Der Anbau an dem von Architekt Thilo Holzer umgestalteten Wohnhaus in Kirchheim unter Teck führt direkt in den Garten. Vorher-Nachher-Bilder finden sich in der Bildergalerie. Foto: Zooey Braun/holzerarchitekten.de
Eine Familie erfüllt sich einen lang gehegten Wohnwunsch in Kirchheim unter Teck. Sie baute mithilfe des Stuttgarter Architekten Thilo Holzer ein heruntergewohntes Haus von 1927 in ein zeitgemäß schickes Heim um.
Die Kochs waren gerade dabei, wieder einmal ihre Fenster zu massieren, da sahen sie, wie ein Herr in einem großen Auto vorbeifuhr und Aufnahmen von ihrem Haus machte. Das ist nicht der Beginn eines surrealen Krimis, sondern Realismus in Kirchheim unter Teck am Fuße der Alb.
Weil die Holzfenster im Hause Koch nicht beschichtet sind, müssen sie einmal im Jahr mit einem Holzöl behandelt – einmassiert – werden, damit sie nicht vergrauen, sondern ihre Eichenholzfarbe behalten. Und weil das Holz der Fenster und Blendläden so gut zu dem Muschelkalk-Ton des Putzes passt, hebt sich das 1927 gebaute Haus so fein von seinen Nachbarn ab.
Traum von einem alten Haus
Da kann man schon mal anhalten und fotografieren, manchmal auch an der Tür klingeln. „Wir freuen uns natürlich über positive Reaktionen“, sagen Marco und Heike Koch. Wem sie die Tür öffnen, der entdeckt ein saniertes Haus, in dem die Zeichen der Zeit sichtbar geblieben sind.
„Wir wollten immer ein altes Haus, gerne mit einem Walmdach“, sagt Marco Koch (45). „Am liebsten auf einem Eckgrundstück. Das war mein Traum“, fügt Heike Koch (44) hinzu. „Wir finden, alte Häuser haben Charakter, eine besondere Atmosphäre.“ Ihre Wünsche haben sich erfüllt, dazu in ihrem Heimatort. Gefunden haben die Kochs das Objekt ganz klassisch über ein Immobilienportal.
„Es war alles ziemlich verbaut, aber wir wollten so viel wie möglich erhalten“, sagt Heike Koch. Weil trotz der Retro-Atmosphäre keiner mehr in einer verschrammten Badewanne liegen will, musste die mit mehreren starken Männern aus dem Haus geschafft werden, ebenso ein Gusseisenofen.
Die Eltern und Freunde haben mitgeholfen beim ersten Sanieren, Tapeten-Entfernen, Wände-Herausnehmen. Mit einem Bagger wurde der alte Anbau abgerissen. Einbauten wie die Holzdecken aus den 70ern wurden rückgebaut. „Die alten Fliesen im Flur hätten wir dagegen gern erhalten“, sagt der Bauherr, „aber sie waren mit Teppich belegt und so beklebt, dass wir die Reste nicht wegbekommen konnten.“
So sah es im Haus vor dem Umbau aus. Foto: privat/HMK
Das ist stets das Risiko beim Umbauen im Bestand. Es ist nachhaltig, weil weniger CO2 entsteht und mehr altes Material erhalten bleibt. Aber man weiß eben auch nicht, auf welche Altlasten man beim Umbau stößt. Die Kochs hatten, abgesehen vom Teppichkleber, Glück – kein morsches Gebälk oder feuchte Wände.
Weil sich die vierköpfige Familie noch ein bisschen mehr Platz und auch einen Pool gewünscht hatte und die Hausbesitzer dies nicht selbst bewerkstelligen konnten, kam über Empfehlungen durch Freunde der Stuttgarter Architekt Thilo Holzer als Wunscharchitekt ins Spiel, dessen Umbauten schon in Wohnmagazinen zu bestaunen waren. Er hat jüngst erst für einen Umbau eines alten Einfamilienhauses in Stuttgart eine Auszeichnung „Beispielhaftes Bauen“ der Architektenkammer Baden-Württemberg erhalten.
„Das Gebäude war in einem guten Zustand“, sagt Thilo Holzer bei einem Rundgang. „Wir haben einige Wände herausgenommen und die Holzbalken freilegen können.“ Die Räume wurden geöffnet, aus dem alten Schlafzimmer wurde die Küche, aus dem Wohnzimmer das Esszimmer.
So entstand ein großer, offener Bereich mit Küche vom Schreiner und einem Übergang zum Essbereich. Heike Koch: „Unsere vorherige Küche war weiß, jetzt haben wir uns für einen dunklen Ton entschieden.“ Die alte Küche kam in den Keller, denn die Elektrogeräte waren noch erhaltenswert, im Untergeschoss ist auch noch Platz für einen Abstellraum und eine kleine Sauna und im tiefen Keller könnte man Wein lagern.
Ein Anbau mit luftiger Raumhöhe
Der alte Anbau, der nur einen Balkon im Obergeschoss bot, kam weg, und ein neuer Anbau war möglich; daher führen nun einige Treppenstufen hinunter in den angebauten Wohnbereich mit einer luftigen Raumhöhe von 3,20 Metern, der sich zum Garten und Pool hin öffnet.
Weil der Neubau durchaus als solcher sichtbar sein durfte, wird das Material nicht versteckt: Sichtbetonwände blieben unverputzt, der Boden besteht aus Estrich mit Eisenoxydanteilen, sieht aus wie ein schicker dunkler Terrazzoboden. Die bodentiefen Fenster machen den Raum hell, sind aber auch verschattbar, bieten Schutz vor Blicken und Hitze.
Als Heizsystem wurde eine Gasbrennwerttherme geplant, im Wohnbereich wurde eine Fußbodenheizung eingebaut, in den weiteren Räumen Heizkörper. Der alte Kaminschacht fungiert jetzt als Wäscheabwurf wie eine Rutsche. So kann aus den oberen Stockwerken die Wäsche im Keller-Waschraum landen.
Erhalten geblieben ist auch die alte, geschwungene Holztreppe. Sie führt hinauf in den ersten Stock, das Reich der Kinder ist mit je 18 Quadratmetern großzügig, das Büro für gelegentliches Homeoffice ist zugleich für Übernachtungsgäste nutzbar – und öffnet sich zur Terrasse, die sich auf dem Anbau befindet.
Rückzugsraum unter dem Dach
„Wir haben uns entschieden, zugunsten der Terrasse auf ein zusätzliches Zimmer zu verzichten“, sagt Heike Koch. „Wir genießen den Platz sehr, frühstücken hier manchmal oder sitzen abends zusammen und genießen den Sonnenuntergang“, sagt Marco Koch.
Die Eltern, das war Thilo Holzers Vorschlag, haben das ausgebaute Dachgeschoss bekommen. „So haben die Erwachsenen einen Rückzugsraum für sich, und die Kinder auch.“ Das obere Geschoss ist als Rundgang erschlossen, vom Flur geht es ins Badezimmer mit Badewanne und bodengleicher Dusche. Eine zusätzliche Gaube bringt Licht in den Raum.
Vom Bad gelangt man ins Schlafzimmer, an der Südseite finden sich passgenaue Einbauschränke. Thilo Holzer: „Wir machen das gern bei Schrägen: Die Schränke sind besonders tief, so lassen sich hinter dem Garderobenständer Regale unterbringen. Die eignen sich gut, um Kleidung unterzubringen, die gerade nicht gebraucht wird. Im Sommer die Winterpullover, im Winter die T-Shirts zum Beispiel.“
Auch im Schlafzimmer wurden Holzbalken freigelegt, wobei die alten Tackerklammern im Holz ein schönes Muster ergeben. Eine schmale Treppe führt bis unters Dach. Die Offenheit durch die fünf Meter Raumhöhe ergibt ein luftig großzügiges Gefühl.
Die Bauherren und der Architekt haben staunenswert viel Fantasie entwickelt bei der Befreiung des durch einstige „Verschönerungen“ verschandelten alten Hauses. Der Umbaukrimi – was verbirgt sich hinter Wänden, hinter alten Teppichen und Tapeten? – hat vom Erdgeschoss bis zum Dach ein gestalterisches und durchaus fotografierwürdiges Happy End gefunden.