Scherben-Theater in Bremen Rio Reiser zum 70. auf der Bühne

Von dpa 

Rio Reiser und seine Band Ton Steine Scherben lieferten mit Liedern wie „Keine Macht für Niemand“ in den 70er Jahren den Soundtrack zur Hausbesetzer-Szene. Das Stadttheater Bremerhaven zeigt nun eine Inszenierung über das Leben des Sängers.

Der Schauspieler Henning Bäcker ist in der Hauptrolle zu sehen in dem Theaterstück „Rio Reiser – Wer, wenn nicht wir?“ Foto: dpa/Patrik Stollarz 5 Bilder
Der Schauspieler Henning Bäcker ist in der Hauptrolle zu sehen in dem Theaterstück „Rio Reiser – Wer, wenn nicht wir?“ Foto: dpa/Patrik Stollarz

Bremerhaven/Berlin - Dass ein Theater ein leerstehendes Haus besetzt, passiert nicht alle Tage. Das Stadttheater Bremerhaven hat es getan am 9. Januar 2020, dem Tag, an dem der Sänger der Politrockband „Ton Steine Scherben“ Rio Reiser 70 Jahre alt geworden wäre – um auf die auf die Uraufführung des Stücks „Rio Reiser – Wer, wenn nicht wir?“ am 15. Februar im Großen Haus einstimmen.

Mit Liedern wie „Keine Macht für Niemand“ und „Macht kaputt, was euch kaputt macht“ schufen Rio Reiser und seine Band in den 1970er Jahren Hymnen für die linke Jugend und die Hausbesetzer-Szene. Bei jeder Hausbesetzung in Berlin sind auch die „Scherben“ dabei. Textzeilen wie „Ihr kriegt uns hier nicht raus! Das ist unser Haus, schmeißt doch endlich Schmidt und Press und Mosch aus Kreuzberg raus“ werden noch heute gesungen.

Die aufgeheizte Stimmung Ende der 60er

Wenn die Schauspieler Henning Bäcker als Rio und Marc Vinzing als sein Bandkollege Lanrue – begleitet von einer sechsköpfigen Band – den „Rauch-Haus-Song“ singen, ist auf der Bühne eine Art Barrikade aus Möbeln, Kühlschränken und Herd zu sehen. Wie im Rausch dreht sich die Band-Bühne im Kreis, auf dem Tisch stehen leere Bier- und Weinflaschen. Im Hintergrund bekommen die Zuschauer Originalfilme von Demos, Hausbesetzungen und gewalttätigen Polizeieinsätzen zu sehen. „Schreib die Musik zur Revolution“, wird Reiser auf der Bühne aufgefordert. 

Das Stück aus der Feder von Ingo Putz, der auch Regie führt, beginnt mit der aufgeheizten Stimmung in West-Berlin anlässlich des Schah-Besuchs 1967 und der Gründung der Band 1970. Die Rockgruppe war eine der ersten, die rebellische Texte auf Deutsch sang und damit den Nerv der linken Protestbewegung traf. Die provokanten Song-Titel stehen in großen Lettern auf Bannern, die rechts und links neben der Theaterbühne aufgehängt sind.

Der Druck wurde zu groß

Rio Reisers spätere Solokarriere nach der Auflösung der Band 1985 inklusive seines größten Hits „König von Deutschland“ reißt die Inszenierung nur kurz, aber eindrucksvoll an. „Ich wollte kein Biopic, keine Aneinanderreihung von Fakten, sondern zeigen, dass Musik Menschen verändern kann“, sagt Ingo Putz.

„Ton Steine Scherben“ werden zu Ikonen der Protestbewegung, die Forderungen ihrer Fans damit aber auch immer lauter. „Sie sollten bei jeder Hausbesetzung spielen, am liebsten umsonst“, sagt Putz. Die Band verließ schließlich Berlin und zog nach Fresenhagen in Nordfriesland. „Der Druck war zu groß geworden“, sagt Putz, der die Landflucht im zweiten Teil des Stückes thematisiert. In der Provinz wurden die Musiker von argwöhnischen Bauern beäugt. „Den einen sind wir zu radikal, den andern nicht radikal genug“, lässt Putz seinen Protagonisten Reiser sagen. 

Radikal war das Stadttheater Bremerhaven mit seiner Hausbesetzung im Januar dagegen ganz und gar nicht: Die Aktion war abgesprochen, ein Polizist geleitete den Demonstrationszug sogar fürsorglich bis zum leerstehenden Haus. (dpa)

Termine: Die Uraufführung von „Rio Reiser – Wer, wenn nicht wir?“ findet am 15. Februar 2020 im Großen Haus des Stadttheaters Bremerhaven statt. Das Stück wir bis zum Sommer gespielt.