Schließung des Krankenhausstandorts Herrenberg lehnt Medizinkonzept ab

Verwaltung und Gemeinderat sind sich einig: Der vorgeschlagene Weg für das Krankenhaus wird nicht mitgegangen. Foto: Stefanie Schlecht

Enger Schulterschluss im Gemeinderat: In der Gäustadt will man die Notfallversorgung rund um die Uhr aufrecht erhalten. Gefordert wird nun eine Prüfung dieser Möglichkeit – und damit sei klar: die Beschlussfassung für das neue Klinikkonzept müsse verschoben werden.

Seitdem der Klinikverbund Südwest im Juli das neue Medizinkonzept aus der Feder der Fachberatungsfirma Lohfert & Lohfert vorgestellt hat, schlägt dieses vor allem in Herrenberg hohe Wellen. Denn es sieht die Degradierung der Gäustadt-Klinik vom Grundversorger zum „intersektoralen Gesundheitszentrum“ vor. Damit ginge der unter anderem der Verlust des 24-Stunden-Betriebs und somit auch der Notfallversorgung rund um die Uhr einher. Außerdem würden die dort gut etablierten Bereiche Gynäkologie samt Geburtshilfe, Palliativstation und Geriatrie verlagert. Herrenberg wäre das einzige Mittelzentrum im Verbund, das derart stark betroffen wäre.

 

Nicht nur bei einer gut besuchten Infoveranstaltung von Klinikverbund und Landkreis in der Herrenberger Stadthalle zeigte sich, dass noch jede Menge Redebedarf besteht, sondern auch durch die zahlreichen Wortmeldungen, die es in den vergangenen Wochen gab.

Nun kommen noch etliche weitere Fragen aus Herrenberg dazu. Denn die Ratsfraktionen haben sich in der sitzungsfreien Sommerpause mächtig reingekniet in die komplexe Materie. Das habe für sie einem „Nebenstudium zur Gesundheitsökonomie“ geglichen, bekannte Heike Voelker (Grüne). Denn obwohl sie als promovierte Geowissenschaftlerin, die selbst Sachverständige ist, mit Gutachten vertraut ist, bewertete sie das vorliegende zum Medizinkonzept als „alles andere als verständlich“, insbesondere eine „nachvollziehbare Begründung“ vermisse sie.

Daher gab es von Oberbürgermeister Thomas Sprißler erst mal ein „mega-dickes Kompliment“ für die geleistete Arbeit, inklusive der zahlreichen Gespräche, die mit vielen Vertretern unterschiedlicher Interessengruppen geführt worden seien.

Auf diesem Weg sei nun eine „sehr fundierte Stellungnahme entstanden, so der Rathauschef weiter. Diese beinhaltet laut OB Sprißler unter anderem „drei zentrale Forderungen“ für Herrenberg: Eine „24/7-Notfallversorgung an unserem Krankenhaus“, da die Gäustadt sonst das einzige Mittelzentrum im Verbund wäre, in dem es keine Rund-um-die-Uhr-Versorgung geben würde. Außerdem soll eine wirtschaftlich geeignete Variante für diesen Betrieb aufgezeigt werden. Und drittens: Die Beschussfassung, die im Dezember geplant ist, müsse verschoben werden, da der angestoßene Prozess, in dem offene Fragen, Alternativen und Folgewirkungen diskutiert werden, bis dahin nicht abgeschlossen werden könnte. Vor der Beschlussfassung müssten zudem die Konsequenzen aus der geplanten Krankenhausreform des Bundes eingearbeitet, sämtliche Investitionskosten in den anderen Häusern, die die geplanten Verlagerungen auslösen würden, dargestellt sowie unter anderem die niedergelassene Ärzteschaft sowie der Rettungsdienst eingebunden werden. Dabei ist allen klar, dass es Veränderungen geben wird, aber so wie im Gutachten „darf es nicht kommen“, so Dieter Haarer (CDU).

Neben diesen und weiteren Forderungen – insgesamt zählt der Katalog 14 Punkte – beinhaltet die Stellungnahme auch – durchnummeriert – 175 Fragen aus den Fraktionen. Ohne Doppelungen, so schätzt es Thomas Deines (Freie Wähler), wären es immer noch rund 100. Dass die Sprecherinnen und Sprecher aller Fraktionen so unisono und uneingeschränkt einem Verwaltungsvorschlag folgen und sich auch untereinander überhaupt nicht widersprechen, wie am Dienstag, ist ein nur selten zu beobachtender Vorgang in Stadtparlament der Gäustadt. Dieser „enge Schulterschluss“ von Gemeinderat, Verwaltung und Stadtgesellschaft ist aus Sicht des Rathauschefs ebenso zielführend wie der kritisch-konstruktive Dialog.

Herrenbergs OB bündelt Interessen des Oberen Gäus

Einhellig stellten sich der gesamt Rat zudem auch hinter Sprißlers Angebot, in diesem Prozess eine Bündelungsfunktion für die Interessen der verschiedenen Stakeholder – unter anderem niedergelassene Ärzte, Hebammen, Klinikmitarbeitende sowie die Kommunen des Oberen Gäus – zu übernehmen und diese so zusammenzubringen.

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