InterviewSC Freiburg gegen VfB Stuttgart Profi Jerôme Gondorf: „Bei den Gehältern wird mir schwindlig“

Von Marco Seliger 

Mit dem SC Freiburg erwartet Jerôme Gondorf am Sonntag (18 Uhr) den VfB Stuttgart im Schwarzwaldstadion. Im Interview kritisiert der ehemalige Spieler der Stuttgarter Kickers die Auswüchse im Fußball.

An dem Freiburger Jerôme Gondorf (links) ist nur schwer vorbeizukommen, wie hier der Hoffenheimer Leonardo Bittencourt feststellt. Foto: Getty
An dem Freiburger Jerôme Gondorf (links) ist nur schwer vorbeizukommen, wie hier der Hoffenheimer Leonardo Bittencourt feststellt. Foto: Getty

Stuttgart - An diesem Sonntag geht es gegen den VfB Stuttgart um Bundesligapunkte – doch für Jerôme Gondorf, den Neuzugang des SC Freiburg, geht es bei übergeordneten Themen sogar um mehr.

Herr Gondorf, Sie haben Bastian Schweinsteiger mal als Ihr großes Vorbild bezeichnet – und sollen sogar ein Trikot von ihm haben. Stimmt das?

Ja, ich habe ein altes Trikot von ihm zu seiner Zeit bei Manchester United. Sein Bruder ­Tobias (ehemals Spieler des FC Bayern München II, d. Red.), den ich ganz gut kenne, hat es mir besorgt. Es ist sogar eine Widmung von ihm drauf: „Für Jerôme“.

Was schätzen Sie an Schweinsteiger – und welche Eigenschaften von ihm erkennen Sie vielleicht bei sich selbst wieder?

Er ist keiner, der unnötig rumbrüllt auf dem Platz und dennoch eine unheimliche Autorität ausstrahlt. Er legt eine brutale Leidenschaft an den Tag, bleibt aber gleichzeitig auch ruhig und gelassen. Und er ist wie ich damals bei den Stuttgarter Kickers von der Außenbahn ins Zentrum gerückt – wobei ich mich jetzt fußballerisch natürlich nicht ganz mit ihm vergleichen will (lacht).

Über die Kickers ging es für Sie zum SV Darmstadt, mit den Lilien schafften Sie den Durchmarsch von der dritten in die erste Liga, dann wechselten Sie nach Bremen, im Sommer nun ging es zum SC Freiburg. Warum dieser Schritt?

Es ist für mich als Profifußballer ein unfassbares Privileg, meine Familie und die Freunde in der Nähe meiner Heimat Karlsruhe zu haben. Der Freiburger Weg passt für mich, dazu sind jetzt die Engsten wieder in der ­Nähe, da habe ich nicht lange gezögert.

Sie sind ein Karlsruher Junge und haben in der Gegend das Kicken gelernt, in der Ihre Brüder heute noch spielen.

Ja, meine drei jüngeren Brüder Rouven, Marvin und Fabian spielen alle zusammen für die SpVgg Durlach-Aue in der Verbandsliga Nordbaden – dort werden sie von ­meinem älteren Bruder Patric trainiert.

Sie sind eine echte Fußballerfamilie – auch Ihre Schwester hat gekickt, Ihre Mutter war mal in der badischen Auswahl. Wie konnte man sich das früher zu Ihren Kinder- und Jugendzeiten vorstellen im Hause Gondorf?

Fußball war natürlich das große Thema – aber ich musste als Zweitältester zusammen mit meinem älteren Bruder auch früh ­Verantwortung übernehmen. Meine Eltern waren beide berufstätig, da musste ich dafür sorgen, dass mittags nach der Schule für alle etwas Ordentliches zum Essen auf dem Tisch stand und dass alle erst mal ihre Hausaufgaben machen, einen Teil davon zumindest (lacht). Und dann ging es mit allen so schnell wie möglich raus auf den Fußballplatz.

Sie haben als Einziger der Kompanie den Sprung in die Bundesliga geschafft. Wie sehen Sie auch vor diesem Hintergrund den Profifußballzirkus?

Na ja, da gab’s zuletzt schon einige Entwicklungen, die ich sehr skeptisch betrachte.

Zum Beispiel?

Wenn ich mir die Entwicklung der Gehälter anschaue, wird mir manchmal schwindlig. Im Vergleich zu normalen Berufen sowieso, da ist der Fußball mal ganz weit weg vom normalen Leben, aber auch innerhalb des Fußballs. Auch da geht die Schere zwischen den Topverdienern und dem breiten Rest ­immer mehr auseinander, was ich nicht gut finde. Und auch für Jugendspieler werden ja mittlerweile extrem hohe Ablösen und ­Gehälter bezahlt. Es gibt mittlerweile einige Vereine, die einfach mal in fünf oder sechs Jugendspieler im Alter von vielleicht 15 Jahren viel Geld investieren mit dem Gedanken, dass es einer schon schaffen wird. Der Rest wird verheizt – um ihn wird sich am Ende nicht mehr gekümmert. So kann man mit jungen Menschen nicht umgehen.

Wie kann man den Gehälterwahnsinn in den Griff bekommen?

Womöglich wäre eine Obergrenze angebracht, man könnte sich da vielleicht am US-Sport orientieren. Nach dem Muster vielleicht, dass nach den Top Drei jeden Teams bei der Mittelschicht eine Gehaltsgrenze gezogen wird. So könnte man auch wieder mehr Chancengleichheit herstellen.

Apropos Chancen – seit drei Jahren haben Sie keinen Berater und sind damit ein echter Exot in der Branche. Schmälert das nicht Ihre Chancen auf erfolgreiche Gehaltsverhandlungen?

Nein, ich weiß schon, was ich wert bin (lacht). Im Ernst: Ich brauche keinen Berater, das habe ich für mich so entschieden.

Warum?

Es gibt tatsächlich einige Berater, die meist nur auf ihren eigenen Profit Wert legen und nicht auf einen durchdachten Karriereweg ihres Spielers. Ich habe da auch so meine Erfahrungen gemacht – und will deshalb lieber mein eigener Herr sein.

Wie kann man sich das vorstellen, wenn Sie mit einem Manager verhandeln?

Ach, das ist alles halb so wild. Das ist wahrscheinlich wie im normalen Berufsleben auch. Man tauscht die Vorstellungen aus, in meinem Fall die sportlichen und die finanziellen, und wenn man sich gegenseitig schätzt und gewillt ist zusammenzuarbeiten, dann findet man einen Weg.

Ihre Brüder, die in der Verbandsliga spielen, brauchen keine Berater. Welche Probleme bekommen Sie innerhalb der Familie von der Basis mit, wie steht es um die Amateure?

Man muss sich große Sorgen machen. Die Anstoßzeiten im Profifußball und die generelle Entwicklung, dass man jeden Tag im Fernsehen irgendeinen Wettbewerb im Fußball schauen kann, sind Gift für die Amateure. Wenn mal ein Tropfen Regen vom Himmel fällt, dann sagen sich viele Zuschauer: Ach komm, ich bleib daheim und schaue mir irgendein Spiel im Fernsehen an. Die Leute gehen immer seltener auf den Sportplatz.

Die Attraktivität der Amateure leidet.

Ja, und erschwerend hinzu kommt die Tendenz, dass es immer weniger Dorfvereine gibt. Viele Clubs bekommen keine Mannschaft mehr zusammen, sie müssen Spiel­gemeinschaften gründen, und das geht ja runter bis in den Jugendbereich, wo sich auch in vielen Altersklassen Spielgemeinschaften aus mehreren Ortschaften bilden müssen. Es sollte wieder mehr für den Amateurfußball getan werden.

In den unteren Ligen gibt es für die Schiedsrichter keinen Videobeweis, ganz oben schon – wie beurteilen Sie die Entwicklung?

Ich finde, der Videobeweis sollte abgeschafft werden. Er nimmt die Emotionen aus dem Spiel. Ich habe es zuletzt teils so wahrgenommen, dass sich viele Fans nach einem Tor gar nicht mehr trauen, richtig zu jubeln, weil sie fürchten, dass es gleich eh wieder aberkannt wird. Das ist Gift für den Fußball.

Kommen wir kurz zum Alltag – Sie empfangen mit dem SC den VfB zum Duell der Punktlosen. Warum holen Sie den ersten Dreier?

Wir haben in den ersten Partien gegen Frankfurt und Hoffenheim (0:2 und 1:3) schon gut gespielt, haben uns viele Chancen herausgespielt, aber hinten zu viele Fehler gemacht. Wir müssen treffen und hinten die Patzer abstellen – das werden wir tun.