Schaustellerfamilie in Böblingen Wohnen unter dem Riesenrad

Für sie dreht sich alles ums Riesenrad: Jill, Sebastian und James Göbel. Foto: Stefanie Schlecht

Das ganze Jahr auf Achse quer durch Europa – im Gepäck das größte transportable Riesenrad. Wie lebt es sich mit Kind und Hund von und mit dem Spektakel? Zu Besuch bei Jill und Sebastian Göbel auf dem Böblinger Flugfeld.

Böblingen: Jan-Philipp Schlecht (jps)

Nebenan wird gerade die „Crash Zone“ aufgebaut. Der Autoscooter gehört zum Oster-Freizeitpark unter dem Riesenrad „City Star“ auf dem Flugfeld, der am Freitag eröffnet. Die Kinder-Achterbahn steht schon. Von den Imbissbuden zieht ein würziger Bratwurstduft herüber. Über dem Geschehen dreht der 70 Meter hohe „City Star“ seine Runden. Ob er mal kurz kommen kann und nach einer Stromleitung schauen, wird Sebastian Göbel gefragt. Natürlich kann er, er kennt es nicht anders. „Ich bin Schausteller in fünfter Generation“, sagt der 33-Jährige, als das Stromproblem gelöst ist.

 

Nach drei Wochen an einem Ort juckt es in den Fingern

Doch was bedeutet das für ihn und seine Frau Jill, die wie er aus einer Schaustellerfamilie kommt? „Wir sind die meiste Zeit des Jahres aus Achse“, sagt die 25-Jährige. Auf ihrem Schoß brabbelt Sohnemann James vergnügt vor sich hin. Die Bierbänke haben eine praktische Höhe: An ihnen kann sich der junge Mann, der mit seinen zehn Monaten gerade laufen lernt, gut festhalten. Vor Böblingen stand der „City Star“ im Londoner Hyde Park, davor im belgischen Gent, in Polen, Ungarn und der Schweiz. Das Riesenrad reist. Und sie reisen mit.

„Nur im Januar und Februar sind wir dann tatsächlich mal für ein paar Wochen stationär in Worms“, sagt die junge Mutter. Dort hat der Betrieb seinen Sitz, die Familie ihr loses Zuhause. Doch als Zuhause im klassischen Sinne empfinden sie es nicht. „Unseres ist schon etwas größer“, sagt Jill Göbel und lacht. Sie meint den ganzen Kontinent. Lange halten Göbels es nicht aus an einem Ort. „Nach drei Wochen juckt es mich schon in den Fingern und ich könnte wieder losziehen“, sagt sie. Seit drei Jahren touren die beiden mit dem „City Star“ quer durch Europa. „Allerdings sind wir jedes Jahr überwiegend an den gleichen Festen“, sagt Sebastian Göbel. „Das sind gewachsene Bekanntschaften unter den Familien. Man will sich aufeinander verlassen können.“

Fast alle Schaugeschäfte sind Familienbetriebe

Nach Angaben ihres Bundesverbandes gibt es zwischen 5000 und 6000 Schaustellerbetriebe in Deutschland. „Die meisten sind kleine und Kleinstbetriebe, so gut wie alle in Familienhand“, sagt der Verbandsvorsitzende Werner Hammerschmidt. Große Firmen seien die Ausnahme. Göbels aus Worms dürften dazugehören, wenngleich sie vor allem mit der Größe ihrer Fahrgeschäfte von sich reden machen.

Es ist ein eigenes Völkchen, das da durch die Lande tourt. Mit festen Bräuchen: Bei der Eröffnung eines neuen Fahrgeschäfts etwa werfen Schausteller eine Handvoll Kleingeld ins Kassenhäuschen. „Wie eine Art Taufe“, sagt Jill Göbel. Die Münzen müssen für die Dauer des ersten Fests auf dem Boden liegen bleiben. „Erst danach sammeln wir sie ein.“ Dieses erste Geld reist mit als Glücksbringer.

Sebastian Göbel führt den Betrieb gemeinsam mit seinem Bruder Tobias und Cousin Christian. „Vor dem ,City Star’ haben wir die ,Wilde Maus’ betrieben“, sagt er. Die Achterbahn ist auf Rummeln berüchtigt: Sie sieht harmlos aus. Doch wer einmal das Vergnügen mit ihr hatte, vergisst sie so schnell nicht. Die Wagen flitzen derart zackig um die Kurven, dass das trockene Wort Zentrifugalkraft eine ganz plastische Bedeutung erhält. Insbesondere nach einem Bierzeltbesuch.

Wohnwagen kostet so viel wie eine Eigentumswohnung

Kennengelernt haben er und Jill sich auf der Bremer Festwiese, einem großen Jahrmarkt in der Hansestadt. „Das ist nicht unüblich, dass Schausteller untereinander heiraten“, sagt sie. Deren Leben sei doch recht besonders. Auf einmal springt die Jack-Russell-Terrier-Dame Lucy auf den Biertisch und wird sogleich ermahnt. „Die gehört auch schon zum Inventar“, sagt Jill Göbel, als sie zu ihrer Wohnung führt, die natürlich ebenfalls Räder hat. Am Fuße des Riesenrads steht ihr Wohnwagen. Oben kreisen die Gondeln, unten parkt das Leben.

„Der ist komplett ausgestattet mit Küche, Bad, Wohn-, Schlaf- und Kinderzimmer“, sagt der Familienvater. Geht es in einem gewöhnlichen Wohnwagen mehr oder weniger beengt zu, ist dieses Modell doch eine andere Nummer. „2,5 Meter breit und 16 Meter lang ist er, die Quadratmeter hab ich jetzt nicht“, sagt Göbel. Das Zuhause auf Rädern ist eines speziell für Schausteller, als Zugmaschine braucht es einen Sattelschlepper. „In der Anschaffung kosten die so viel wie eine Eigentumswohnung“, sagt er. Doch er will den Komfort nicht missen. „So hat man seinen ganzen Hausstand immer dabei. Sich ständig neu in ein Hotel einzuquartieren wäre ziemlich unpraktisch. Vor allem jetzt mit Kind“, sagt er. Jill Göbel war von klein auf unterwegs. Wie viele Schulen sie besucht hat, weiß sie nicht mehr: „In den meisten war ich ja nur drei oder vier Wochen.“ Bei Stoff und Lehrplan ging es wild durcheinander und über verschiedene Bundesländer hinweg.

So schwach die Bindung an einen Ort ist, so stark ist sie zum Glauben. Christliche Feste werden hochgehalten, Gottesdienste fänden mitunter im Autoscooter statt. Es gibt sogar Geistliche, die nur zu Schaustellern kommen. So auch Ende April: Dann wird Klein-James getauft. Natürlich unter dem Riesenrad.

Infos zum Oster-Freizeitpark

Tage
Der Oster-Freizeitpark und das Riesenrad öffnen von 31. März bis 10. April ihre Tore. Am Karfreitag, den 07. April 2023, ist der Oster-Freizeitpark geschlossen.

Zeiten
An Sonn- und Feiertagen hat er von 11 bis 22 Uhr, werktags von 13 bis 22 Uhr geöffnet. Am Karfreitag, den 07. April 2023, ist der Oster-Freizeitpark geschlossen.

Tickets
Tickets für das Riesenrad und weitere Informationen gibt es online unter www.eventstifter.de/riesenrad

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