Schlemmer-Wandgemälde in der Staatsgalerie Eine halbe Tonne großer Kunst

Von Thomas Borgmann 

Oskar Schlemmers Wandgemälde „Familie“, das er 1940 für den Stuttgarter Verleger Dieter Keller gemalt hat, hängt nach einer Odyssee jetzt und für immer in der Staatsgalerie.

„Familie“ ist einst in einem Wohnhaus in Vaihingen erschaffen worden.  Mitte der 90er Jahre wurde das Gemälde aus der Ziegelmauer gelöst und in die Schweiz geschafft. Nun ist es zurück in Stuttgart. Foto: Staatsgalerie
„Familie“ ist einst in einem Wohnhaus in Vaihingen erschaffen worden. Mitte der 90er Jahre wurde das Gemälde aus der Ziegelmauer gelöst und in die Schweiz geschafft. Nun ist es zurück in Stuttgart. Foto: Staatsgalerie

Stuttgart - Freerk Valentien, 82, ist unendlich erleichtert und tief berührt. „Ende gut, alles gut? Nein, ich möchte sagen, Ende gut – alles sehr, sehr gut!“, sagt der renommierte Stuttgarter Galerist über „Familie“, ein 2,20 auf 4,50 Meter großes, gut eine halbe Tonne schweres Wandgemälde. „Dieses Kunstwerk hat emotional mit Stuttgart zu tun. Es ist nicht nur eine bemerkenswerte Arbeit von Oskar Schlemmer, sondern es verkörpert auch die Erinnerung an eine kleine Gruppe von Gegnern des Naziregimes.“

Die Geschichte beginnt vor 76 Jahren im Haus Nummer 31 im Vaihinger Knappenweg. Dort wohnt seinerzeit der kultivierte Kosmos-Verleger Dieter Keller mit seiner Familie. Der kunstsinnige Sammler schätzt die „Entarteten“, also die von den Nationalsozialisten gedemütigten, geschmähten und verbotenen Maler wie August Macke, Paul Klee und Adolf Hölzel, vor allem jedoch den hochbegabten und durch seine Arbeit am Weimarer Bauhaus international bekannten Oskar Schlemmer. Obwohl es höchst riskant ist, beauftragt Dieter Keller diesen in ständiger Geldnot lebenden Künstler und persönlichen Freund mit einem Wandbild für sein Haus im Knappenweg.

Oskar Schlemmer fertigt mehr als 70 Entwürfe und schreibt an seinen Gönner: „Immer, wenn mir die Gelegenheit gegeben wurde, frei und kompromisslos Wandmalerei zu machen, habe ich mich für die Abstraktion entschieden, und man sollte es tun, vollends in einer Zeit, die sie einem verbietet.“ Seine Kritik an den Nazis ist offensichtlich – nicht auszudenken, wenn der zitierte Brief in die falschen Hände geraten wäre. Vom 19. bis 24. Juli 1940 verbringt der Künstler fünf Tage im Hause Keller, um das Wandbild zu erschaffen.

Ein Tanz auf dem Vulkan

Freerk Valentien erzählt über diese Zeit: „Zum kleinen Kreis der Stuttgarter NS-Gegner zählte nicht nur mein Vater Fritz, der ein ambitionierter Galerist war, sondern auch der Verleger Dieter Keller, der Sammler Hugo Borst und der spätere OB Arnulf Klett. Mein Vater hatte 1933 eine große Schlemmer-Ausstellung im Kunstgebäude vorbereitet – die Nazis ließen sie sofort schließen, trotzdem zeigte mein Vater wichtige Werke von Schlemmer im privaten Rahmen.“ Immer wieder tanzt dieser Fritz Valentien auf dem Vulkan, wird mehrmals zum Verhör ins berüchtigte „Hotel Silber“ geladen, der Gestapo-Zentrale an der Dorotheenstraße. Oskar Schlemmer, Jahrgang 1888, in Stuttgart geboren, stirbt nach längerer Leidenszeit im April 1943, auf dem Stuttgarter Waldfriedhof befindet sich sein Grab.

Kurz vor seinem Tod, am 11. März 1943, gab es einen schweren Luftangriff auf Vaihingen, der eigentlich der Stuttgarter Innenstadt gegolten hatte. Alle Gebäude am Knappenweg wurden getroffen, in Kellers Nachbarhaus kamen sechs Menschen um – nur das Domizil des Verlegers mit dem großen Schlemmer-Wandbild blieb unversehrt. „Für mich ist das wie eine höhere Fügung, eigentlich ein Wunder“, sagt Freerk Valentien, der als Kind häufig bei den Kellers zu Besuch war.

Die Jahre und Jahrzehnte vergehen, erst Mitte der 90er sorgt das Wandbild, das die Kunstfreunde lediglich aus Büchern und Zeitschriften kennen, für Schlagzeilen, wird plötzlich einer breiten Öffentlichkeit bekannt. Bis dato hat es im Verborgenen geblüht, hinter einem Vorhang, denn die neuen Hausbesitzer am Knappenweg 31, die Familie Kassuba, machten sich nicht allzu viel daraus, hätte es womöglich sogar beseitigt, wenn nicht der Denkmalschutz seine Hand darüber gehalten hätte. Jetzt erst, da man das alte Keller’sche Wohngebäude abreißen wollte, erfuhr die Öffentlichkeit mehr über das, was Schlemmer anno 1940 drinnen geschaffen hatte.