Schön wohnen am Hang Ein Haus als behagliche Burg
Ein Einfamilienhaus, das Geborgenheit vermittelt und zeigt, wie poetisch und natürlich Waschbeton wirken kann. Besuch in dem am Steilhang gelegenen „haus ja“ in Klingnau.
Ein Einfamilienhaus, das Geborgenheit vermittelt und zeigt, wie poetisch und natürlich Waschbeton wirken kann. Besuch in dem am Steilhang gelegenen „haus ja“ in Klingnau.
Klingnau - Wird man das Haus schon von weit her sehen können? Auf den Fotos sieht es jedenfalls ziemlich imposant aus. Ein bisschen wie eine Festung oder Burg. Die thronte für gewöhnlich auf einem Berg – und Anhöhen gibt es auch in Klingnau, eine kleinen Stadt an der Deutsch-Schweizer Grenze. Doch keine Spur vom mit einem Architekturpreis ausgezeichneten „haus ja“ – wiewohl man ihm ein stolzes Herabblicken auf andere Gebäude gönnen würde.
Das Einfamilienhaus schmiegt sich dergestalt zurückgenommen an den Steilhang einer bestehenden, eng bebauten Siedlung, dass man es erst wahrnimmt, wenn man auf dem Grundstück steht, direkt hinunter in den Garten spaziert und emporschaut.
Man erblickt dann eine aufs Schönste unregelmäßige, etwas ruppig anmutende Waschbetonwand mit abgestoßenen Kanten, unregelmäßig verteilten, verschieden großen Öffnungen. Und staunt darüber, dass Waschbeton so poetisch wirken kann, verspielt, fantasievoll. Das Material kennt man ja eher von in ihrer Akkuratesse tristen Plattenbauten.
„Wir interpretieren das Material neu“, sagt der Architekt Jérôme de Meuron. „Es war uns wichtig, dass es anders als beim Plattenbau keine Fugen gibt und die Struktur nicht gleichmäßig ist; wir haben die Kanten auch zum Teil bewusst abgehauen. Und wir haben größere und kleinere Steine verwendet. Der gewaschene Beton erinnert an Stein und Fels.“
Dass Beton in der Herstellung keine tolle CO2-Bilanz hat, bestätigt der Architekt, gibt aber zu bedenken, dass es in der Pflege Vorteile hat: „Der Vorgang der Verwitterung hat schon eingesetzt. Die Idee hier ist, dass das Material mit der Zeit noch schöner wird und Patina erhält, wenn es dunkel wird. Man muss nichts mehr abspritzen, bearbeiten, renovieren. Von diesen Energieverbräuchen in der späteren Pflege spricht man selten: Schutzmittel, Farbe, Pilzschutzmittel – das braucht es alles nicht bei Beton, das ist der Vorteil gegenüber verputzten Fassaden oder Holz. Bei Beton benötigt man keine Änderung.“
Beton als Baumaterial war auch wegen der Lage ein Thema, erklärt der Architekt: „Beton ist kein energiepositiver Baustoff, er ist aber sehr dauerhaft und resistent. Und ein großer Teil des Hauses liegt auch im Terrain – da kann als Thema Feuchtigkeit wichtig sein und Beton ist da gut in seiner Dauerhaftigkeit“, sagt Jérôme de Meuron.
Und das Thema Nachhaltigkeit ist auch eine Frage von Qualität, sagt der Architekt: „wenn die Architektur durchdacht und überlegt ist, für die Leute und die Umgebung, ist der Bau weniger schnell veraltet und wird möglichst lange erhalten bleiben.“
Auf die Idee mit dem Waschbeton kamen die Architekten bei ihrem ersten Besuch in Klingnau. „Wir haben uns von der Umgebung, von einer großen Felswand unterhalb des Hangs inspirieren lassen. So ist die Idee gereift, einen gebauten Fels zu bauen, der mit diesen Öffnungen, Löchern wie ausgehöhlt wirkt.“
Die Bauherren mussten vom Beton gar nicht erst überzeugt werden. „Wir kannten ja die Arbeit der Architekten und das Haus von Jérôme de Meuron, die schlichte, einfach Bauweise der Architekten, und wie sie mit natürlichen Materialien umgehen, das hat uns beeindruckt“, sagt Stephanie Jäger.
Die Bauherren sind architekturaffin, die Bauherrin ist Interior Designerin. Das Paar ist in Klingnau aufgewachsen, lebte dann in Baden bei Zürich und hat sich zum Hausbau wieder in der alten Heimat ein Grundstück gesucht. „Ich habe das Stadtleben schon genossen, aber Grundstücke in Zürich sind kaum bezahlbar“, sagt Stephanie Jäger. „Und wenn wir Sehnsucht nach der Stadt haben, sind wir mit dem Zug ist man in 35 Minuten in Zürich.“
In die untersten Öffnungen dieser vorgelagerten Betonfassade kann man nun Steinsammlungen und andere Dinge legen, etwas zwischen Wand und Glasfensterfassade verstecken. Tatsächlich, berichtet die Bauherrin Stephanie Jäger, spiele der Sohn hier gern mit Freunden.
Der Hühnergarten im abschüssigen Gelände, klar, der ist auch beliebt. Ebenso auf der Hauseingangsseite das längliche Wasserbecken zur Abkühlung und zum Planschen. Auch dieses Bassin lässt sich als ironische Anspielung an Burg-Wassergräben interpretieren.
Die von Sträuchern und alten Eichenbäumen von der Anliegerstraße abgeschirmte Sitzecke im oberen Teil des Grundstücks bemerkt man allerdings erst mal nicht, denn der Blick geht neugierig in Richtung Eingang. Wie ein Tor lässt sich die 2,30 x 2,65 Meter breite Tür aus Cortenstahl aufschwingen. Man steht dann direkt in der Küche – der Beton beim Küchenblock nimmt das Fassadenmaterial auf.
Vom Entree geht der Blick auf die größte Öffnung in dem Geschoss: den Balkon, der auf die alte Dorfkirche und in Richtung Südschwarzwald zeigt. Und man schaut auch in den Garten mit Hühnern und Grün: „Im Garten“, sagt Stephanie Jäger“, „haben wir Obstbäume gepflanzt, Zwetschge, Apfel, Mirabelle, Feigen, Pfirsich.“
Sorgfältig durchdacht ist alles in diesem Haus mit seinen 95 Quadratmetern. Das Gebäude gibt sich bescheiden kompakt, wegen des Budgets und weil Bauherren und Architekten die Idee gut fanden, sich aufs Relevante zu beschränken, auch beim Flächenverbrauch. „Man muss sich doch fragen, was braucht man wirklich“, sagt die Bauherrin.
Der Architekt bestätigt diese Haltung, die ja auch dem gesellschaftlich geforderten Anspruch eines möglichst geringen ökologischen Fußabdruckes Rechnung trägt: „Uns interessiert nicht unbedingt die 200-Quadratmeter-Villa. Wenn man eine spezielle Architektur will, muss man etwas anderes reduzieren, so ist dieses Objekt ein bisschen kleiner als manch ein anderes Haus. Uns interessiert es: Wie macht man ein einfaches, kleines Haus?“
Ökologie ist wichtig, sagt Jérôme de Meuron, „aber eben auch das Raumgefühl, und die Architektur und wie die Leute die Architektur empfinden. Es gibt hier keine kontrollierte Raumlüftung, denn für viele Menschen ist das nicht natürlich, das Haus ist aber sehr gut isoliert.“ Die Fassaden an der Nordseite sind weitgehend geschlossen, was sich auch positiv auf die Energiebilanz auswirkt.
In der Küche sind Geschirr, Vorräte, Arbeitsgeräte hinter Eichen-Einbauten versteckt, Küche, Ess- und Wohnbereich gehen ineinander über. In einem zentralen Block versteckt sich hinter einer Tür noch eine Garderobe und ein Gäste-WC, die Küchenzeile ist mitten in den Raum gesetzt, der Essbereich ist durch einen Sitzbank an diesen eingeschobenen Block angehängt.
Im Wohnbereich blickt man von der gemütlichen Couch auf die verglaste Fassade und die von den Waschbeton-Öffnungen gerahmte Natur ins Tal. Es gibt keine unnützen Flure, selbst im Bad im unteren Geschoss, wo Kinder-, Schlaf- und Arbeitszimmer sind, wird eine Nische mit Schräge zur heimeligen Badewannenhöhle.
Die quadratische Form der Fenster und des Gebäudes selbst kommt auch bei der Innenarchitektur noch mal zum Einsatz. Weil die Bauherren Fernsehapparate im Wohnbereich ästhetisch eher unschön finden und ohnehin nur gelegentlich fernsehen, versteckt sich das Gerät hinter einem quadratisch gelochten Metallverschluss. Sieht aus wie eine abstrakte Skulptur.
Der Spruch des Bauhausarchitekten Ludwig Mies van der Rohe, „Weniger ist mehr“, hier leuchtet er ein: Man hat wegen der versetzten Fassade weniger Fläche, aber dafür eine großzügigere Anmutung. „Wir haben die Fassade rückversetzt, auch weil man so ein anderes, inneres Raumgefühl bekommt“, sagt Jérôme de Meuron. „Die Fassade wirkt zudem als Sonnenfilter. Durch die Öffnungen gibt es dennoch genügend Licht und Licht- und Schatten-Reflexion an den Seitenwänden. Es geht um ein Spiel von Innen und Außen, Licht und Architektur.“
Und die Bauherren können von innen auf die Außenhülle schauen. „Die Fassade bietet Geborgenheit und im Sommer einen natürlichen Schutz vor Sonne und Hitze, sagt Jérôme de Meuron. „Was hat man von reinen Glasfronten, wenn man sie dauernd zuzieht wegen der Nachbarblicke oder der Sommerhitze.“
So haben es auch die Ritter in ihren Festungen gehalten. Schutz nach innen, Ausblick nach außen. Und die Türen öffnen die Bauherren für freundlichen Besuch gern, schon öfter haben Architekturinteressierte um Einlass gebeten. Und die Jury des Deutschen Architekturmuseums Frankfurt, die mit dem Callwey Verlag jährlich Häuser des Jahres kürt und das Haus als eines der Siegerprojekte ausgewählt hat. Eine exzellente Wahl.
INFO
Newsletter Architektur
Sie wollen auf dem Laufenden bleiben, was vor Ihrer Haustür und in der Welt passiert? Mit den kostenlosen E-Mail Newslettern der Stuttgarter Zeitung auch zum Thema Architektur und Wohnen unter StZ Bauwelten erhalten Sie hier die wichtigsten Nachrichten und spannendsten Geschichten direkt in Ihren Posteingang. https://www.stuttgarter-zeitung.de/newsletter