Schnecken Kurioses Liebesleben der Kriecher

Zwei Weinbergschnecken bei der Paarung: dabei kommen auch Liebespfeile zum Einsatz. Foto: Jangle1969
Zwei Weinbergschnecken bei der Paarung: dabei kommen auch Liebespfeile zum Einsatz. Foto: Jangle1969

Für Gärtner sind sie ein Ärgernis, aber Biologen begeistern sich für die Besonderheiten der gefräßigen Gemüsevertilger. Denn wie sich Schnecken paaren, ist sehenswert. Danach fällt es den Tieren nicht immer leicht, die Genitalien wieder zu entschlingen.

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Stuttgart - Das Vorspiel scheint kein Ende zu nehmen. Ausführliche Streicheleinheiten, minutenlanges Sichumschlingen, körperliche Nähe in den unterschiedlichsten Stellungen. Bis es wirklich zur Sache geht, kann es durchaus ein paar Stunden dauern. Die abwechslungsreichen Szenen, die sich im Frühling und Sommer vor ihrer Haustür abspielen, treiben etliche Gärtner allerdings an den Rand des Wutausbruchs. Denn Schnecken können sich in günstigen Jahren kräftig vermehren – ein Ziel, das sie manchmal auf bizarren Wegen erreichen. Ihr komplexes Paarungsverhalten stellt Biologen noch immer vor interessante Rätsel.

Heike Reise und ihre Kollegen vom Senckenberg-Museum für Naturkunde in Görlitz interessieren sich zum Beispiel für landlebende Nacktschnecken. Jedes Jahr fangen sie vor allem Ackerschnecken der Gattung Deroceras ein, die selbst für Schneckenverhältnisse ein reichlich exzentrisches Sexualleben führen. Im Görlitzer Labor hocken die Tiere erst einmal ein paar Tage alleine in ihren Behältern. „Nach etwa einer Woche sind sie bereit, sich zu paaren“, sagt die Biologin. Und dann sind die Forscher mit der Kamera live dabei. Sie setzen jeweils zwei Tiere zusammen und nehmen sämtliche sexuellen Handlungen aus verschiedenen Perspektiven auf Video auf – stilecht bei Rotlicht. „Das können die Schnecken nicht sehen, so dass sie nicht gestört werden“, erläutert Heike Reise.

Ohne solche Aufnahmen lässt sich das Paarungsspiel der Weichtiere kaum unter­suchen. Denn obwohl Schnecken sonst nicht für ihre Geschwindigkeit bekannt sind, legen sie in Sachen Sex mitunter ein rasantes Tempo an den Tag. Das Vorgeplänkel mag sich über Stunden hinziehen, doch der eigentliche Akt lässt sich bei einigen Deroceras-Arten kaum mit bloßem Auge verfolgen: Plötzlich schießt bei beiden Partnern fast explosionsartig der Penis hervor, und es dauert nicht einmal eine Sekunde, bis die Zwitter ihr Sperma ausgetauscht haben. Gut, dass man Videoaufnahmen in Zeitlupe abspielen kann. „So können wir das Zusammenspiel der Genitalien genau analysieren“, sagt Heike Reise.

Am Sexualakt können Biologen die Arten unterscheiden

Was genau die Sexfilme aus der Weichtierwelt zeigen, hängt stark von den Darstellern ab. Von den etwa hundert derzeit bekannten Ackerschnecken-Arten scheint jede ihre ganz eigenen Vorlieben entwickelt zu haben. Mal dauert das Vorspiel länger, mal kürzer, mal werden zu unterschiedlichen Zeiten bestimmte Drüsen ausgestülpt. Mal führen die Tiere ihre Geschlechtsorgane unter dem Körper zusammen, mal über den Köpfen. „Diese Verhaltensweisen sind so typisch, dass man die verschiedenen Arten daran unterscheiden kann“, erläutert die Görlitzer Forscherin.

Das ist gerade bei Ackerschnecken interessant, die sich äußerlich nur schwer auseinanderhalten lassen. Zwar gibt es durchaus Unterschiede in Größe und Farbe, doch beides kann auch innerhalb derselben Art stark variieren. Aufschlussreicher ist ein Blick auf den Bau des Penis, der je nach Art mit verschiedenen Anhängseln ausgerüstet ist. Auch diese Unterschiede aber sind nicht immer eindeutig. Und so hilft den Forschern die Analyse des Paarungsverhaltens, die Verwandtschaftsverhältnisse unter den Ackerschnecken zu entwirren. Heike Reise und ihre Kollegen haben auf diese Weise sogar schon mehrere bisher übersehene Arten entdeckt.

Bei einem dieser Fahndungserfolge geht es um eine fast weltweit verbreitete Ackerschnecke, die sich als Schädling in Gemüsekulturen unbeliebt gemacht hat. Forscher hatten diese kriechenden Kosmopoliten lange für Vertreter der Mittelmeer-Ackerschnecke Deroceras panormitanum gehalten, die ursprünglich aus Süditalien stammt. Zwar gab es schon länger den Verdacht, dass sich hinter diesem Namen mehrere Arten verbergen könnten, doch so ganz sicher war niemand. Bis Heike Reise und ihre Kollegen feststellten, dass sich das Paarungsverhalten von Süditalienern und Kosmopoliten massiv unterscheidet. Nun heißt der Schädling Deroceras invadens.

Als Nächstes wollen die Senckenberg-Forscher anhand von genetischen Markern untersuchen, ob die Gemüsevertilger weltweit alle zu dieser neuen Art gehören. Hinter der bekannten Schadschnecke könnten sich durchaus mehrere Arten verbergen. Das wäre nicht nur für Systematiker interessant. Heike Reise und ihre Kollegen erhoffen sich auch Hinweise darauf, wie sich die Schädlinge ausbreiten, warum sie so erfolgreich sind und wie man sie vielleicht besser bekämpfen kann. Und sie wollen herausfinden, ob die Kontrollen und drastischen Bekämpfungsmaßnahmen sinnvoll sind, mit denen die USA eine weitere Einschleppung der kriechenden Kosmopoliten verhindern wollen. Wenn in Nordamerika schon das gleiche gefräßige Kollektiv unterwegs ist wie in Europa, kann man sich den Aufwand vielleicht auch sparen.

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