Schaudern, Staunen und dann Linsen mit Spätzle Wie junge US-Jazzer Deutschland erleben

Abendessen mit Familie Kaatze: Franceso bekommt ein Saitenwürstle auf den Teller, Wil schaut interessiert zu. Foto: Langner

Eine Bigband einer Highschool aus Chicago ist derzeit am Böblinger Albert-Einstein-Gymnasium zu Gast. Die Bandmitglieder Wil und Franceso staunen über deutsche Architektur, genießen schwäbisches Essen und schaudern vor den Schrecken von Dachau.

Böblingen: Edmund Langner (edi)

Was ist das Größte überhaupt? Als Fan der schwäbischen Cartoon-Figuren Äffle und Pferdle gibt es für Tobias Kaatze darauf nur eine Antwort: Linsen mit Spätzle und Saitenwürsten. Seit Kurzem wissen das auch Wil Lackner und Francesco Alongi. Die beiden Mitglieder einer Highschool-Bigband aus dem Großraum Chicago sind derzeit zu Besuch am Böblinger Albert-Einstein-Gymnasium (AEG) und leben eine Woche bei der Dagersheimer Familie Kaatze. Innerhalb weniger Tage gibt es für die Teenager viel zu verdauen – und nicht alles ist dabei so vergnüglich wie das schwäbische Leibgericht ihres Gastvaters.

 

Es ist Montagabend, kurz nach 21 Uhr: Tobias Kaatze steht in der Küche und drückt Spätzlesteig durch die Presse. Seine Tochter Milla schaut nach den Kässpätzle im Ofen. Es duftet nach Essig und gebratenen Zwiebeln. Die Tür geht auf und hinter Familienmutter Ulrike Kaatze kommt ihr Sohn Leo mit Wil und Francesco herein. Die Jungs lachen. Vor ein paar Stunden sah ihre Stimmung noch ganz anders aus.

Die Bandmitglieder waren auf eigenen Wunsch in Dachau

Gemeinsam mit der übrigen Highschool-Band und einigen Mitgliedern der AEG-Bigband haben die drei einen langen Tagesausflug nach Bayern hinter sich. Neben der Landeshauptstadt München besuchten sie die KZ-Gedenkstätte Dachau. „Wir hatten eigens darum gebeten, dort hin fahren zu dürfen“, sagt Wil. Als die jungen Amerikaner darüber sprechen, merkt man ihnen an, was diese Erfahrung mit ihnen gemacht hat. Insbesondere das Krematorium hat offenbar einen tiefen Eindruck hinterlassen.

„Davon zu hören und es tatsächlich zu sehen, sind zwei völlig verschiedene Dinge“, sagt Franceso. „Ich habe heute viel gelernt. Unser Bildungssystem vermittelt dieses Thema nicht sehr eingehend“, sagt Wil, der nun zum ersten Mal ein Gefühl für das Ausmaß der Naziverbrechen bekommen habe. „Jeder Mensch sollte einmal durch diesen Ort laufen, dann wäre unsere Welt ein besserer Ort“, zitiert Francesco, was einer seiner mitgereisten Lehrer in Dachau gesagt habe.

Von diesen bedrückenden Mollklängen abgesehen, gleicht der bisherige Trip der jungen US-Jazzer eher einer Up-Tempo-Nummer: Seit ihrer Ankunft am vergangenen Freitag waren die 17 Bandmitglieder und ihre drei mitgereisten Betreuer bereits in Stuttgart und Straßburg. „Was mich beeindruckt, ist, wie sauber hier alles ist“, sagt Wil, der mit vollem Namen Wilhelm heißt und dessen Vorfahren zum Teil aus Österreich stammen. In seiner Heimat St. Charles, einer 33 000-Einwohner-Stadt westlich von Chicago, sei alles viel schmutziger.

„Ich muss sagen: Auch das Essen hier ist toll. Alles schmeckt so viel besser hier“, findet der 18-jährige Wil – und erntet ein zufriedenes Lächeln seiner Gasteltern, die ihn seit seiner Ankunft mit allen möglichen schwäbischen Leckereien füttern. Aber auch Currywurst und Yufka haben die Amerikaner schon probiert und für sehr lecker befunden.

„Die Architektur ist super cool.“

Und dann sei da natürlich noch die Architektur. „Die ist super cool“, sagt Wil. Franceso sieht das genauso. Ihn faszinieren vor allem die historischen Gebäude wie das Straßburger Münster. „Bei uns gibt es nichts Vergleichbares“, sagt der 17-Jährige mit kolumbianischen und sizilianischen Wurzeln. Am Dienstag bekam er noch mehr historische Bauten zu sehen. Da ging’s auf die Alb zum Schloss Lichtenstein und nach Tübingen.

„Am Mittwoch geht’s dann nach Herrenberg und auf den Schönbuchturm, am Donnerstag voraussichtlich nach Esslingen. Und am Karfreitag besuchen wir das Porschemuseum. Das hat da geöffnet“, sagt Johannes Stephan. Der AEG-Lehrer und Bigbandleader ist überglücklich, dass der Austausch nach zehn Jahren Pause wieder stattfindet. Er selbst hat daran großen Anteil, denn fast alles läuft über den privaten Einsatz einiger weniger Lehrkräfte und Eltern.

Zu diesen Eltern zählt das Ehepaar Kaatze. Ihr Sohn Leo, der im Juni 16 wird, spielt Saxofon in der AEG-Bigband. Mit den beiden US-Schülern versteht er sich offenbar bestens. „Wir spielen Fortnite, waren zusammen Fahrradfahren und haben im Dagersheimer Stadion ein Wettrennen gemacht“, berichtet Leo. Wil, der neben dem Basspielen auch Ausdauerlauf betreibt, habe den anderen 100 Meter Vorsprung gegeben und sei dennoch knapp an sie herangekommen.

Im Herbst könnte es zum Gegenbesuch in den USA kommen

Die drei Jungs lachen viel zusammen. Als Francesco bemerkt, um wie viel besser die Menschen sich seiner Meinung nach in Deutschland anziehen („Keiner läuft wie ein Penner oder in Jogginghosen rum.“), meint Leo grinsend, dass er eben nur noch nicht um die Mercaden oder den Böblinger Bahnhof herum unterwegs gewesen sei.

Wenn es klappt, sehen Wil, Francesco und Leo sich vielleicht schon im Herbst wieder, wenn die AEG-Bigband den Gegenbesuch in den USA antreten will. Vielleicht bekommen seine vom schwäbischen Essen verwöhnten Gäste dann die Chance, sich bei Leo mit einer echten Spezialität aus Chicago zu revanchieren: der berühmten Deep-Dish-Pizza.

Info: Nach dem Auftritt bei der IG Kultur im Sindelfinger Pavillon am Dienstagabend spielt der Jazz Workshop der St. Charles North High School am Mittwoch, 27. März, beim Jazzforum Aidlingen im Deufringer Schlosskeller und am Donnerstag, 28. März, mit der AEG Bigband in der AEG-Aula. Die Konzerte beginnen jeweils um 20 Uhr.

Von Chicago nach Böblingen

Langjährige Verbindung
 Der Band-Austausch zwischen dem Böblinger Albert-Einstein-Gymnasium (AEG) und der St. Charles North(SCN) High School aus dem Großraum Chicago besteht seit 1990 und geht zurück auf die US-Kontakte des früheren AEG-Musiklehrers und künstlerischen Leiters der Böblinger Jazztime, Tilman Jäger. Der letzte Austausch fand im Jahr 2014 statt.

Ausgeprägtes Jazzprofil
 An der SCN musizieren und proben mehrere Bigbands, Vocal-Jazz-Klassen sowie ein Kammerjazz-Kurs. Es gibt regelmäßige Auftritte bei Konzerten und Festivals. Bei den Bigbands gibt es drei Leistungsstufen. Am AEG gastiert mit dem 17-köpfigen Jazz Workshop das Top-Ensemble. Saxofonist und Bandleader John „Wojo“ Wojciechowski tritt unter anderem mit dem Chicago Jazz Orchestra auf. 

Weitere Themen