Schlagersänger Manfred Morgan Teenietraum im Ruhestand

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In den 70ern nannte er sich Manfred Morgan und war ein Star. Dann wechselte der Stuttgarter Rudi Edelmann von der Hitparade in die Schule.

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Foto: Gottfried Stoppel
Stuttgart - Am 16.Oktober 1971, punkt 18.45 Uhr, begrüßt Dieter Thomas Heck - Großbrille mit Silberrand, Tafttolle und Koteletten wie Frotteehandtücher - die Zuschauer zur "Zett-De-Eff-Hitparade live aus dem Studio3 der Berliner Union Film". Es ist Samstag, in Deutschland haben sich die Familien frisch gebadet vor den Fernsehern versammelt. Chris Roberts schmeichelt "Hab ich dir heute schon gesagt, dass ich dich liebe" », Bata Illic seufzt "Mein Herz steht still", Heino huldigt seiner "Mohikana Shalali" ». Kurz vor 19.30 Uhr, die ersten Takte erklingen schon, sagt Heck den Neuen an: "Ob er ein Schlagerstar wird, meine Damen und Herren, das liegt an Ihnen. Manfred Morgan, Startnummer elf: Zuerst kam die Sonne."

Das Scheinwerferlicht findet einen großen, jungen Mann: schwarzer Rolli, Schlaghosen, schulterlange Haare, süßes Lächeln. Mit weicher Stimme setzt er ein: "Es war schon spät am Tag, ich sah dich am Bahnhof, du ranntest zu schnell auf den Zug..." Als Heck um 19.35 Uhr dem Tontechniker das Zeichen für die Schlussmelodie gibt ("Rainer, fahr ab") und wieder superschnell den Abspann runterliest ("Szenenbild Joachim Dzierzenga"), hat es Manfred Morgan auf Platz drei hinter Chris Roberts ("zum dritten Mal dabei, bitte nicht wiederwählen") und Heinos Indianerdrama geschafft. Der Durchbruch für den Sänger mit der Stuttgarter Autogrammadresse. In den folgenden fünf Jahren verkauft er knapp eine dreiviertel Million Schallplatten und wird zum Idol vieler Teenager.



Die Bannhalde in Sachsenheim, eine am Waldrand gelegene 60er-Jahre-Siedlung, ist eine ruhige Gegend, wenn gerade kein Zug vorbeifährt. Hinter dem unauffälligen Einfamilienhaus am Ende der Sackgasse liegt ein kleiner Garten. Schnauzer Nelly bellt an der Tür. Hier lebt Rudi Edelmann, Jahrgang '48, mit seiner Frau Brigitte, beide Lehrer in Frühpension. Seine Haare sind jetzt grau und kürzer. Er trägt dicke Augengläser. Nichts erinnert an seine Zeit als Star. Statt goldener Schallplatten Fotografien der ältesten Tochter, die bei einem Unfall ums Leben kam. Jedes Jahr schneit ein Verrechnungsscheck der Gema ein paar hundert Euro ins Haus. Wenn wieder CDs mit Kultschlagern der siebziger Jahre erschienen sind, der SWR4 tief in der Hitkiste gegraben hat oder bei Oldiefesten Lieder von damals gespielt wurden.

Rudi Edelmann war Manfred Morgan


Rudi Edelmann war Manfred Morgan. Es ist Ewigkeiten her, dass jemand etwas über sein anderes Leben wissen wollte. Ein kleiner Stapel mit vergilbten Zeitschriftenausschnitten hilft dem Gedächtnis ein bisschen. "Nervös bin ich bei meinen Auftritten nicht die Bohne", sagt er 1972 der Bravo in einem Interview, "mich kann so leicht nichts erschüttern."

Scheu vor der Bühne hatte er nie. Als Vierjähriger begleitet er seine Mutter oft zum Tanz in einem Lokal auf dem Killesberg. In den Pausen steht er bei der Kapelle. Er darf auch mal dirigieren - zum Vergnügen des Publikums. Weitere Auftritte hat er Zuhause, beim Kaffeekränzchen der Mutter. Die sagt immer: "Rudi, sing noch mal "Buona Sera". Dann legt Rudi los.