Felix Strobel kennt das Stuttgarter Publikum schon ewig. Naja, zumindest seit Beginn seiner noch jungen Schauspielkarriere. „Es hieß bei uns immer: 30 Prozent der Leute sind aus Stuttgart, 50 Prozent sind Touristen und der Rest Berliner“, sagt Felix Strobel und lächelt.
„Bei uns“ ist das BE, das Berliner Ensemble. Felix Strobel spielt an die Fans des ehemaligen BE-Intendanten Claus Peymann an, der in den 1970ern das Schauspielhaus Stuttgart zu einer überregional wahrgenommenen Bühne machte.
Einige Theaterfreunde reisten ihm Jahrzehnte lang nach, nach Wien ans Burgtheater, dann ans BE, das Peymann leitete. Hier hatte Felix Strobel sein erstes Engagement, schon während seines Studiums an der Schauspielschule Ernst Busch in Berlin.
Erstes Engagement bei Claus Peymann in Berlin
„Unter meinen Kommilitoninnen und Kommilitonen galt das als etwas verstaubt, ich war aber natürlich froh, dass ich dort sogar als Student schon arbeiten und von vielen gerade älteren Kollegen lernen konnte“, sagt Felix Strobel.
Und wie immer man zu Peymanns Theater steht –ein Gespür für talentierte Schauspieler hatte der Theatertausendsassa schon immer. Manche wurden Stars. Man denke an Gert Voss, Kirsten Dene. Jetzt also der 28 Jahre junge Felix Strobel. Auch ein großes Talent. Und Ensemblemitglied im Schauspiel Stuttgart seit Burkhard C. Kosminskis Intendanz 2018.
„Stuttgart ist eine sehr gute Bühne und ein guter Theaterort. Ich möchte auf jeden Fall im Ensemble bleiben, ich finde eine langfristige künstlerische Zusammenarbeit gut. Hier kann ich mich als Schauspieler entwickeln und eine Beziehung auch zum Publikum aufbauen“, sagt Felix Strobel, während er in einem Café nahe des Theaters sitzt und in seiner Teetasse rührt.
Spielfreude und Sprachkunst
„Insel der Sinne“ ist die Sorte der Wahl, nachdem Felix Strobel sich höflich beim Kellner über die aktuellen Teekreationen erkundigt hat. Und Sinne, Sinn und Sinnlichkeit – das passt schon zu dem jungen Künstler. „Ich gehe intuitiv an eine Rolle heran“, sagt Felix Strobel, „versuche, einen Rhythmus, ein Gefühl für Timing zu entwickeln.“ Theater wie Strobel es schätzt, hat viel mit Spiel, Freude, Sprachkunst zu tun, weniger mit Theatertheorie.
Das ist so seit seiner Kindheit. Während Corona vertrieb er sich die wegen Theaterschließung spielfreie Zeit mit seinem Hobby seit Kindheitstagen: Marionetten bauen für Figurentheater.
„Das habe ich früher schon mit meiner Schwester zusammen gemacht“, sagt Felix Strobel, „und bin durch die Nachbarschaft und Kindergärten gezogen und habe gespielt.“ Die Schwester, die auch Schauspielerin (am Schauspiel Essen) wurde, ist ausgestiegen. Er baut weiter Marionetten. „Seit hunderten Jahren gibt es diese Kunst, das finde ich faszinierend.“
Marionetten für Shakespeare
Seit drei Jahren arbeitet er an Figuren für ein Shakespeare-Stück seiner kleinen Tisch-Marionetten-Bühne. Auf die Frage, ob er das dann als Begleitprogramm zur Shakespeares „Sturm“ nächste Saison im Schauspielhaus öffentlich vorführen wird, winkt er ab. Gut möglich, dass die Vorbereitungen für sein Stück noch lange dauern. Denn anders als im schnelllebigen Theaterbetrieb sei er froh, sich bei diesen Projekten so viel Zeit lassen zu können wie nötig.
„Ich bin ein Theaterfan“, sagt Felix Strobel, „ich liebe es, im Theater zu sitzen. Zwischendurch immer wieder die Zuschauerperspektive einzunehmen, inspiriert mich und zeigt mir, wofür ich eigentlich auf der Bühne stehe.“
In München, wo er aufgewachsen ist, gab es genug überregional beachtetes Theater zu sehen: Dieter Dorn residierte im Staatsschauspiel. Auf der anderen Seite der Maximilianstraße, in den Kammerspielen, hatte Intendant und Regisseur Johan Simons ein großartiges Ensemble.
„Deshalb wollte ich sofort auch bei der ,Orestie‘ von Aischylos in der Regie von Robert Icke mitspielen, auch wenn die Rolle nur klein war“, sagt Felix Strobel. „Denn da hatte ich die Gelegenheit, mit Sylvana Krappatsch zu spielen, die ich immer schon an den Kammerspielen bewundert hatte.“
Großartiges Spiel in „Fabian“ im Schauspielhaus Stuttgart
Er sei, fügt er dann noch mit Augenzwinkern an, vermutlich einer der wenigen Theaterschauspieler, die manchmal lieber im Publikum sitzen als auf der Bühne: „Ich habe ziemlich mit Lampenfieber zu kämpfen.“
Man merkt das allenfalls daran, dass er manchmal wie auf leisen Sohlen auf die Bühne schleicht, in Tschechows „Iwanow“ zum Beispiel, wo er einen jungen Landarzt spielt und seine scheuen Blicke verraten, dass sein Interesse für Iwanows kranke Gattin vielleicht nicht nur medizinische Gründe hat.
In der aktuellen Saison hat Felix Strobel gezeigt, dass er das gut auch schon einen ganzen Abend tragen kann. In Kästners „Fabian“ beeindruckt er als lebensmüder in Literaturwissenschaftler Stephan Labude mit nervös fiebriger Aufgeregtheit.
„Ich suche nach den Abgründen, nach den Widersprüchen in einer Figur“, sagt Felix Strobel. „Manchmal auch das Gegenteil dessen, was ich sage, zu spielen, das ist der Anspruch.“ Wie das aussieht, zeigt sich in Dostojewskis „Schuld und Sühne“.
Hier gibt er sich als Staatsanwalt, der Raskolnikow des Mordes überführen will, ganz harmlos und unterwürfig, zeigt in längeren Ansprachen, wie kunstvoll er Pausen setzen kann, wie pointiert er den Ton erhöht, scharf und klar formuliert, dann einen sanft schmeichelnden Ton anschlagen kann und dazu aber ziemlich fies die Zähne bleckt.
Szenenapplaus bei „Schuld und Sühne“
Lakonisch sagt er dann, dass er den Raskolnikow (gespielt von David Müller) jetzt schon noch ein paar Tage lang frei herumlaufen lassen könne, dass er es aber ohnehin nicht mehr lange aushalten werde, mit seiner Schuld durch die Welt zu stolpern.
Gemeinsam mit Valentin Richter (er spielt Raskolnikows Freund) umkreist er den Mörder mit Papierstapeln und Büroleiter– derart akrobatisch ist die Nummer der drei Darsteller, dass es bei der Premiere zurecht Szenenapplaus gab.
Die Lust am Slapstick wie am hoch spannenden, fein gearbeiteten Sprachspiel, macht seine Kunst aus. Und selbst wenn er nur in Achim Freyers „Don Juan“ als kariöse, musizierende Vogelscheuchenfigur über die Bühne geistert, sorgt er für interessante Störmomente. Das Publikum wird Felix Strobel stets lieber auf der Bühne als im Zuschauerraum sehen.
Felix Strobel sehen
Theater
In Dostojewskis „Schuld und Sühne“ ist Felix Strobel noch einmal am 12. Juli und dann wieder in der nächsten Saison im Schauspielhaus Stuttgart zu sehen. „Fabian“, „Der Besuch der alten Dame“, „Don Juan“ und „Verbrennungen“ mit Felix Strobel bleiben im Repertoire.
Video
Während der Theaterferien empfiehlt sich das Youtube-Video des Theaters mit Felix Strobel und einem Dada-Text, auf Facebook zeigt er Marionettentheater und Politik-Persiflagen.