi die Worte Charbonniers: „Aber solche Aussagen sind unmoralisch und zeigen, dass Europa auf uns Muslime herabschaut.“ Die „Cumhuriyet“-Journalistin Sükran Soner wiederum sagt: „Man sollte, was Menschen heilig ist, nicht unbedingt mit Füßen treten. Aber man muss Satire aushalten können, so etwas nennt sich Demokratie.“




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