Schön wohnen in Stuttgart Luftiges Reihenhaus aus den 80ern
Eine vierköpfige Familie hat im Stuttgarter Stadtteil Uhlbach ein altes Reihenhaus zu einem schicken Zuhause mit Blick auf die Weinberge umbauen lassen. Ein Besuch. [Plus-Archiv]
Eine vierköpfige Familie hat im Stuttgarter Stadtteil Uhlbach ein altes Reihenhaus zu einem schicken Zuhause mit Blick auf die Weinberge umbauen lassen. Ein Besuch. [Plus-Archiv]
Stuttgart - Es geht leicht bergauf, links am Weg mehrt sich schon das Grün, Sträuche, Büsche, Bäume, dann geht es in eine Anliegerstraße, und die stilistisch unterschiedliche Architektur der Ein- und Mehrfamilienhäuser zeigt, dass hier seit einigen Jahrzehnten immer wieder gebaut wurde. Dann kommt einem ein quer zur Straße stehenden Riegel aus Reihenhäusern in den Blick. Eines tanzt gehörig aus der Reihe und setzt einen extravaganten Schlusspunkt.
Schlussstrich wäre passender. Denn die Außenwände des Hauses am Rand der Reihe sind vertikal mit Holzlamellen verkleidet. Ein gestreifter Holzanzug sozusagen fürs fein gemachte Haus.
Während man noch die Klingel sucht neben der schlicht strengen Tür ohne jegliche Schnörkel öffnet sie sich schon. Kein kleiner enger Windfang, der in einen dunklen Flur und ins Wohnzimmer führt, sondern: lichte Weite, Großzügigkeit, ein Blick quer durch den Raum – bis auf die Weinberge.
Stuttgart-Uhlbach liegt idyllisch, die Straßen heißen hier nach Weinsorten, verständlich, dass man bleiben möchte. Auch wenn es dann ein bisschen länger dauert, bis man ein passendes Zuhause findet. „Es gibt so gut wie keine neuen Bauplätze, wegen des Naturschutzes, das ist ja auch gut so“, sagt der Bauherr Jochen Rummel.
Wie lange? Die Bauherren schauen sich an, überlegen: über zehn Jahre waren es schon. Über Freunde erfuhren sie, dass das Reihenendhaus aus den 80er Jahren zu kaufen sei, berieten sich mit Architekt Thomas Sixt Finckh und seinem kreativen Blick, er riet zum Kauf.
Thomas Sixt Finckh: „Das ist bei einem Umbau wichtig, früh vom Architekten prüfen zu lassen, ob die Bausubstanz gut genug ist und sich die Wünsche der Bauherren realisieren lassen. Und die war es hier, solider Stahlbeton und massives Mauerwerk, wie so häufig in Häusern aus den 1980ern.“
Auch wenn es bis zum Hauskauf Jahre dauerte, der Architekt stand schon lange fest. „Wir kennen seine Arbeit“, sagt die Bauherrin Ulrike Rummel, „uns gefällt sein klarer, schlichter, geradliniger Stil.“ Und so sieht es nun auch aus, das Haus. Ein offener Küchen-, Ess-, Wohnbereich – alles in Weiß.
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Der von der Bauherrin geforderte Kompromiss liegt in einer anthrazitfarbenen Kücheninsel. Die Architektur nimmt sich zurück, Farbe ins Haus kommt durch die Accessoires, Kissen, Decken.
Die statisch notwendigen Außenwände als auch die Brandwand zum Nachbarhaus wurden mit raumhohen Einbaumöbeln verkleidet. Die bieten viel Staufläche und Platz für Technik, ein WC versteckt sich auch im Möbel, und die Stockwerkstreppe wurde bündig integriert. Das energiesparende, indirekte LED-Licht im ganzen Haus wird erst beim Einschalten sichtbar und schafft eine gemütliche Atmosphäre.
Und unter der Sofalounge lässt sich eine Box (die Stauraum bietet) herausziehen, packt man die maßgeschneiderten Kissen darauf, ergibt das dann noch mehr Fläche zum entspannten Liegen – oder ein Bett für Besuch. Der würde dann von dort durch breite, bodentiefe Fenster direkt auf die Weinberge schauen können.
Das ist der Clou: der bestehende verwinkelt kleine Balkon, den man vermutlich nur zum Krimskrams abstellen genutzt hätte, wurde abgerissen, stattdessen ist hier ein heller zusätzlicher Wohnraum, ein Schaufenster entstanden mit bodentiefen Fenstern. Der Ausgang auf die Terrasse ist seitlich mit Platz für Kräuter und Lavendel, Tisch und Stühle für die Zeit, in der man draußen sitzen und essen kann.
Viele Möbel packen musste die Familie, die rund 100 Meter entfernt vom neuen Daheim wohnte, nicht, „wir sind zu Fuß umgezogen. Wir haben viel aussortiert und nur schöne Einzelstücke mitgenommen, da wir nun viel Stauraum durch die Einbaumöbel haben.“ Etwa ein Jahr haben die Umbauarbeiten gedauert für die 144 Quadratmeter für die vierköpfige Familie samt neuem Dach, neuer Isolierung, Heizung, sehr guter Wärmedämmung.
Es wurde eine sehr leise und effektive Luft-Wärmepumpe quasi unsichtbar in die Abstellnische unter dem Terrassenneubau integriert. Die Beheizung und Kühlung erfolgt über den Fußboden, den rohbelassenen Betonestrich in jedem Geschoss.
Das Beispiel zeigt, wie ein in die Jahre gekommenes, schlecht isoliertes und als Energieschleuder geltendes Haus zu einem nachhaltigen, energiesparenden architektonisch hochwertigen Objekt, mit Ausschöpfung aller Zuschüsse vom Staat, umgewandelt werden konnte.
Und weil Wohnraum knapp und ein zu großes Haus auch nicht wirklich zeitgemäß ist, dachten Bauherren und Architekt beim Umbau schon daran, aus dem Haus zwei trennbare Wohneinheiten machen zu können.
Wenn die Kinder aus dem Haus sind, kann der untere Teil mit separatem Eingang komplett vom Haus abgetrennt als Einliegerwohnung vermietet werden. Wer dort wohnt, hat’s schön: eine kleine Dusche, ein großes Zimmer mit schlicht geschreinerter Küchenzeile.
Große Fensterflächen machen den Raum hell, und eine Terrasse mit Grün, von Gräsern und Stauden umrahmt, gibt es auch, also kein Souterrain-, sondern komfortables Erdgeschossgefühl in dem Haus, das wie so viele hier in der Gegend am Hang liegt.
Im Obergeschoss wurde das Dach komplett bis zum First geöffnet. Der Dachboden mit Ausziehtreppe musste weichen, nun sind die Räume hoch und hell, schlichte Einbaumöbel und rahmenlose Türen verstärken den Eindruck des von den Bauherren so gewünschte Klarheit.
Bade- Schlaf- und Arbeitszimmer finden sich hier. Wobei das Arbeitszimmer auch noch ein Schrankbett eingebaut bekam, das sich zur Schlafhöhle herunterklappen lässt. Vom Schlafzimmer lässt sich durchs Dachfenster auch mit Blick auf die Weinberge einschlafen.
Diese wiederum haben auch maßgeblich zur Holzverkleidung des kompletten Gebäudes beigetragen. Die bestehenden Außenwände wurden mit nachhaltigem Mineraldämmstoff auf KFW-Niveau gedämmt, mit einer schwarzen Folie gegen Regenwasser geschützt und mit vertikalen Holzstäben verkleidet.
„Da von der Straße aus die Dachfläche als fünfte Fassade wahrgenommen wird“, sagt Thomas Sixt Finckh, „wurde diese auch mit den durchlaufenden Holzlamellen verkleidet. So wird der Baukörper zu einem Kubus.
Holz lag der Umgebung wegen nahe: „Wir haben uns bei den graugrün lasierten Lärchenholzlamellen von der Kulisse der Weinberge inspirieren lassen. Das Haus passt sich an diesen speziellen Ort, umgeben von Weinbergen an und wird dadurch einzigartig“, sagt der Architekt, „so wie die Weinstöcke ist auch das Haus komplett von vertikalen Streben umhüllt, Und es ist auch eine Reverenz an die alten Fachwerkhäuser der Gegend“.
Und nicht nur die Nachbarn haben etwas davon. Für etwas mehr Privatsphäre am Eingangsbereich – und auch weil der Dachboden als Staufläche weichen musste – sorgt eine Holzbox vor dem Haus für Schutz – vor Wind wie vor Blicken und bietet eine Art Patio mit Sitzbank und Blick aufs eigene Heim, bei dem sich die Rummels versichern könnten, dass sich das lange Warten aufs eigene Haus gelohnt hat.
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Förderung
Für Sanierung und Erweiterung von Wohnraum gibt es Unterstützung von der staatlichen Förderbank (kfw.de) und vom Bund (bafa.de).
Dieser Text erschien erstmals am 17.09.2021.