Schauspieler Jannik Schümann „Ich fühle mich seit dem Outing gestärkter und selbstbewusster“

Jannik Schümann als Robert in „Disko 76“ Foto: RTL

In der TV-Serie „Disko 76“ spielt Jannik Schümann („Sisi“) einen Ruhrpott-Travolta. Im Interview spricht er über den „Dirty Dancing“-Moment der Serie und darüber, wie schwer sich das deutsche Fernsehen mit queeren Erzählungen tut.

Freizeit & Unterhaltung : Gunther Reinhardt (gun)

Jannik Schümann, der zuletzt Kaiser Franz Joseph in der Serie „Sisi“ gespielt hat, wollte schon immer in einem Tanzfilm mitspielen. Jetzt ist sein Traum in der Serie „Disko 76“ wahr geworden. Als nächstes wünscht er sich, in einer Produktion mitzuspielen, die queeres Leben ganz ohne Stereotype erzählt.

 

Herr Schümann, spielen Sie in „Disko 76“ die Antwort des Ruhrpotts auf John Travolta?

Als ich das Drehbuch zum ersten Mal gelesen habe, musste ich natürlich auch daran denken. Aber es gibt kaum etwas, das cooler ist, als ein bisschen John Travolta sein zu dürfen.

Haben Sie sich zur Vorbereitung dann auch „Saturday Night Fever“ angeschaut?

Selbstverständlich. Und noch viele andere Tanzfilme. Ich bin aber auch wirklich ein großer Fan dieser Art Filme. Mit denen bin ich groß geworden. In „Disko 76“ gibt es eine Probenraumszene, in der ich Doro eine Choreografie zu „Fifty Ways To Leave Your Lover“ beibringe. Und das hat sich für mich ganz doll wie die „Hungry Eyes“-Szene aus „Dirty Dancing“ angefühlt. Und da habe ich gedacht: Oh, krass, dass ich mal in so einer Szene mitmachen darf! Das war ein großer Traum von mir.

Jannik Schümann als Robert in „Disko 76“ Foto: RTL

Sie wollten immer schon mal in einem Tanzfilm mitspielen?

Ja, dass ich meine Leidenschaft fürs Tanzen mit meinem Schauspielerberuf verbinden kann, ist für mich wie ein Sechser im Lotto. Ich habe das aber auch lange vorher manifestiert. Den Tipp hat mir einmal eine Bekannte gegeben, die auch aus der Branche ist. Seit zwei, drei Jahren antworte ich deshalb immer auf die Frage, was für eine Rolle ich gerne mal spielen möchte, dass ich in einem Tanzfilm oder einer Tanzserie mitspielen möchte. Und irgendwann ist das wahr geworden.

Wenn wir schon beim Manifestieren sind: In „Disko 76“ gibt es einen fiktiven Gastauftritt von Michael Jackson. Wenn Sie sich aussuchen könnten, wer in Ihrem nächsten Tanzfilm mitspielt, wer sollte das sein?

Wenn ich wirklich nach den Sternen greifen darf, dann würde ich mir Beyoncé an meiner Seite wünschen.

@rtlplus Wir haben lange genug darauf gewartet, dass diese Serie erscheint. Nun ist es endlich soweit: „Disko 76“, eine Serie über die wilden 70er Jahre im Ruhrpott und wie die erste Disko in Bochum eröffnet wird, ist jetzt auf RTL+ zu sehen. Es gibt noch so viel mehr über diese Serie zu erzählen, zum Beispiel wie ungerecht Frauen damals behandelt wurden, aber am besten schaut ihr selbst rein. #Disko76 #Fiction #Serie #Bochum #RTLPlus #RTLPW #GMGIWAHAFU #DiskoBochum ♬ Originalton - rtlplus

Mit Beyoncé befinden wir uns ja im Hier und Jetzt: Wie aktuell ist die Geschichte, die in „Disko 76“ erzählt wird?

Was ich wahnsinnig modern finde, ist die Liebesgeschichte zwischen Doro und Robert. Ich habe bei denen das Gefühl, dass sie eigentlich nur miteinander reden und diese ganzen Spielchen beiseite lassen und nur einmal über ihre Gefühle reden müssen, um relativ weit zu kommen. Aber dadurch, dass die nie ehrlich sagen, was sie wollen und sich nicht zu dem anderen bekennen, ist das eine Beziehung, die kein positives Ende haben kann. Und das finde ich total modern. Es gibt immer weniger Menschen, die bereit sind, sich auf eine Person wirklich einzulassen, dazu zu stehen und über ihre Gefühle zu reden.

Jannik Schümann mit Luise Aschenbrenner Foto: RTL

Sie haben sich vor drei Jahren an #ActOut beteiligt. Hat sich dadurch für Sie etwas verändert?

Man lebt ja immer so in seiner eigenen kleinen Blase. Und dadurch, dass ich in den letzten drei Jahren viel gedreht habe, mit zwei Serien beschäftigt war – vor „Disko 76“ stand ich ja für „Sisi“ vor der Kamera –, habe ich relativ wenig mitbekommen, was außerhalb dieser beiden Produktionen, passiert ist oder für mich passiert wäre. Ich habe aber das Gefühl, dass ich noch gestärkter und selbstbewusster auftreten kann, seit ich einen Teil von mir nicht mehr verstecken muss. Deswegen gibt es für mich eigentlich nur positive Auswirkungen. Allerdings höre ich von Kolleginnen und Kollegen, die auch bei #ActOut beteiligt waren, dass die nur noch für queere Rollen angefragt werden. Genau deshalb haben sich ja viele davor gesträubt, in die Öffentlichkeit zu gehen. Aber das war bei mir überhaupt nicht der Fall. Die Rolle in „Disko 76“ habe ich zum Beispiel nach dem Outing bekommen – und Robert ist ja wirklich ein sehr heterosexuell gelesener Charakter.

Wäre das Ziel, dass es bei der Besetzung von Rollen irrelevant ist, welche sexuelle Orientierung man hat?

Genau. Ich kann zwar verstehen, warum es Leute gibt, die sagen queere Charaktere sollten so lange nur von queeren Schauspielerinnen und Schauspielern gespielt werden, bis es kein Thema mehr ist in der Gesellschaft. Aber meiner Meinung nach widerspricht das ein bisschen dem #ActOut-Manifest, in dem es heißt: Wir spielen Rollen, also lasst mich doch bitte spielen, was ich spielen möchte. Ich wünsche mir, dass wir irgendwann an der Stelle angekommen sind, dass sexuelle Orientierung kein Thema mehr ist. In keinster Weise. Auf der anderen Seite – und jetzt manifestiere ich wieder – würde ich total gerne mal an einer queeren Produktion beteiligt sein, die meine Realität abbildet. So etwas gibt es im deutschen Film und Fernsehen nicht.

Zu wenig oder noch gar nicht?

So wie ich meine Realität sehe, noch gar nicht. Es gibt Produktionen, die ich sehr missglückt finde, weil sie nur stereotype Vorstellungen bedienen, die wir eigentlich nicht mehr erzählen wollen.

Wahrscheinlich möchten Sie da kein Beispiel nennen, oder?

Doch, das kann ich. Die ARD-Serie „All You Need“ hat eigentlich das Richtige versucht, nämlich einem breiten Publikum queeres Leben in der Großstadt zu zeigen, hat dann aber alle Stereotypen benutzt, die man benutzen kann und gefühlt alle Vorurteile bedient.

Jannik Schümann und „Disko 76“

Person
Jannik Schümann (31) stammt aus Hamburg. Als Neunjähriger spielte er in dem Musical „Mozart“ den Titelhelden als Kind. Seinen ersten TV-Auftritt hatte er als Elfjähriger in der ZDF-Serie „Die Rettungsflieger“. Er spielte seither in zahlreichen Filmen und Serien mit – zuletzt in „Sisi“. 2020 outete sich Schümann auf Instagram als homosexuell, 2021 beteiligte er sich an der Aktion #ActOut, bei der sich 185 Menschen aus dem Bereich der darstellenden Künste als lesbisch, schwul, bisexuell, queer, intergeschlechtlich oder transgender outeten.

Serie
Die Ufa-Fiction-Produktion „Disko 76“ ist seit Donnerstag, 28. März, auf der Streamingplattform RTL+ verfügbar.

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