Satirischer Ausblick auf 2014 Keinem ist mehr irgendwas peinlich

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Spätestens dann wird es Nürnberger Bratwürstel regnen überm Justizpalast. Und Franz Beckenbauer wird sagen: „Ja, is denn heut schon Weihnachtsmarkt?“ Direkt im Anschluss blitzt das Stroboskop der hyperaktiven Medienleuchten den Lebens­mittelskanda l 2014 aus: Der Torwarttitan Oliver Kahn macht sowohl für die Weight Watchers Werbung als auch für die Geflügelwurst „Bruzzzler“ („Mann, is’ das ’ne Wurst!“). Jedenfalls ist das ein größerer Eklat als die Geschmacksverirrung 2013, da man plötzlich feststellen musste: man kann auf italienischen Schichtnudelgerichten reiten. Pferdichgericht, Lasagne al pony.

Überhaupt wird sich 2014 der Trend fortsetzen, dass jeder alles machen kann – und es nicht ein My peinlich ist. Heino singt weiter Rammstein („Dass das so unter die Decke geht, damit habe ich auch nicht gerechnet“). Der Rammstein-Sänger Till Lindemann veröffentlicht weiter Lyrikbände („Bei Fontane dreht sich mir heute noch der Magen um“) und ist immer noch mit der Arzthelferin des ZDF-„Bergdoktors“ zusammen. Angela Merkel, Ursula von der Leyen und Volker Kauder knödeln wieder „An Tagen wie diesen“ (Europawahl, 8. Juni) und schütteln ihre Politikerkörper zur ­Musik der Punkdarsteller von den Toten ­Hosen. Und Campino, die obertote Hose, könnte am Welttag der Gehirnspende, äh, am Welthumanistentag (21. Juni) im Berliner Ensemble als Gegenleistung daraufhin das CDU-Parteiprogramm vorlesen.

Jonathan Meese war schon als Baby ein Künstler

Und dann passiert dort im BE etwas sehr, sehr Traumhaftes, das man aber nur mit dem absoluten Trendgadget 2014 sehen kann: mit der Google-Datenbrille. Der eilig hinzugebetene Hobby-Adolf und Kunstperformer Jonathan Meese („Ich war natürlich schon als Baby ein Künstler, aber das habe ich nicht gewusst“) schickt bei der Veranstaltung im Berliner Ensemble mit dem rechten Arm den Hitlergruß in den Bühnenhimmel, während er seinen ausgestreckten linken Mittelfinger (an dem Claus Peymann sabbernd baumelt) nicht als Steinbrück-Zitat missverstanden wissen will, sondern als Stinkefingerzeig in Richtung Bayreuth, wo er 2016 den Parsifal, ja was eigentlich: nationalsozialisiert?

Dazu wird der Ex-„Spiegel“-Brachialautor Matthias Matussek (als Henrik M. Broder verkleidet und mit der Stimme von Benjamin Blümchen) sich selber mittels einer Endlosschleife im Videoblog schreiend als „hinterfotziges Arschloch“ und „Puffgänger“ kasteien. So wie er sich das in der Kurt-Krömer-Show anhören musste, deren Ausstrahlung er vor Gericht nicht verhindern konnte. Stichwort: Vorwärtsverteidigung. Der Filmregisseur Lars von Trier entert die Bühne. Er wird mit einem Alice-Schwarzer-Double und einer Sexpuppe, die aussieht wie Ozzy Osbourne (der seine Tournee mit Black Sabbath bewerben muss, die ihn am 25. Juni nach Stuttgart führt), Szenen aus seinem am 20. Februar gestarteten Arthouse-Porno „Nymphomaniac“ nachspielen.