Kaum etwas gibt mehr Kraft und Energie für den Tag als ein geruhsamer Schlaf in der Nacht zuvor. Für Zigtausende im Kreis Böblingen bleibt das mit dem erholsamen Schlaf ein hehrer Wunsch. Sie leiden an Schlafstörungen, Insomnie wie Fachleute sagen würden. Sie haben Probleme beim Ein- und Durchschlafen. Wachen zum Beispiel nachts auf und schaffen es dann nicht mehr, wieder einzuschlafen. Nicht wenige verfallen dann auch noch ins Grübeln – über die Arbeit, die Familie oder andere private Problemfragen. Am Morgen dann stehen sie wie gerädert auf und sollen funktionieren, Leistung bringen und am Leben teilnehmen.
Wie Daten der Krankenkasse AOK aus den Jahren 2012 bis 2021 zeigen, ist der Anteil derjenigen aus dem Kreis Böblingen, die an Insomnie leiden, im letzten Jahrzehnt in nahezu allen Altersgruppen angestiegen. Besonders deutlich werden die Zunahmen bei den älteren Erwachsenen, Senioren und Hochbetagten. Während 2012 4,45 Prozent der männlichen und 3,7 Prozent der weiblichen AOK-Versicherten schlaflos waren, lag der Anteil 2021 bei 7,29 Prozent und 5,82 Prozent. Ebenso eklatant stellt sich die Entwicklung bei den Senioren dar. 2012 litten 6 Prozent der Männer und 6,24 Prozent der Frauen an Schlafstörungen. Neun Jahre später verzeichnet die Krankenkasse 10,8 beziehungsweise 9,5 Prozent der versicherten Senioren mit einer Insomnie-Diagnose. Ähnliche Anstiege gibt es auch bei den traditionellen Schlechter- und Wenigschläfern unter den Hochbetagten.
Grübeln ist ein häufiger Schlafverhinderer
Grundsätzlich leidet an Schlafstörungen, wer über mehrere Wochen hinweg mindestens drei Mal pro Woche in der Nacht schlecht einschläft oder nicht durchschlafen kann und am nächsten Tag über Beeinträchtigungen wie Müdigkeit, Konzentrationsschwäche oder Gereiztheit klagt. Dabei können die Ursachen für Schlafstörungen vielfältig sein. „Stress und psychische Belastungen sind häufig der Grund für die Insomnie. Viele Menschen plagen tagsüber Sorgen und Druck. Wenn sie ins Bett gehen, schaffen sie es oft nicht, abzuschalten. Oder sie schlafen ein und wachen verfrüht auf“, weiß der Sindelfinger Schlafexperte Jürgen Körner. In solchen Fällen verfallen die Schlaflosen oft ins Grübeln. „Man beginnt, alles, was einem im Kopf umherschwirrt, zu durchdenken. Dadurch schläft man nicht mehr. Und weil man nicht mehr einschläft, wird man noch nervöser, schließlich erwarten einen ja morgens wieder die Herausforderungen des Alltags“, erklärt der Schlafcoach. „Das ist ein Teufelskreis.“
Abendroutinen sind von großer Bedeutung
Gemeinsam mit Psychologen, Naturheilkundlern und vor allem Medizinern wie dem HNO-Arzt Alexander Baisch ist Jürgen Körner seit Jahren in der Sindelfinger Schlafschule aktiv. In unzähligen Gesprächen mit unter Schlaflosigkeit leidenden Erwachsenen trete immer wieder zu Tage, dass die Betroffenen ungünstige Abendroutinen etabliert haben. „Alkohol und spätes, vor allem üppiges Essen tragen genauso zu schlechtem Schlaf bei wie Sporteinheiten, Lärm, zu viel Licht oder die Gewohnheit, im Bett noch am Smartphone zu hängen“, erläutert der 60-Jährige. Auch unregelmäßige Schlafzeiten seien nicht förderlich für einen gesunden, erholsamen Schlaf. So werden vor allem Menschen mit wechselnden Schichtdiensten immer wieder aus ihrem Biorhythmus gerissen.
Schlecht schlafen macht aber nicht nur schlapp und leistungsschwach, es erhöht auch das Risiko für Erkrankungen wie Herzkreislauferkrankungen, Depressionen und Demenz, betont Werner Waldmann. Er ist der Vorsitzende des Bundesverbands Schlafapnoe und Schlafstörungen: „Ältere Menschen haben häufig Probleme beim Schlafen.“ Sorgen macht ihm aber die zunehmende Zahl der Erwachsenen mit Insomnie, darunter auch viele jüngere Erwachsene. „In dieser Altersgruppe ist die Insomnie nicht typisch, sondern entstammt äußeren Faktoren wie Stress und Überforderung“, sagt der Medizinjournalist aus Ostfildern.
Schlafstörungen lassen sich bekämpfen
Beide Experten raten bei anhaltenden Schlafproblemen zu einem Besuch beim Facharzt. Schlafmediziner gibt es im Kreis sowohl unter den niedergelassenen Ärzten als auch im Schlaflabor im Klinikum Sindelfingen. Schlafcoach Körner empfiehlt: „Schlafmediziner sind die erste Anlaufstelle. Bewährt hat sich auch eine Kognitive Verhaltenstherapie durch Psychotherapeuten.“ Wer glaubt, seine Schwierigkeiten durch Tricks zuhause in den Griff zu bekommen, für den hat Körner auch Tipps: „Abendliche Entspannungsübungen wie Yoga, Progressive Muskelentspannung oder autogenes Training helfen“, sagt er.
Wer sich nur von einer auf die andere Seite dreht und im Bemühen um Schlaf hin und her wälzt, sollte aufstehen und eine beruhigende Tätigkeit suchen. „Früher hat man immer gesagt, lese das Telefonbuch so lange wie möglich durch. Das macht wirklich müde“, erzählt Jürgen Körner. Unterstützen können auch digitale Schlafkurse, Apps und auch melatoninhaltige Präparate, die bei kurzfristiger Gabe als relativ nebenwirkungsfrei gelten. Aber auch hier sollte zuvor mit dem Hausarzt gesprochen werden. Vor dem oft nahe liegenden Griff zum verschreibungspflichtigen Schlafmittel kann Waldmann nur warnen: „Das löst kein Problem, es bringt viele nur näher an die Abhängigkeit. Das ist nur etwas kurzfristiges für Menschen mit massivsten Schlafstörungen.“