Scheidender Sparkassenpräsident Schneider „Da kannst du dich nicht vom Acker machen“

Sparkassenpräsident Peter Schneider gibt am 30. April sein Amt ab. Foto: Sparkassenverband

Sparkassenpräsident Peter Schneider gilt als kluger Strippenzieher. 2009 kämpfte er für die Rettung der LBBW, 2023 macht er sich für die Beteiligung bei der EnBW-Tochter Transnet stark. Am 1. Mai hört er auf. Eine Sache hätte er gern zu Ende gebracht.

Entscheider/Institutionen: Annika Grah (ang)

Als Peter Schneider 2006 Präsident des mächtigen Sparkassenverbands wurde, ahnte niemand, was sich schon ein Jahr später an den Finanzmärkten zusammenbrauen würde und die Bankenbranche in ihren Grundfesten erschüttern würde. Schneider führte den Verband 18 Jahre lang mit ruhiger Hand. Am 1. Mai übergibt er das Amt an seinen Nachfolger Matthias Neth.

 

Sie haben 2006 die Verbandsleitung übernommen. Hätten Sie das gemacht, wenn Sie gewusst hätten, was da mit der Finanzkrise ab 2007 auf Sie zu kam?

Ich habe nie Angst gehabt vor Herausforderungen. Aber es war schon heftig. Den Tag der Lehman-Pleite werde ich nie vergessen. Danach brach quasi alles, was wir bis dahin strategisch überlegt hatten, zusammen. Die LBBW hatte die SachsenLB übernommen, und wir waren in strategischen Gesprächen, mit der BayernLB zusammenzugehen. Das war mit dem 15. September 2008 alles weg. Und dann kam die Erkenntnis, uns hat es auch erwischt. Da gab es für mich keine Warnlampe, weder Prüfer noch Aufsicht noch sonst etwas hatten uns ein Zeichen gegeben.

Die Sparkassen im Land sind neben der Stadt Stuttgart und dem Land als Träger der damals in Schieflage geratenen LBBW beigesprungen. Warum hat das niemand kommen sehen?

Das war ein Treffer in diesem Tanker Landesbank im Kreditersatzgeschäft. 50 Prozent davon hatten wir zuvor von den Landesbanken in Rheinland-Pfalz und Sachsen übernommen. Wir hatten aber auch selbst ein Problem an Bord, das keiner gesehen hat. Wir müssen selbstkritisch sagen, wir haben es auch nicht beherrscht. Wir haben auf die Ratingagenturen vertraut und auf die Bonität – aber ganz durchgeblickt in diesen komplexen Strukturen der sogenannten asset backed securities hat, wenn man ehrlich ist, keiner.

Wie haben Sie als Aufsichtsrat der LBBW reagiert?

Wir haben als Träger mit dem damaligen Ministerpräsidenten Günther Oettinger und Oberbürgermeister Wolfgang Schuster erkannt, uns fehlen Milliarden. Was machen wir jetzt? Lassen wir den Laden fallen, oder stehen wir zusammen und beißen in den sauren Apfel? Das haben wir letztlich getan, nämlich die Kapitalerhöhung von fünf Milliarden Euro und 13 Milliarden Euro Schutzschirm. Das war natürlich gewaltig. Viele – auch in der Sparkassengruppe – haben zu uns gesagt: „Sind Sie wahnsinnig?“ Da gab es hochkonfrontative, auch lautstarke Gespräche.

Haben Sie je an der Entscheidung gezweifelt?

Das war eine einmalige Situation. Das hatte keiner bisher erlebt. Keiner wusste, wie tief wir fallen und wie wir da herauskommen auch wirtschaftlich. Wenn du Hauptfinanziererin in einem Land wie Baden-Württemberg bist, dann weißt du, da geht es um etwas. Wir haben versucht, jeden Lösungsweg auszuleuchten.

Woher wussten Sie, wie Sie entscheiden sollten?

Für mich war bestimmend, wir müssen mit dem Land an einem Strang ziehen. Mir war als früherer Landrat klar, dass das ein tiefer Vertrauensbruch gewesen wäre, wenn die Sparkassen da nicht mitgemacht hätten. Das Zweite war, ich habe die Relevanz für die Wirtschaft gesehen. Die LBBW hatte einen großen Marktanteil. Da kannst du dich nicht vom Acker machen. Darum haben wir uns für diesen durchaus riskanten Weg entschieden auch im Glauben an die eigene Stärke. Heute steht die Bank wieder nachhaltig und ertragsstark da. Und sie hat mit dem Kauf der BerlinHyp jüngst einen wichtigen strategischen Schritt nach vorne gemacht.

Könnte die LBBW noch ein Problem mit Cum-Ex-Ermittlungen bekommen?

Die Staatsanwaltschaft ermittelt noch. Der Vorstandsvorsitzende – damals noch Hans-Jörg Vetter – kam seinerzeit zu mir und sagte, wir haben von vor seiner Zeit Geschäfte, die man darunter subsumieren kann. Da haben wir uns entschieden, die Bank zahlt sofort die Steuer nach, unabhängig davon, ob sie es letztendlich muss. Außerdem wurde gegenüber der Staatsanwaltschaft alles offengelegt. Insofern warten wir jetzt auf Klärung.

Welche Herausforderung liegt vor den Sparkassen?

Erstens müssen wir eingestellt sein auf Dinge, die heute noch keiner sehen kann. Das haben wir aus den vergangenen Krisen gelernt. Und dann kommt noch das Megathema Nachhaltigkeit und die erneuerbaren Energien. Dort gibt es einen enormen Beratungs- und Finanzierungsbedarf. Das ist unser Geschäft.

Sie sprechen von Investitionen im Bereich erneuerbare Energien wie indie EnBW-Tochter Transnet? Sie haben maßgeblich dafür gesorgt, dass ein von der Sparkassen-Finanzgruppe geführtes Konsortium bei dem Übertragungsnetzbetreiber einsteigen kann, um dessen Finanzbedarf zu decken.

Ja. Diese enormen Investitionen, die da aufgerufen werden, und die Frage: Wie werden die gedeckt? Das wird nicht mehr auf dem Kreditweg gehen.

Das heißt, wir werden solche Beteiligungen noch häufiger sehen?

Als Finanzinstitute müssen wir die ganze Palette beherrschen, von der klassischen Kreditierung bis hin zur Refinanzierung einer Beteiligung. Transnet ist strategisch unheimlich wichtig für das Land. Wir entwickeln gerade die Frage, wie man die Beteiligung refinanzieren kann. Wir werden dieses Jahr bei zwei Sparkassen einen Pilotversuch mit einem Sparbrief durchführen. In den Sparbrief können normale Privatanleger investieren. Wir werden aber auch Instrumente für institutionelle Anleger anbieten. Dieses Know-how aufzubauen ist von größter Wichtigkeit für die Finanzierung der Energiewende.

Was ist schwieriger zu managen, Niedrigzinsphase oder schnelle Zinswende nach oben?

Die Niedrigzinsphase hat an unseren Grundfesten gerüttelt. Uns ist ein Ertragsblock im Einlagengeschäft komplett weggebrochen. Die schnelle Zinswende ist auch schwierig, weil viele Kredite langfristig zu niedrigen Zinsen ausgereicht wurden. Bei den eigenen Wertpapieranlagen können wir Abschreibungen mit der Zeit wieder aufholen, denn die Papiere werden meist bis zum Ende der Fälligkeit gehalten. Aber die Niedrigzinsphase war gefährlicher.

Was hätten Sie als Sparkassenpräsident gern noch geschafft?

Ich darf unsere Beteiligung an Transnet weiter im Aufsichtsrat vertreten. Da geht es einfach darum, die Investoren für die Finanzierungsrunden zu finden, die vor uns stehen. Das ist für mich eine Frage der Unabhängigkeit der Energieversorgung. Wir haben da viel Zuspruch aus der Wirtschaft erhalten. Das Zweite ist die Kapitalerhöhung der LBBW. Ich habe nie einen Hehl daraus gemacht, dass die Sparkassen eine große Summe Geld aufgebracht haben. Zwei Drittel davon sind noch in der Finanzierung. Das hätte ich gern zu Ende gebracht.

Und was fangen Sie jetzt mit Ihrer vielen Zeit an?

Meine Frau und ich haben in Italien ein schönes Anwesen. Wahrscheinlich werde ich in Zukunft versuchen, Wein und Oliven an den Mann und an die Frau zu bringen. Daheim in Riedlingen haben wir ein Gasthaus und so eine halbe Landwirtschaft. Da warten so viele schöne Aufgaben. Und dann mag ich Kunst und Kultur gern. Da hoffe ich, dass ich mehr Freiraum habe.

Zur Person

Politiker
 Peter Schneider (65) war von 1992 bis 2006 Landrat in Biberach. Von 2001 bis 2016 saß er für die CDU im Landtag, der noch bis 2011 ein Teilzeitparlament war.

Banker
 Im Jahr 2006 übernahm Schneider die Leitung des Sparkassenverbands, der die Zusammenarbeit der 50 Sparkassen in Baden-Württemberg fördert. Der Verband fungiert unter anderem als Abschlussprüfer für die Sparkassen und als Schlichter bei Meinungsverschiedenheiten.

Oberschwabe
Schneider macht aus seiner Verbundenheit mit seinem Heimatstadt Riedlingen und seinen Wurzeln als Oberländer keinen Hehl. 2009 übernahm er dort gemeinsam mit seiner Frau ein Gasthaus.

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