Schlechte Zeiten für Traditionsgeschäfte in Stuttgart Blumen Fischer schließt nach 165 Jahren im Königsbau

Blumen Fischer schließt Ende Januar 2024 im Königsbau. Foto: Fischer

Der Stuttgarter Einzelhandel befindet sich in einem schmerzhaften Umbruch. Immer mehr Traditionsgeschäfte kündigen an, dass sie in der City schließen müssen. Jüngstes Beispiel: Nach 165 Jahren gibt Blumen Fischer Ende Januar 2024 im Königsbau auf.

Der württembergische König Wilhelm I. höchstpersönlich war’s, der im Jahr 1859 entschied, in den gerade fertig gebauten Königsbau müsse ein Blumenladen einziehen. Seine Schlossgemächer in der Nachbarschaft sollten ausreichend und fortwährend mit frischer Blütenpracht versorgt werden. Wilhelms Wahl fiel auf Julius Fischer, der an der Seestraße eine Kunst- und Handelsgärtnerei betrieb. Ihn erklärte er zum königlichen Hoflieferanten.

 

Fast 165 Jahre später ist Fischers Ururenkel Jörg Rochau untröstlich, dass er das Traditionsgeschäft im Königsbau schließen muss. Bis Ende Januar 2024 wird er mit seinem „einmaligen Personal“, das bis zuletzt „alles“ gebe, wie der Chef es in den höchsten Tönen lobt, Blumensträuße binden, Bestellungen im Auto ausliefern, Kränze flechten und floristische Wünsche aller Art erfüllen. Die Entscheidung, das Lebenswerk seiner Vorfahren aufzugeben, sei ihm nicht leicht gefallen. Mit Beratern habe er „alles hin- und hergerechnet“, mit den Vermietern verhandelt und am Ende keine andere Möglichkeit gesehen, als aufzuhören.

„Wir können nicht noch mehr privates Geld in den Betrieb stecken“, sagt Rochau unserer Redaktion. Die Mieten in der City seien viel zu hoch, die Eigentümer wollten sie immer weiter erhöhen. Angesichts der zahlreichen Ladenschließungen in der City, über die unsere Redaktion seit Tagen berichten muss, als gehe gerade eine ansteckende Krankheit beim Handel im Kessel um, sollten die Hausbesitzer nun endlich einsehen, dass es wichtiger sei, die Ladenbetreiber zu halten, also deren Kosten zu senken, als weiteren Leerstand zu riskieren.

Vermieter ist das Land beziehungsweise die Landesstiftung

Besitzer des Königsbaus ist das Land beziehungsweise die Landesstiftung. Nun fragen sich Ladenbesitzer: Sollte nicht das Land angesichts der dramatischen Lage im Stuttgarter Einzelhandel mit gutem Beispiel vorangehen und Mieten reduzieren, um Traditionsgeschäfte zu retten?

Auch WMF auf der Königstraße verabschiedet sich in Kürze, worauf große Plakate an den Schaufenstern hinweisen. Messer Müller, Mode Döttinger, Juwelier von Hofen, Mauthe Benger, Schuhe Horsch und etliche andere: Immer mehr Läden mit einst klangvollem Namen sind Vergangenheit. Aufmerksam hat Jörg Rochau gelesen, was City-Manager Sven Hahn in den Zeitungsartikeln zu den einzelnen Ladenschließungen gesagt hat. Demnach sei das Aus jedes Geschäfts bedauerlich, aber gleichzeitig würden neue Läden eröffnen, und die Kundenfrequenz nehme in der City zu.

„Aufgrund der vielen Schließungen stimmt der Branchenmix in der Innenstadt nicht mehr“, stellt der Inhaber von Blumen Fischer fest, „damit wird Stuttgart als Einkaufsstadt immer unattraktiver.“ Dass Hahn obendrein erklärt hat, die Innenstadt sei in Sachen Shopping auf „einem guten Weg“, hält Rochau für einen schlechten Witz: „Leider ist das Gegenteil der Fall.“

Was sagt der City-Manager zur erneuten Schließung?

Am Freitag hat City-Manager Sven Hahn, von uns auf die weiteren Schließungen von WMF und Blumen Fischer angesprochen, erklärt: „Neben den vielen aktuellen Herausforderungen, mit denen die Betriebe aktuell zu kämpfen haben, wie Preissteigerungen oder der großen Unsicherheit bei der Kundschaft aufgrund von Krisen und Krieg, darf man nicht vergessen, dass die wirtschaftlichen Folgen von Corona bei vielen Betrieben jetzt erst so richtig zu Tage treten.“

Trotz aller Hilfen und Subventionen des Staates, die viele zurückzahlen müssten, hätten die Jahre mit Zwangsschließungen und Lockdowns „unglaublich tiefe Spuren in den Büchern hinterlassen“, erklärt der City-Manager. Dies sei in Stuttgart nicht anders als andernorts. Sven Hahn bleibt dabei: „Trotzdem bin ich fest davon überzeugt, dass die Rahmenbedingungen in Stuttgart im Vergleich zu unseren Mitbewerbern deutlich besser sind.“

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