Schloss in Wendlingen Aus dem Dornröschenschlaf erweckt

Das Unterboihinger Schloss gehört seit dem 18. Jahrhundert der Familie. Foto: Horst Rudel

Wer wohnt eigentlich in dem Schloss Wendlinger Stadtteil Unterboihingen? Unsere Reporter haben sich mit den adeligen Bewohnern unterhalten.

Böblingen: Julia Theermann (the)

Wendlingen - Ein Schloss mitten in Wendlingen? Wo soll das denn sein? So reagieren wohl viele, wenn sie von dem mittelalterlichen Gemäuer erfahren, in dem Marisa Freifrau Thumb von Neuburg und ihr Mann Hans-Jörg Feiherr Thumb von Neuburg mit einer ihrer drei Töchter wohnen. Das Schlösschen mit dem Barockgarten liegt im Stadtteil Unterboihingen und ist seit 1739 im Familienbesitz. Von der Straße aus ist die Größe des Anwesens hinter der hohen Mauer mit einem Wehrtürmchen nur zu erahnen.

 

Seit dem 14. Jahrhundert hatte die Reichsritterfamilie im Köngener Schloss gelebt, aber Wilhelm Ludwig Thumb von Neuburg verkaufte schließlich den Besitz der Familie in Köngen an Württemberg. Zum Ausgleich erhielt er neben einem Geldbetrag die benachbarte Herrschaft Unterboihingen und damit den heutigen Familiensitz. „Die Thumbs hatten die Gerichtsbarkeit, darum war man sehr bemüht, dass wir gehen“, sagt die Hausherrin, während ihre Tochter Rebecca im Schlossgarten Tee in feine Teetassen mit grünem Muster gießt.

„Eine Generation hat das Schloss geschlafen“

Im Jahr 2014 – nach dem Tod des Vaters – zog das Ehepaar in das Schloss, dessen Grundmauern aus dem 12. Jahrhundert stammen. Damit kehrte wieder Leben in das Gebäude ein. Der Vater ihres Mannes sei nämlich zwar in dem Schloss aufgewachsen, habe danach aber nicht mehr dort gewohnt. „Eine Generation hat das Schloss fast geschlafen“, sagt sie. Darum sei es ihr so wichtig gewesen, die Bevölkerung daran teilhaben zu lassen. „Weil wir schon immer gerne Feste gegeben haben, haben wir uns entschlossen, das Schloss für Veranstaltungen, Feste und Seminare zu öffnen“, sagt Marisa Thumb von Neuburg.

Die Thumbs seien schon immer sehr liberal gewesen, sagt sie. Obwohl sie schon früh – um 1533 – evangelisch waren, hätten sie nicht darauf bestanden, dass die katholische Bevölkerung von Unterboihingen konvertiert, sagt die Hausherrin. Das sei damals ungewöhnlich gewesen. Auch Bescheidenheit habe zu den Tugenden der Adelsfamilie gehört. Sie erzählt eine Geschichte, in der einer der Vorfahren ihres Mannes mit einem Bettler durch Unterboihingen gelaufen sei. Als er sich angeschickt habe, in den Schlossgarten einzubiegen, habe der Bettler gesagt „da bekommst du eh nichts“ – ohne zu ahnen, dass er gerade mit einem Mitglied der Familie sprach.

Unheimliche Begegnungen

Zu einem echten Schloss gehören auch Geistergeschichten, und auch Marisa und Rebecca Thumb von Neuburg haben welche parat. Lange bevor die Hausherrin in das Schloss zog, bekam sie den Auftrag, im Wendlinger Schloss den Stammbaum zu restaurieren, der an der Wand des Treppenhauses angebracht ist. Als sie dort auf dem Treppenabsatz gearbeitet habe, sei es ihr irgendwann so vorgekommen, als würde sie beobachtet. „Da habe ich aufgeblickt und eine Dame im weißen Kleid vor mir stehen sehen“, sagt Marisa Thumb von Neuburg.

Sie habe einen furchtbaren Schrecken bekommen und habe ihrem Schwiegervater von der Begegnung erzählt. „Das ist Tante Anna“, habe der gesagt. Marisa Thumb von Neuburg habe die Gestalt aber auf einem anderen Bild wiedererkannt – dem Porträt der Franziska Rebecca Freiin Tessin, die im 19. Jahrhundert im Schloss gewohnt hatte. Das habe den Schwiegervater überrascht. „Wenig später habe ich dann erfahren, dass ich schwanger bin, deshalb heißt meine Tochter auch Rebecca.“

„Wie in einem Spukhaus“

Auch die Tochter erzählt von unheimlichen Begebenheiten. „Am Anfang war es echt wie in einem Spukhaus“, sagt sie. „Wir haben Schritte gehört, eine Glocke und Stimmen.“ Sie erinnert sich zudem an die Zeit, in der sie im Schloss renoviert habe. „Dafür haben wir halt alte Sachen von meinem Großvater angezogen. Während wir gearbeitet haben, klapperten dann die Schranktüren. Ich hatte dann schon so das Gefühl, dass es ihm nicht so gefällt, dass wir seine Klamotten anhaben.“

Solche Spukgeschichten könne man glauben, oder auch nicht, sagt Rebecca Thumb von Neuburg. Aber man lebe in solch einem Schloss schon mit der Gewissheit, dass dort schon etliche Menschen gelebt hätten, die „noch heute ein strenges Auge auf ihre Nachkommen werfen“, sagt sie.

Vom Hutten-Mord

Auch echte Kriminalgeschichten gibt es in der Familienhistorie, zum Beispiel den bekannten Huttenmord. Im 16. Jahrhundert hatte sich Herzog Ulrich von Württemberg in Ursula von Hutten, die Tochter seines Hofmarschalls, verliebt. Ihr Vater, Konrad Thumb von Neuburg, war der erste Erbmarschall von Württemberg, ein Titel, den Hans-Jörg Thumb von Neuburg heute noch trägt. Obwohl Ursula mit Hans von Hutten verheiratet war, besuchte Ulrich die junge Frau immer wieder in ihrem Zimmer und machte ihr Avancen. Hans von Hutten jedoch machte die Liebschaft öffentlich und wurde daraufhin von Ulrich bei einer Jagd im Schönbuch getötet.

Das Schloss selbst hat mehrere Bauphasen und ging durch viele Hände, bevor es in den Besitz der Familie überging. Auch ein Mitglied der Familie Specht von Bubenheim habe einmal vorgehabt, das Unterboihinger Schloss zu einem Residenzschloss umzubauen. Dazu sei es aber nicht gekommen. Wozu das Schloss früher diente, ist umstritten. „Die Großmutter meines Mannes hat immer gesagt, dass es vermutlich ein Wasserschlösschen war, weil es einen Brunnen und Rinnen im Boden gab“, sagt die heutige Hausherrin. Aber davon sei sie nicht überzeugt. „Ich glaube, da fließt eine unterirdische Quelle und dieser Brunnen diente einfach der Wasserversorgung.“ Der Vorbau stammt aus dem 13. Jahrhundert und war früher ein Wehrturm, vermutet sie. Dafür spricht, dass die Großmutter einmal eine Schießscharte in dem Gemäuer entdeckte, die sie dann ausbauen und von fünf Männern in den Garten tragen ließ. Heute ziert die Schießscharte die Schlossmauer.

Bandhaus für Events geöffnet

Im ersten Stock wohnt die Familie, ein Stockwerk höher befindet sich der Rittersaal, in dem unter anderem die alten Totenschilde der Familie aus der Peter- und Paulskirche in Köngen zu finden sind. Den Treppenabsatz ziert ein Wandschrank, der den handgemalten Stammbaum mit Porträts der Ahnen verbirgt. Die Hausherrin vermutet, dass die in die Wand eingelassene Tafel schon aus dem Köngener Schloss mitgebracht wurde. Den Mini-Gemälden ist dabei sogar anzusehen, welchem Berufsstand der Vorfahr angehörte. Auch die aktuellen Generationen sollen dem Stammbaum einmal hinzugefügt werden.

Das Schloss selbst ist zwar privat, aber im Bandhaus, einem Wirtschaftsgebäude, das einst zur Lagerung von Vorräten genutzt wurde, können rauschende Feste gefeiert werden. Im Bandhaus, das wohl zwischen 1540 und 1560 erbaut wurde, nahm schon die Großmutter zahlreiche Veränderungen vor. So ließ sie zum Beispiel das Dach des Gewächshauses umdecken. Heute ist es eine Art Lounge. Der Gewölbekeller, in dem es im Winter nie friert und der im Sommer selten zu warm ist, kann getanzt werden, im ersten Obergeschoss können in normalen Zeiten bis zu 120 Gäste feiern.

Heiraten in der Schlossbibliothek

„Corona hat uns böse getroffen“, sagt die Hausherrin. Sie hat im Jahr 2018 mit ihrer Tochter Rebecca einen Event-Betrieb aufgemacht. „Wir sind glücklich, dass wir jetzt zumindest wieder Feste mit 100 Leuten feiern dürfen. Mal schauen, wie sich das weiter entwickelt.“ Auch die heutigen Bewohner legen immer wieder Hand an das alte Gemäuer – natürlich nach Absprache, denn sowohl das Schloss als auch der Garten stehen unter Denkmalschutz. „Wir können nicht einfach einen Farbeimer in ein Zimmer stellen und anfangen“, sagt Rebecca Thumb von Neuburg. „Da muss immer erst eine Befundsuntersuchung gemacht werden.“ Aber den ehemaligen Pferdestall hat Tochter Rebecca, die Künstlerin ist, eigenhändig zu einem Atelier umgestaltet. Dorthin kann sie sich im Winter zurückziehen, um an ihren Gemälden und Skulpturen zu arbeiten.

Der Garten ist mit Kieswegen durchzogen, die unter anderem zu zwei Brunnen führen. Auch an einer mehr als hundert Jahre alten Blutbuche führt ein Weg vorbei. Abends wird sie von einem Strahler angeleuchtet. Sie wurde einst für einen Vorfahren gepflanzt, der als Teenager an Tuberkulose starb. Heute werden sowohl unter diesem Baum als auch an den Brunnen freie Trauungen durchgeführt. Standesamtliche Eheschließungen finden in der Schlossbibliothek mit ihrer kleinen Kapelle und dem Schlossgarten gleichermaßen statt. Das kleine Gebäude liegt am Rand des Schlosshofes und beherbergt neben alten Büchern mit Jagdtrophäen auch einen Schrank aus dem Jahr 1594. Diesen retteten die Thumbs aus ihrer Burg in Hammetsweil, als diese wegen Baufälligkeit gesprengt werden musste. Als „Ort des Wissens und des Glaubens“ bezeichnet Marisa Thumb von Neuburg die Schlossbibliothek. Sie plant, die Bücherei als nächstes zu restaurieren. Eine junge Historikerin soll dabei helfen, die Bücher zu katalogisieren. Seit dem 19. Jahrhundert sei das nicht mehr geschehen.

Grätsche zwischen Moderne und Geschichte

In den Jahrhunderten, seit die Familie in das Schloss einzog, hat sich allerhand geändert. Eine der größten Veränderungen mag die Verlegung des Eingangs gewesen sein. Einst nämlich fuhren die Kutschen durch eine mächtige Kastanienallee im Park der Familie auf das Schloss zu. Auch der prächtige Garten, der heute von der Hausherrin und ihrer Tochter gepflegt wird, konnte dadurch bei den Gästen seine volle Wirkung entfalten. Die damalige Eingangstür ist heute ein Fenster. Der Eingang liegt nun auf der entgegengesetzten Seite des Schlosses.

Insgesamt, sind sich Mutter und Tochter einig, ist das Leben in einem Schloss eine Medaille mit zwei Seiten. Die „Grätsche zwischen einem modernen und einem konservativen Leben“, wie die Hausherrin es ausdrückt, sei nicht immer ganz einfach. „Man muss das schon lieben, und man muss sehr fleißig sein“, sagt sie. Alleine könne man das nicht schaffen, darum sei sie so froh, dass eine ihrer Töchter mit ins Schloss gezogen ist. „Man lebt eben auch sehr in der Idee, dass die Kinder das einmal übernehmen. Aber wir haben drei wunderbare Töchter, wir sind also guter Hoffnung.“

Weitere Themen