Scheidung der Eltern Einmal Scheidungskind, immer trennungsgefährdet?

Scheidungskinder heiraten im Schnitt früher als andere – und haben ein höheres Risiko, ihre Ehe auch wieder zu beenden. Foto: Unsplash/Everton Vila

Heute haben viele jüngere Ehepaare selbst geschiedene Eltern. Eine Studie bestätigt erneut, dass sie ein höheres Risiko haben, ihre Ehe wieder zu beenden. Das könnte sich laut Soziologen in den kommenden Jahren aber ändern.

Familie, Zusammenleben und Bildung: Eva-Maria Manz (ema)

Hauptsache, die Kinder leiden nicht! Diesen Satz sagen viele Eltern, wenn sie sich scheiden lassen. Meist kommt es trotzdem anders. Die langfristigen Folgen für Kinder von Eltern, die sich scheiden lassen, sind in den vergangenen Jahren in vielen Studien untersucht worden. Unmittelbar negative Folgen der Scheidung zeigten sich zuletzt 2018 in einer groß angelegten Untersuchung eines Forscherteams um die Soziologin Esther Geisler: Ängste und Niedergeschlagenheit der Trennungskinder, ein Abfall der schulischen Leistungen, zunehmende Wut oder Aggression. Weiterhin lässt sich die Ursache dieser negativen Folgen nicht eindeutig mit dem Ereignis der Scheidung verknüpfen, die Folgen können jedoch im Vergleich mit Altersgenossen beobachtet und nachgewiesen werden.

 

Auch langfristig betrachtet gibt es in den Lebensverläufen von Scheidungskindern einen Unterschied im Vergleich zu jenen, deren Eltern zusammengeblieben waren. Scheidungskinder haben ein höheres Risiko, die eigene Ehe durch eine Scheidung zu beenden. Diese sogenannte Scheidungstransmission ist in der Familiensoziologie erstmals in den 90er Jahren nachgewiesen und seither in mehreren Studien bestätigt worden.

Gesellschaftlich hat sich die Akzeptanz von Scheidungen im Vergleich zu früheren Jahrzehnten erhöht

Die Kölner Sozialwissenschaftlerin Sonja Schulz hat sich jetzt in ihrer neuen Studie die Frage gestellt, ob der Transmissionseffekt des Scheidungsrisikos eigentlich über die Generationen hinweg stabil geblieben ist – oder ein Wandel eingesetzt hat. Diese Frage stellt sich in Bezug auf Scheidungskinder ohnehin: Die Gesellschaft hat sich schließlich stark gewandelt, man ist offener für alle möglichen Lebensmodelle – warum also sollten Scheidungskinder weiterhin stigmatisiert sein und leiden? Viele Untersuchungen zu Scheidungskindern sind außerdem schon mehrere Jahrzehnte alt.

Im Jahr 2022 wurden in Deutschland 137 400 Ehen geschieden. Etwas mehr als die Hälfte dieser geschiedenen Ehepaare hatte minderjährige Kinder. Die sogenannte zusammengefasste Scheidungsziffer sinkt seit 2005 tendenziell. 2022 betrug sie 293 Scheidungen von 1000 Ehen. Die oft bemühte Aussage, dass „jede zweite Ehe in Deutschland geschieden wird“, ist laut Statistischem Bundesamt zwar ein Mythos, trotzdem hat sich gesamtgesellschaftlich die Akzeptanz von Scheidungen im Vergleich zu früheren Jahrzehnten erhöht, sie gelten als normal.

Umso erstaunter war die Sozialwissenschaftlerin Schulz also, als ihre Forschungen den Transmissionseffekt von Scheidungen erneut bestätigte. Für ihre Studie hatte sie die Datensätze analysiert aus Umfragen von rund 37 000 Erst-Ehen, die zwischen 1930 und 2020 geschlossen wurden. Die Daten stammen aus sechs großen Umfrageprogrammen, die zwischen 1981 und 2020 durchgeführt wurden.

Scheidungskinder lernen von Haus aus eine geringere Bindung an die Ehe

Schulz geht davon aus, dass die erhöhte Trennungsbereitschaft von Scheidungskindern unterschiedliche Gründe haben kann. Studien zeigten, dass diese Kinder von Haus aus eine geringere Bindung an die Ehe lernten – selbst bei relativ konfliktarmen Beziehungen neigten sie demnach eher dazu, diese zu beenden. Auch genetische Faktoren und innerhalb der Familie erlerntes Verhalten sollen eine Rolle spielen, die Fähigkeiten zur Konfliktlösung, der Umgang mit Stress sowie Wertvorstellungen etwa. Zudem gibt es die Annahme, dass Scheidungskinder mit dem Anspruch erzogen werden, schneller selbstständig und erwachsen zu werden – sie gingen demnach selbst tendenziell früher feste Beziehungen und Ehen ein, weswegen weniger Zeit für eine optimale Partnerwahl bleibe. Das systematisch niedrigere Heiratsalter von Scheidungskindern konnte in der Forschung in Bezug auf Paare, die in den 90ern und 2000er Jahren im Heiratsalter waren, nachgewiesen werden.

Sonja Schulz erklärt sich den anhaltenden Transmissionseffekt im Generationenvergleich damit, dass womöglich selbst die jüngsten Untersuchten ihrer Studie noch zu „alt“ seien, um den gesellschaftlichen Wertewandel abzubilden. Die Anfang der 80er Jahre Geborenen waren teilweise in ihren Schulklassen noch die einzigen mit geschiedenen Eltern. Heute erleben Kinder meist etwas anderes, nämlich dass viele ihr Schicksal teilen. Sie erfahren auch zunehmend, dass Ehen zwar geschieden werden, aber Familien nicht auseinanderbrechen.

Aus psychologischer Sicht ist der Umgang mit der Situation in der Familie entscheidend

Soziologin Schulz vermutet also, dass sich Veränderungen im Scheidungsverhalten von Scheidungskindern vermutlich erst in den kommenden Jahren abzeichnen werden, wenn jüngere Geburtskohorten im Heiratsalter sind. Ohnehin könnte sein, schreibt Schulz, dass „Kinder in jüngeren Kohorten aufgrund ihrer geringeren normativen Bindung an die Ehe zunehmend alternative Lebensformen der Ehe vorziehen“.

Psychologen haben beobachtet, dass für das Wohlergehen von Scheidungskindern entscheidend ist, wie die Familie mit der veränderten Lebenssituation konkret umgeht und wie miteinander kommuniziert wird. Insbesondere, wenn die Scheidung mit gegenseitiger Abwertung und Verletzung verbunden ist, kann das dann langfristige negative Folgen für die Psyche von Scheidungskindern haben.

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