Während der Sieger schon wie ein Fußballer beim Torjubel die Arme reckt, geht es hinten noch drunter und drüber. Einer versucht im Hechtsprung den Vordermann mit dem Hirtenstab zu erwischen, ein anderer stolpert über einen Hund, zwei Schäfer haben sich ineinander verhakt, im Eifer des Gefechts hat der eine die Klöten des anderen am Hinterkopf.
Seit 300 Jahren gibt es in Bad Urach den Schäferlauf. Und vermutlich ging es all die Jahre wesentlich gesitteter zu. Insofern durften sich der Bürgermeister Elmar Rebmann (SPD) und sein Gemeinderat eigentlich auf der sicheren Seite fühlen, als sie bei Bildhauer Peter Lenk zum großen Jubiläum ein Schäferlauf-Denkmal bestellten.
Hang zu nackten Wahrheiten
Aber natürlich wurde Lenk, dem man – wie auch die Stuttgarter seit dem S-21-Denkmal wissen – einen gewissen Hang zu nackten Wahrheiten nicht absprechen kann, auch in der Schäferlauf-Geschichte fündig. So beschreibt der Chronist Jakob Frischlin im Jahre 1593, wie der Brauch in Württemberg entstand und die „Schäffer zu lauffen“ anfingen: „Ziehen sich bis auffs Hemmet aus, es würdt offt ein groß lachen draus“, heißt es dort.
Aber, da ist Lenk genau: die Schäfer waren keine Exhibitionisten. Der Verzicht auf die Hose sollte eine Erschwernis beim Lauf über das Stoppelfeld sein. (Heute geht es in Bad Urach übrigens über Kunstrasen.) Deshalb zeige er diesmal keine „Pimmelparade“. Die Protagonisten, die nun in dreieinhalb Metern Höhe unten-ohne über den Marktplatz spurten, sind sichtbar darum bemüht, ihre besten Teile zu verbergen, „obwohl die jungen Frauen sicher gerne gewusst hätten, was die Jungschäfer zu bieten haben“, wie Lenk vermutet.
Die Proportionen stimmen
Archetypen, aber keine Berühmtheiten – nicht einmal das Uracher Eigengewächs Landwirtschaftsminister Cem Özdemir – hat Lenk diesmal verarbeitet. Die Uracher, die bei der Aufstellung schon mal einen kurzen Blick auf ihr mittlerweile wieder verhülltes Denkmal werfen konnten, scheinen jedenfalls angetan zu sein. „Das passt wunderbar zu den farbigen Fachwerkhäusern“, sagt der 75-jährige Peter Walter aus dem Teilort Dettingen, der in einem der Cafés am Marktplatz sitzt. Immer wieder zückt jemand sein Handy für ein Foto. Sabri Harahati steht allerdings etwas ratlos davor. „Ich verstehe die Geschichte dahinter nicht ganz“, sagt der 24-Jährige. Aber generell sei es „cool, dass etwas läuft“.
Inge Cartarius ist sogar extra aus Metzingen herübergeradelt. „Ich finde das sehr amüsant“, sagt die 75-Jährige. Und auch die Proportionen stimmten. „Als Physiotherapeutin sieht man das.“ Die Kritik, dass der Gemeinderat der 13 000-Einwohner-Stadt mal eben 210 000 Euro für das Projekt bewilligt hat, zuzüglich 70 000 Euro für ein Glockenspiel, ist an diesem Tag erst einmal verstummt. Es habe ja auch Tradition, dass man sich zum Jubiläum etwas gönne, sagt der Bürgermeister. 1923, zum 200-Jährigen, war es das Theaterstück „Die Schäferlies“ von Hans Reiling.
Wird es ein neuer Tourismusmagnet?
Jetzt erhofft sich Rebmann nachhaltigen Nutzen. Seit Jahren versucht man in Bad Urach, einen Teil der jährlich eine Million Besucher des Wasserfalls in die schmucke Altstadt zu locken. Das Parkticket beinhaltet Freifahrten mit Bus oder Bahn in die Innenstadt. Das Lenksche Denkmal soll nun zusätzlichen Schub bringen und im besten Fall wie die Imperia in Konstanz zum neuen Wahrzeichen von Bad Urach werden.
Dass die Stuttgarter ihr S-21-Denkmal wieder abbauen ließen und auf ein solchen Anziehungspunkt verzichteten, mag Rebmann nicht kommentieren. Nur so viel: „Der Unterschied ist ja, dass wir dafür bezahlt haben.“ Aber in Stuttgart hat man den touristischen Wert eines Lenkmals wohl einfach nicht begriffen. Wie sagte Oberbürgermeister Frank Nopper (CDU) neulich: „Man kann nicht alles haben.“
Enthüllung, Sonntag,16. Juli, 17.30 Uhr. Der Uracher Schäferlauf findet eine Woche später und erstmals nach der Pandemie, vom 21. bis 24. Juli statt.