Bei Temu gibt es Kleidungsstücke für einen Euro. Importiert werden diese aus China. Foto: Imago/SOPA Images/Rafael Henrique
Hunderttausende Billigpakete aus China landen täglich in Deutschland. Die Schnäppchen von Plattformen wie Temu und Shein verstopfen die Kanäle der Luftfracht. Für Verbraucher und Händler gilt: Es gibt neue Risiken – auch auf Amazon.
Billig, billiger, Temu. Die chinesische Schnäppchenplattform verramscht ihre Waren übers Internet. Wir geben Einblick in eine Welt, die die meisten nur vom Warenkorb her kennen dürften.
Die Kundin
Im Kleiderschrank von Anne Sutscher (Namen geändert) liegen mehrere Teile, an denen noch die Etiketten dran sind – die sie also noch nie getragen hat. Die Stuttgarterin kauft einen Großteil ihrer Kleidung bei Shein, einem chinesischen Onlineshop. Dort ist alles so preiswert, dass sie auch Dinge kauft, die sie nicht unbedingt braucht. „Ich schicke die Sachen oft auch gar nicht zurück, wenn sie nicht passen, weil sich der Aufwand nicht lohnt“, sagt 30-Jährige.
Auf Shein ist sie über Werbung auf dem sozialen Netzwerk Instagram aufmerksam geworden. „Bei Shein kann ich immer wieder etwas Neues kaufen, werde aber nicht arm.“Sie gehört dort übrigens zu den älteren Kundinnen: Die meisten sollen unter 25 Jahren sein. Kein Wunder bei Preisen von 80 Cent etwa für eine Männerhalskette oder 1,20 Euro für ein Spaghettiträgertop.
Bei Shein werden die Kunden – ähnlich wie bei Temu – mit Rabatten gelockt. Shein gilt mit einem geschätzten Marktanteil von 18 Prozent als weltweit größter Fast-Fashion-Einzelhändler. Und jeder vierte Deutsche hat laut einer repräsentativen Umfrage des Marktforschungsinstituts Appinio zwischen Juli und Dezember 2023 schon einmal bei Temu eingekauft.
Die Plattformen
Temu gilt als Rivale von Amazon, Ebay und Otto. Allerdings ist Temu ein rein chinesischer Onlineshop, genau wie Wish, AliExpress und Shein. Alle locken mit Niedrigstpreisen, hohen Rabatten und zugespitztem, teils aggressivem Marketing. Die Plattformen vertreiben die Produkte zielgruppengerichtet über soziale Netzwerke wie Tiktok oder Instagram und nutzen Influencer.
Die Händler
Ein Stuttgarter Start-up, dessen Produkte zwar nicht auf Temu oder Shein, aber auf Amazon zu finden sind, ist die Firma Duschbrocken. Dahinter stecken Christoph Lung und Johannes Lutz. Sie entwickeln plastikfreie Produkte fürs Bad. Auf Amazon verkaufen sie vier Duschbrocken; also festes Shampoo und Duschgel in Einem. Die Teile kosten dort einen Euro mehr als in ihrem Onlineshop.
Einer der beiden Duschbrocken-Chefs: Johannes Lutz /Julia Bosch
Johannes Lutz will Online-Marktplätze wie Amazon weder schwarz noch weiß sehen: Einerseits sei es ihnen lieber, wenn sie ihre Produkte direkt an die Kunden verschicken könnten, sagt er. Sie wollten nicht das System unterstützen, dass Amazon etwa vor Weihnachten Menschen kurzzeitig einstelle und danach wieder entlasse. Andererseits bietet Amazon Chancen, weil man „wahnsinnig viele Leute erreicht“. Bisher spielt die Plattform aber eine untergeordnete Rolle: Rund drei Prozent des Umsatzes erzielten sie dort, das seien 300 bis 500 Bestellungen pro Monat.
Andere Händler zeigen sich weniger offen. Anfragen unserer Redaktion wurden abgelehnt, was möglicherweise auch mit den Risiken des Geschäftsmodells zusammenhängt. Thomas Kude, Professor für Wirtschaftsinformatik und Plattformökonomie an der Universität Bamberg, beschreibt diese so: Kleine Anbieter begäben sich leicht in eine gewisse Abhängigkeit von großen Plattformen wie Amazon. Zudem sei die Konkurrenz dort sehr groß, was oft zu einem Art Wettbewerb bei der Preisunterbietung führe. Gerade bei Amazon sei es auch von hoher Bedeutung, prominent platziert zu werden, um Umsatz zu generieren. „Ein plötzlicher Verlust einer prominenten Position kann schwerwiegende Folgen für Händler haben.“
Die Produkte
Die Verbraucherzentrale warnt bei Temu-Bestellungen vor schlechter Qualität, nicht erhaltenen Sendungen, schlecht erreichbarem Kundenservice, langen Lieferzeiten. „Der Konsument ist Risiken ausgesetzt, die man so gar nicht gewohnt war“, sagt Martin Franz von der Universität Osnabrück. Der stationäre Handel sei ein Qualitätsfilter, bei Temu könne es einem schon passieren, dass eine CE-Kennzeichnung (also ein Hinweis darauf, dass ein Produkt geprüft und den EU-Anforderungen zu Sicherheit, Gesundheits- und Umweltschutz entspricht) fehle oder gefälscht sei. Franz ist Wirtschaftsgeograf und forscht zu Auswirkungen großer sozialer und wirtschaftlicher Veränderungen.
Die Produkte werden nicht von der Plattform selbst verkauft, sondern über externe Händler. Der Kunde wird so zum Importeur, sagt Martin Franz. Das spart den Zoll, der erst ab einem Sachwert von 150 Euro anfällt. Doch geht billig bis zum Gehtnichtmehr? „Es ist davon auszugehen, dass man damit keine Gewinne macht“, sagt er. Daher gehe es wohl derzeit eher um Marktanteile und eine Bindung an die App. Aus Sicht von Nachhaltigkeit sei der Trend „eine komplette Katastrophe“, sagt Franz.
Der Transport
Schätzungen zufolge schicken die beiden Plattformen Temu und Shein täglich per Flieger 400 000 Pakete nach Deutschland. Die Billigstprodukte verstopfen inzwischen die logistischen Korridore zwischen Asien und den USA oder Europa. Laut einer Meldung des Nachrichtendienstes Reuters stöhnt die Frachtbranche. „Der größte Trend, der die Luftfracht beeinflusst, ist nicht das Rote Meer, es sind chinesische E-Commerce-Firmen wie Shein und Temu“, wird Basile Ricard zitiert, verantwortlich für das China-Geschäft bei einem der weltweit größten Logistiker Bolloré Logistics.
Der Müll
Das Gerücht, dass Retouren von Temu oder Shein vernichtet würden, hält sich hartnäckig. Björn Asdecker, Initiator der Forschungsgruppe Retourenmanagement an der Uni Bamberg, kann das nicht bestätigen. „Es findet keine großflächige Entsorgung der Rücksendungen statt“, sagt er. Die Erkenntnisse sollen bald publiziert werden. Er will noch nicht allzu viel verraten, sagt aber: „Es ist ein gutes Ergebnis.“ Seine Kollegen und er hätten es anders erwartet.
Was festzustellen sei, sagt Björn Asdecker: Temu und Shein machten es Kunden schwer, zu retournieren. Oft werde dem Kunden die Zahlung auch rückerstattet, die Ware soll er trotzdem behalten. Damit lagern die Plattformen die Entsorgung an den Kunden aus. Unabhängig davon gehe der Überkonsum zu Lasten endlicher Ressourcen, wie die Bundesverbraucherzentrale mitteilt.