Schockanruf im Rems-Murr-Kreis Ist die Polizei gegen Betrüger wirklich machtlos?

Telefonbetrüger haben in den vergangenen Jahren viele Menschen um ihr Erspartes gebracht. Foto: Julian Stratenschulte/dpa

Ein Senior aus dem Rems-Murr-Kreis wird mit einem schockierenden Anruf konfrontiert. Er erkennt den Betrugsversuch und ruft die Polizei – mit der Reaktion der Ordnungshüter hat er allerdings nicht gerechnet.

Rems-Murr: Phillip Weingand (wei)

Eine in Tränen aufgelöste Anruferin, ein angeblicher schwerer Unfall, eine drohende Haftstrafe – und ein Polizist oder Staatsanwalt, der eine hohe Kaution fordert. Immer wieder werden Menschen im ganzen Land mit dieser Betrugsmasche konfrontiert. Der Schaden, den die Betrüger im vergangenen Jahr angerichtet haben, geht in den zweistelligen Millionenbereich. Ein Mann aus dem Weissacher Tal im Rems-Murr-Kreis war jüngst ebenfalls ihr Ziel – und hat im Nachhinein einige Fragen wegen des Vorgehens der echten Polizei.

 

Es war Anfang November, als das Telefon des 70-Jährigen aus dem Weissacher Tal klingelte. „Eine junge Frau war dran, sie hat losgeweint und sagte: Papa, es ist etwas Schreckliches passiert.“ Schon jetzt war klar, dass der Anruf ein Fake war – er und seine Frau haben keine Töchter. Auf Nachfragen reagierte die Anruferin ausweichend, die Frage, wo sie sei, beantwortete sie mit einem vagen „in der Innenstadt“.

Die Anrufer sprechen breites Schwäbisch, ohne ausländischen Akzent

Dann war plötzlich ein angeblicher Polizist am Apparat. „Ich schätze ihn von der Stimme her auf Mitte 40. Er sprach breites Schwäbisch, ganz ohne irgendeinen anderen Akzent.“ Der Betrüger versuchte, dem 70-Jährigen seine Adresse zu entlocken, angeblich, um die Personalien des Angerufenen festzustellen. Es ging hin und her, nach einer Weile brach der Täter das Telefonat ab. „Ich vermute, dass er gemerkt hat, dass ich ihn durchschaut hatte.“

Dann taten der 70-Jährige und seine Frau, was sie in diversen Polizeimeldungen gelesen hatten: Sie alarmierten sofort die echte Polizei, über das Handy und die Rufnummer 110. Unser Leser schilderte der Beamtin am anderen Ende der Leitung den Betrugsversuch. „Sie war nicht unfreundlich, hat mich aber relativ schnell unterbrochen und gesagt, das sei kein Notfall, und ich solle die Leitung frei machen“, erzählt der 70-Jährige. Er wurde an das örtliche Polizeirevier verwiesen – sogar mit einem Codewort, damit er ganz sichergehen konnte, es mit echten Polizisten zu tun zu haben.

Der diensthabende Polizist auf dem Revier, so erzählt der 70-Jährige, habe sich den Vorfall schildern lassen – und gesagt, dass man nichts unternehmen werde. „Er sagte mir, die Polizei sei unterbesetzt, und bei der Sache käme ohnehin nichts heraus, weil die Drahtzieher oft im Ausland säßen.“ Zudem soll der Beamte gesagt haben, es sei ja „noch keine Straftat passiert“. Ein solcher Umgang der Polizei mit Betrugsmeldungen ist kein Einzelfall. Bereits im Sommer fühlte sich ein Mann aus Leonberg (Kreis Böblingen) von der Polizei nicht ernst genommen. Tenor der Beamten dort: Die Kripo schalte man erst ein, wenn ein Schaden entstanden sei.

Der 70-Jährige betont, er wolle auf keinen Fall einzelne Mitarbeiter anschwärzen. Er wisse, dass die Polizei hart arbeite und Überstunden für viele Beamte an der Tagesordnung seien. „Ich habe aber den Eindruck, dass es bei der Polizei irgendwie keine richtige Strategie gegen diese Betrügereien gibt. Und wenn sie in solchen Fällen jedes Mal sagt, man könne nichts machen, verlieren die Menschen irgendwann das Vertrauen.“

Das sagt die Polizei Aalen zum Umgang mit Betrugsversuchen

Wir haben wegen des aktuellen Falls aus dem Rems-Murr-Kreis beim Polizeipräsidium Aalen nachgehakt. Der Pressesprecher Rudolf Biehlmaier erklärt: „Wenn Gefahr im Verzug ist, die Leute unter Druck stehen und eine Geldübergabe droht, dann ist die 110 richtig.“ Wenn die Mitarbeiter im Führungs- und Lagezentrum aber den Eindruck hätten, eine Gefahr sei gebannt, dann könne es sein, dass Anrufer an die örtlichen Polizeireviere verwiesen würden.

Die Reaktion des Beamten auf dem Revier nennt Biehlmaier dagegen eine „Fehlleistung“: „Natürlich sind die Ermittlungen in solchen Fällen schwer. Aber dass gar nichts dabei herauskommt, lässt sich pauschal nicht sagen.“ Schließlich habe es auch immer wieder Festnahmen gegeben – etwa im März, als sich eine Dame mit der Polizei zusammentat und eine Übergabe fingierte. Zwei Geldabholer wurden festgenommen.

Auch die Personalsituation der Polizei, sagt Biehlmaier, sei kein Grund für die Reaktion: „Natürlich würde sich niemand beklagen, wenn wir mehr Personal hätten. Die Einstellungsoffensive der Polizei läuft ja derzeit. Aber trotzdem kann man den Mann zurückrufen, immerhin liegt hier ein versuchter Betrug und damit eine Straftat vor.“

Rudolf Biehlmaier erklärt, dass sich um die Ermittlungen eine Fachabteilung der Kripo kümmere. „Wir raten auf jeden Fall zu einer Anzeige, allein schon, damit wir einen Überblick über solche Fälle behalten.“ Die Polizei setzt aber auch auf Prävention über Pressearbeit, Infostände und sogar bedruckte Bäckertüten. Da die Opfer oft betagt und manchmal dement sind, sind auch Angehörige und Bankmitarbeiter gefragt, Schäden zu verhindern.

Schwindel und Schockanrufe

Phänomen
 Seit einigen Jahren versuchen Betrüger immer wieder wellenartig, gutgläubige, meist ältere Menschen um ihr Erspartes zu bringen. Im Jahr 2022 verzeichnete das baden-württembergische Innenministerium mehr als 18 500 solcher Fälle. Meist werden die Betrugsversuche von den Angerufenen rechtzeitig erkannt – doch haben die Täter einmal Erfolg, sind oft gewaltige Summen im Spiel. In gut 1000 Fällen händigten die Opfer Schmuck oder Bargeld aus. Der Schaden beläuft sich auf rund 20 Millionen Euro. Fälle, bei denen die Betroffenen aus Scham möglicherweise keine Anzeige erstatten, sind darin nicht eingerechnet.

Prävention
 Die Polizei setzt im Kampf gegen die Betrüger unter anderem auf Aufklärung. So hat sie bereits Bäckertüten mit Infos bedrucken lassen und Infostände eingerichtet. Details zu Betrugsmaschen und Tipps zum richtigen Verhalten finden sich auch im Internet unter der Adresse www.polizei-beratung.de.

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