Sie trägt. Die Pflanze wird aber auch wahrlich umsorgt. Der Chef Andreas Ronken persönlich kümmert sich um die Kakaopflanze, gießt sie, hegt und pflegt sie. Aber eine Kakaopflanze, die in einem geschlossenen Gebäude in Deutschland steht, kann eigentlich keine Frucht tragen. Doch zum Sommerfest kam ein Kollege aus Nicaragua und bestäubte die Pflanze von Hand. Mit Erfolg. Nun kann noch im Dezember die erste Waldenbuchner Kakaopflanze geerntet werden – diese reicht dann für eine Tafel Schokolade.
So wie die Kakaobohne bildhaft für den Familienbetrieb Ritter Sport steht, so ist ein anderes Bild noch viel stärker mit der Schokolade verknüpft: das Quadrat. Was also liegt näher, als bei der Neugestaltung der Büros bei Ritter Sport dem Quadrat eine Hauptrolle zu geben – und dabei ein Spiel mit den Farben der verschiedenen, fast schon ikonischen Sorten zu wagen?
Nichts. Und eben weil das farbige Quadrat so nahe liegt, liegt darin auch eine Gefahr: die, dass eine solche Gestaltung wie mit dem Holzhammer daherkommt. Dem ist nicht so. Die Architekten von der Stuttgarter Ippolito Fleitz Group haben es geschafft, das Viereck zwar konsequent und durchgängig, aber gleichfalls subtil und spielerisch aufzugreifen. Nicht das Quadrat stand letztlich im Vordergrund der Gestaltung, sondern dass der Mensch sich wohlfühlt – und konzentriert und kreativ arbeiten kann. Das wurde gerade erst wieder bestätigt: die Stuttgarter Architekten haben für die Ritter-Sport-Büros gerade erst bei den Best of Year Awards die Kategorie „Large Corporate Office“ gewonnen. Zuvor hatten sie in diesem Jahr schon einen Red Dot Award in der Kategorie „Spatial Communication – Interior Design“ bekommen, zudem sind für den Callwey Best Workspaces Award 2024 nominiert.
Es galt in Waldenbuch sowohl im Bestand zu arbeiten, als auch einen angrenzenden Neubau zu gestalten. Das Ensemble sollte am Ende eine Einheit sein, die Schokozentrale, eröffnet wurde es vor zwei Jahren. Die Bauphase hatte zuvor vier Jahre gedauert, der Innenausbau ein Jahr, wie Isabel Pohle, Architektin von der Ippolito Fleitz Group und Leiterin des Projekts, erklärt. Das alte Gebäude wurde komplett entkernt und modernisiert.
Dem Altbau hat man seinen Fabrikcharakter gelassen
Vom Empfang im alten Gebäude aus geht man einen langen Gang entlang. „Das ist unser Markenweg“, sagt Benjamin Flaig, der Leiter des Energie- und Gebäudemanagement bei Ritter Sport, der in dieser Funktion die Projektleitung beim Bau inne hatte. Mit Plakaten an den Wänden, die in den Farben der Sorten von Ritter Sport gehalten sind, wird an die über 100-jährige Geschichte der Schokoladenfabrik erinnert. Etwa auch an die Begebenheit, die zum legendären Quadrat führte: Es gab ab 1930 einen kleinen Fabrikverkauf, den die Mitgründerin Clara Ritter betrieb.
Auf dem Weg zum benachbarten Sportplatz kauften sich die Spieler oft noch eine Schokolade – und steckten diese dann in die Tasche ihres damals üblichen Jacketts. Die Langtafel guckte dann immer ein Stücken oben heraus – und drohte zu brechen. Die Lösung: eine quadratische und dickere Schokolade. „An die Anfänge zu erinnern trägt zur Mitarbeiterbindung bei“, sagt Flaig.
Auch bei der Gestaltung wird Wert darauf gelegt, die Vergangenheit, das Alte nicht vollständig zu übertünchen: Dem Altbau hat man seinen Fabrikcharakter gelassen, indem man mit Sichtinstallation der Haustechnik gearbeitet hat. Im Gang stehen Schließfächer – jeweils in Form eines Quadrates – entlang des Ganges befinden sich Büros, Sitznischen und die Räume für die Verkostung durch Experten.
Am Endes des Gangs schließt sich der Marktplatz mit terrassierten Stufen zum Sitzen an, ein Treffpunkt für Gruppen in einer offenen Atmosphäre in Gelb- und Petroltönen, wie die Kakaoklasse mit 61 Prozent aus Nicaragua. Die Decke ist eine helle Lichtfläche, die so geformt ist, dass sie an Rippchen einer Ritter-Sport-Schokolade gemahnt.
Durch eine Tür betritt man dann den Neubau der sogenannten Schokozentrale und gelangt in eine Galerie. „Diese ist dem Umstand geschuldet, dass – wo der Alt- und Neubau aufeinandertreffen –, wir die Herausforderung meistern mussten, dem Brandschutz gerecht zu werden“, sagt Flaig. In diese Galerie gelangen auch die Mitarbeiter, wenn sie über den Mitarbeiteraufgang im Untergeschoss den Treppenaufgang ins Erdgeschoss erklimmen.
Dort treffen die Ankommenden auf die erste Begegnungsstätte, das Schokocafé, in dem man am Holztresen oder der mit braunen, quadratischen Fliesen ausgestatteten Bar einen Kaffee trinken kann – mit Glück mit einem Schuss Schokolade.
Man kann sich aber auch in eine der quadratischen Nischen zurückziehen, bei denen mit Colorblocking gearbeitet wurde, wie Isabel Pohle sagt. Sprich: Man hat möglichst kontrastreiche Farben harmonisch miteinander kombiniert – aber immer mit einer gewissen Abgrenzung: Jeder Farbe steht ihr eigener Bereich zu beziehungsweise sie markiert einen eigenen Bereich. Hier ist die Nische orangefarben, der Stoff der Bank und der Tisch ebenso.
Die Materialien sind leicht trennbar und dadurch recyclebar
Flaig weist auf die hohe Wand. „Die Akustiktapete ist nicht mit einem Kleber, sondern mit Klettverschluss angebracht. Es war uns wichtig, das die Materialien leicht trennbar und dadurch recycelbar sind.“ Auch bei den Farben habe man darauf geachtet, dass sie möglichst schadstoffarm sind.
Zudem ist das Gebäude mit der verputzten Holzfassade betonkernaktiviert, sprich: die Rohrleitungen in Boden- und Deckenplatten fungieren als Heizflächen und kommen durch ihre Größe mit sehr niedrigen Vorlauftemperaturen aus. Zudem steht eine Photovoltaik-Anlage auf dem begrünten Dach, dort wachsen auch Blühpflanzen für Bienen und Insekten. „Nicht um diese anzulocken, sondern um sie draußen zu halten – ins Gebäude sollen sie eben nicht kommen“, so Flaig.
Ansonsten geht es im Erdgeschoss auch arbeitstechnisch um Innovation: In Laboren entwickeln Mitarbeiter neue Sorten, in Handarbeit erstellen sie dann einzelne Tafeln. Zuletzt haben sie im besten Fall ein Nullmuster.
Doch nicht nur für die Schokospezialisten gibt es ein Labor, sondern auch eines, das allen Mitarbeitern offen steht. „Hier kann jeder seine Ideen ausleben – wir wollen die Schokolade klar ins Zentrum und ins Bewusstsein der Mitarbeiter rücken“, sagt Flaig. Auch durch Kunstwerke aus der Sammlung Marli Hoppe-Ritter, die sich an den Wänden finden.
Auch im ersten Stock geht es natürlich um Schokolade, doch dort lautet das Motto: „Bring it to the world“, also: Raus damit in die Welt. Zum Vertrieb gelangt man über die Treppe und landet wieder auf einer Galerie. Auch hier gibt es ein Café. Zudem sind auf diesem Stockwerk die meisten Büroarbeitsplätze angesiedelt. „Im Neubau sind etwa 130 Mitarbeiter beschäftigt“, sagt Flaig. „Aber das Ziel war nicht, mehr Arbeitsplätze zu schaffen, sondern andere.“
Kommunikationsflächen, also runde Sitzgruppen, sind umstellt von vielen Grünpflanzen. Es gibt offene Arbeitsbereiche, die noch einmal in kleiner und größere Tischgruppen zu unterscheiden sind, aber auch geschlossene Arbeitsbereiche – größere Besprechungszimmer als auch kleine schallisolierte Kabinen, in die man sich zurückziehen und sogar den Vorhang zuziehen kann.
Selbstredend alles in den Ritter-Spot-Farben gestaltet und durch diese in verschiedene Zonen unterteilt. Bei den Farben werd aber freilich auch darauf geachtet, dass sie die Funktion ihrer Umgebung unterstützen, also etwa ruhige und beruhigende Farben in den kleinen Kabinen und anregende Farben in den kommunikativen Zonen wie etwa der Sitzgruppe, erklärt Isabel Pohle.
Praktisch: das Inventar
Praktisch ist auch das Inventar: die Schreibtische – die nach dem Shared-Desk-System von allen Mitarbeiter genutzt werden können – sind allesamt höhenverstellbar, die Monitore befinden sich an schwenkbaren Armen. „So können unsere Mitarbeiter den Monitor quasi auch flach auf den Tisch legen und das Geschriebene im Stehen lesen. Viele glauben, man müsse den Text ausdrucken, um Fehler zu entdecken.
Tatsächlich aber liegt das ab der Körperhaltung, in der wir den Ausdruck lesen: mit geneigtem Kopf. In dieser nämlich sind wir fokussierter“, sagt Flaig. So spart Ritter Sport Papier – und Zeit. Schließlich fällt der Gang zum Drucker weg. Zeit, die man besser nutzen kann. Bei der Kreation neuer Sorten, beim Verteilen der Schokolade in die ganze Welt, im Schokocafé – oder beim Gießen der Kakaopflanze.