Schön wohnen nahe Tübingen Das rostrote Überraschungshaus
Das Einfamilienhaus mit Cortenstahl-Fassade von der Stuttgarter Architektin Wallie Heinisch im Kreis Tübingen zeigt, wie anspruchsvolle Gestaltung auf dem Land gelingt.
Das Einfamilienhaus mit Cortenstahl-Fassade von der Stuttgarter Architektin Wallie Heinisch im Kreis Tübingen zeigt, wie anspruchsvolle Gestaltung auf dem Land gelingt.
In diesem Jahr waren es Sonnenblumen. Im Jahr zuvor hatte der Bauer Raps gesät. Dies sind die wechselnden Landschaftsbilder, die die Hausbewohner in Felldorf vor Augen haben, wenn sie im Garten sitzen oder auf der von außen uneinsehbaren großen Dachterrasse.
Idyll auf dem Land, so kann es auch aussehen: Bäume, Felder, ein gepflegter Rasen, Blumen, Stauden und eine Hülle, die das Haus von weitem wie eine mächtige futuristische Scheune wirken lässt: eine Fassade aus Cortenstahl geht in ein nur angedeutetes Satteldach über und die Ausguckschlitze bieten deutlich mehr Ausblick als man zunächst vermuten würde.
Für die Seiten des eingestellten Gebäudekubus gibt es eine Fassade aus Steckmetall. Der Hauptbaukörper ist ein eigenständiger Kubus, der von der westlichen Fassadenkonstruktion – mit Abstand – nur gerahmt oder überschirmt wird.
Spaziert man um das Haus herum, sieht man auf der zur Natur hin zeigenden Rückseite bodentiefe Fenster, Terrassentüren. Licht, Helligkeit, hohe luftige Räume empfangen den Besucher des Hauses, das die Stuttgarter Architektin Wallie Heinisch von METARAUM Architekten für ihre naturliebenden Bauherren in einem kleinen Ort im Landkreis Tübingen entworfen hat.
Diese legen auf Ästhetik und noch mehr auf energetisch optimale Planung Wert – und haben kundig mitgeplant. Er ist Tragwerksplaner, sie ist Geologin und arbeitet im Bereich der Erneuerbaren Energie mit Schwerpunkt Geothermie und Wärmepumpensystemen. Wie kann ich Energie gewinnen und wieder abgeben, Systeme, die im Sommer kühlen, im Winter wärmen, solche Sachen.
Ihr Büro betreut Projekte in ganz Deutschland, Wohnanlagen, Schulen, Kindertagesstätten. „Wir haben uns gesagt, wenn wir schon bauen, dann muss es etwas Besonderes sein. Etwas, mit dem wir uns identifizieren und das unseren Überzeugungen entspricht“, sagt der Bauherr.
Ästhetik und Nachhaltigkeit vertragen sich hier bestens. Das mit regionaler Erdwärmenutzung und Umsetzung einer erdgekoppelten Wärmepumpenanlage beheizte Haus – „unter Beachtung des Mottos „keep-it-simple & smart“, so die Bauherrin - ist mit mineralischer Wolle gedämmt: „Dabei wird der Untergrund zum Wärmeentzug im Winter und zur Wärmerückführung im Sommer eingesetzt. Neben einer Fußbodenheizung wurden auch die Decken im Gebäude thermisch aktiviert.“ Für Laien erklärt: im Sommer fließt kühlendes Wasser durch die Heizrohre, im Winter wärmt geheiztes Wasser.
Auf der kompletten Ostseite sind Photovoltaik-Module positioniert. Die Bauherrin: „Die Gebäudetechnik ist im Gebäude nicht sichtbar noch hörbar: Auf eine im Neubau sonst übliche Lüftungsanlage wurde verzichtet, dafür sind CO2-Sensoren in empfindlichen Räumen vorhanden, die einzelne Fenster auf dem Dach ansteuern können, um einen Luftaustausch zu ermöglichen.“
Und das Haus ist so gut wie wartungsfrei, die verwendeten Materialien – unbehandeltes Vollholz, Glas, Metall – sind recycelbar. Das Haus verfügt über eine natürliche Belüftung und ist – Stichwort einfaches Bauen – mit möglichst geringem anlagentechnischen Aufwand gebaut.
Einzelne Bereiche des Hauses sind zudem so geplant, dass andere Bewohner die üppigen 243 Quadratmeter Wohnfläche leicht umgestalten könnten, mobile Wände wären beispielsweise einziehbar für eine extra Wohnung im Haus. „Und wir haben mit vielen regionalen Handwerkern gearbeitet“, sagt die Bauherrin , „die kurzen Wege waren uns wichtig.“
Auf dem ehemaligen Acker vom Großvater steht es jetzt, ihr Wohnhaus. „Das Haus hat polarisiert“, sagen die Bauherren. Doch diejenigen, die sich das Gebäude dann angeschaut und besucht hätten, seien doch beeindruckt gewesen. „Und die Kinder von Freunden und Verwandten“, berichtet die Hausherrin, „finden es cool“.
Wallie Heinisch kannte den Bauherrn schon von einem anderen Bauprojekt. „Wir haben beim Haus der Schüler in Tuttlingen zusammengearbeitet, das hat mich überzeugt, und ich habe sie gefragt, ob sie wir auch privat ein Gebäude gemeinsam planen können“, sagt der Bauherr. „Wallie Heinisch hat die Expertise, wir haben viel vertraut auch im Lauf der Planung“, sagt die Bauherrin. Dass die Parteien weiterhin per du sind, zeigt, dass sich das Vertrauen auf beiden Seiten offensichtlich weiter einig sind.
Die Architektin traf mit der kühnen Cortenstahlhülle den Geschmack der Bauherren, die sich „ein modernistisches, kubisches Wohnhaus“ gewünscht hatten. „Das Haus bedient nicht die üblichen Sehgewohnheiten und wir wollen auch kein Häuschen im Landhausstil“, sagt die Architektin. „Der architektonische Zeitgeist übt sich gerade sehr in Zurückhaltung. Verspieltheit, Ausdruckskraft ist nicht unbedingt angesagt; Architektur muss aber nicht immer nur minimalistisch aussehen, um nachhaltig zu sein. Das angedeutete Satteldach und der starke Akzente setzende Cortenstahl ist ein Tribut an den ländlichen Raum, das Material ist unempfindlich gegenüber Witterungseinflüssen, bildet eine Patina. Es altert natürlich und verändert sich, ohne dass es irgendwann schäbig wirkt.“
Sie ging genau auf die Wünsche der jetzigen Bewohner ein. Die sind gastfreundlich, sportlich und naturverbunden; und so gibt es im Erdgeschoss neben einem offenen Küchen- und großzügigen Essbereich, einem etwas intimeren kleineren Wohnbereich im ersten Stock ausreichend Platz für Drinnensport.
Und zwei wie in der Luft schwebende Ruheliegen, die bodentiefen Fenster bieten Rundumausblicke ins Grüne. „Wir fühlen uns in dem Haus wie im Urlaub“, sagt die Bauherrin. Die geschützte, halb überdachte und mit robusten Robinienholzdielen belegte Dachterrasse erlaubt es, die Landschaft ganzjährig zu genießen, auch wenn es mal regnet oder schneit.
Die Garage ist abschüssig in den Hang hineingebaut, man betritt das Haus im unteren Geschoss, geht die Treppe hinauf und kommt ins Helle, betritt den großzügigen Wohnbereich, der sich um den Betonkern der Treppe herum gruppiert. Erdgeschoss, Küche- Ess- und Wohnbereich gehen ineinander über. Möbel und praktische Schrankräume sind passgenaue Holz-Einbauten. Im Essbereich weitet sich der Raum nach oben, lässt den Raum hell und luftig wirken, wer oben im ersten Stock steht, hat einen guten Blick hinab aufs Geschehen im Parterre.
Besonders charmant ist innen die von außen streng wirkende Seite: Hier verbirgt sich hinter der Cortenstahlhülle eine eingehängten Holzrahmenkonstruktion, die horizontale Lärchenholzlatten ermöglichen schöne Lichtspiele und bieten Ausblicke in die Umgebung.
Ein Art Atrium, ein mehrere Meter hoher schmaler Luftraum, der dem Wohnhaus Großzügigkeit verleiht. Eine „räumliche Fuge“, die sich über zwei Geschosse erstreckt, wie die Architektin sagt, auch hier stehen die Räume vertikal in Verbindung.“ Über diesen Zwischenraum gelangt man zum mit gemusterten Fliesen ausgestatteten Gästebad und zur Treppe hinauf ins obere Geschoss.
die Architektin findet so poetische wie wahre Worte: „Es ist ein Überraschungshaus, wie in einem Turm steigt man vom Dunkel ins Helle und Licht macht sich breit. Man fühlt sich, als würde man mitten in der Natur wohnen.“ Ein mutiges architektonisches Ausrufezeichen – und das in einem Dorf im Landkreis Tübingen. Das zeigt aufs Schönste, wie Nachverdichtung auf Land auch gestalterisch spannend gelingen kann.