Kleiner Schlossplatz Stuttgart „Der Schlossplatz ist unsere Rettung“
Was zieht junge Leute aus der ganzen Region nach Stuttgart auf den Kleinen Schlossplatz? Was sagen sie zu den Beschwerden über ihre Anwesenheit? Ein Rundgang.
Was zieht junge Leute aus der ganzen Region nach Stuttgart auf den Kleinen Schlossplatz? Was sagen sie zu den Beschwerden über ihre Anwesenheit? Ein Rundgang.
Stuttgart - Waiblingen ist wichtig. „Schreiben Sie ja rein, dass wir aus Waiblingen sind. Wir sind stolz auf Waiblingen“, sagt Manu. „Waiblingäääään!“ rufen seine Kumpels, Arlind und Yamen. „Sorry, wir haben natürlich was getrunken“, sagt Manu, bietet eine Kippe an, Yamen fragt nach einem Taschentuch. Und flippt in seinem Rausch aus, als er nach dem dritten Mal die ganze Tempopackung mit niedlichem Hund drauf geschenkt bekommt. „Wir trinken, aber wir machen sonst nix“, sagt Manu.
Die drei jungen Männer sind 19 Jahre alt, machen eine Ausbildung, wissen, was sie vom Leben wollen. „Natürlich machen wir unsere Ausbildung, von Montag bis Freitag bleib ich oft daheim und lerne, bin zielstrebig“, sagt Yamen. Aber einmal pro Woche brauchen sie Abwechslung. „Montag bis Freitag ist Waiblingen tot, einfach nix. Und am Wochenende sind die wenigen Cafés, die es dort gibt, rappelvoll. Das nervt, das macht keinen Spaß“, erklärt Manu, der Anlagenmechaniker werden will. „Aber wir fahren dann einmal in der Woche nach Stuttgart, der Kleine Schlossplatz, das ist unsere Rettung“, fügt er hinzu.
Lesen Sie aus unserem Angebot: Der Waranga-Wirt hat Angst um seine Gäste
Die Freunde wollen Spaß, miteinander, mit den Mädchen, die bei ihrer Clique sind, und mit den anderen jungen Leuten. Gut 200 stehen am Samstagabend gegen 21 Uhr auf dem Platz hinterm Kunstwürfel zwischen der Bar Waranga und der BW Bank. Stimmgewirr, Musik aus mitgebrachten Boxen, ein Grundrauschen liegt in der Luft. Dann zerfetzt ein Böller in der Menge das Geräusch. Spitze Schreie, johlendes Lachen. „Wir finden das nicht cool“, sagt Arlind. „Böller, Müll liegen lasen, Polizei anpöbeln, das muss echt nicht sein“, sagen sie. „Und das sind keine normalen deutschen Böller, das sind so voll krasse aus dem Ausland“, erklären sie. Dass der Wirt des Waranga sich Sorgen macht um seine Gäste, die in Gefahr geraten würden, wenn sie seine Bar verlassen, verstehen die drei Waiblinger aber trotz der „Deppen“ mit den Böllern nicht. „Die tun nichts. Die stressen nur untereinander.“ Aber ja, dass das bedrohlich wirken kann, das räumen sie ein. „Vor uns müssen Sie aber keine Angst haben“, beteuern sie sofort.
Am Samstagabend löst sich das Treiben vor der Zeit auf, zu der es an anderen Wochenenden brenzlig wird. Gegen 22 Uhr setzt ein fieser Nieselregen ein. Nach Mitternacht, wenn zu viel Alkohol geflossen ist, wird es normalerweise stressig, sagt Carsten Höfler, der Leiter der Schutzpolizei. Delikte, wie sie für das Alter, Jugendliche und junge Erwachsene bis Mitte 20, typisch sind: Schlägereien, Pöbeleien, junge Frauen werden belästigt. Die Polizei ist da, schreitet ein, wenn es problematisch wird. Das ist es an diesem Abend selten, auch wenn viel Polizei zu sehen ist.
Die Zustände in der City und auf dem Kleinen Schlossplatz sind in der vergangenen Woche zum Thema geworden, weil Thrasivoulos Malliaras, der CDU-Kreisvorsitzende, in einem Facebook-Text seine Sicht der Dinge ausgebreitet hat. „Wie in einem schlechten Bushido-Film“ gehe es zu. Er spricht von „unschönen Szenen“ und einer „machtlosen Polizei“. Der Mobilen Jugendarbeit wünscht er „viel Spaß“, es helfe aber „nur noch Law and Order“, ein hartes Durchgreifen der Polizei.
Das sehen die jungen Leute anders. Vivienne ist 17 und aus Leonberg. „Wir wollen keinen Stress“, sagt sie. Noch ist sie nicht volljährig, sie erzählt ihren Eltern, wo sie mit wem hingeht abends. „Die sagen pass auf, und mach keinen Stress mit der Polizei“, fasst sie die Ratschläge zusammen. Aber das täten sie und ihre Kumpels nicht. „Wir trinken was, hören Musik und tanzen“, sagt sie. Aus einer Musikbox dringen orientalisch anmutende Titel, die Männer in der Clique tanzen in einem großen Kreis vorm Königsbau. „Wenn die Polizei kommt und sagt, wir sollen leiser machen und keinen Müll da lassen, dann machen wir das“, sagt Vivienne.
Normalerweise ist um 22.30 Uhr die Nacht noch jung. Doch der Regen treibt die Menschen zum Bahnhof und zur Haltestelle Stadtmitte. Um 23 Uhr ist fast alles vorbei. Ein paar hart gesottene Jungs trinken unterm Vordach der BW Bank weiter, sie frieren nicht. Im Waranga läuft Musik, die Gäste dort haben Spaß. Auf dem Heimweg kommen sie an diesem Samstag nicht mit einer feiernden Menge auf dem Kleinen Schlossplatz in Berührung.
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