Schöner Übernachten – wie Hotels mit der Zeit gehen Trends im Hoteldesign

Wer träumt gerade nicht von einer Nacht im Hotel? Schöner Schlafen – von links oben im Uhrzeigersinn: Lindley Lindenberg in Frankfurt, Superbude in Hamburg, Inselloft auf Norderney, 25hours Paris, Henri Hotel Düsseldorf und Amano Berlin. Weitere Boutiquehotels und Geheimtipps finden Sie in unserer Bildergalerie. Foto: Herud/Perl/ Brune & Company / Gnädinger/ DSR Holding; Fotocollage: nja,

Skateboard-Rampe, Rennräder oder Badewanne auf dem Balkon: Hotels wie 25hours, Ace Hotels, Mama Shelter oder Henri Hotels haben das Reisen verändert. Trendbewusste Menschen finden zu moderaten Preisen einen Schlafplatz, der eben mehr als bloß das sein soll.

Freizeit & Unterhaltung: Anja Wasserbäch (nja)

Stuttgart - Heute ist jeder sein eigener Innenarchitekt. Man sammelt mattschwarze Wasserhähne fürs Bad im Internet, lässt sich auf Instagram zur neuen Schlafzimmerwandfarbe inspirieren, speichert das Foto des tannengrünen Samtsofas auf der Plattform Pinterest. Das Visuelle hat alle Lebenswelten in den vergangenen Jahren stark beeinflusst. Das macht sich im Privathaushalt bemerkbar, in dem kein Eames Plastic Chair am Esstisch fehlen darf, und hat Auswirkungen auf unser Reiseverhalten. Früher fotografierte man Strand und Berge im Urlaub, entwickelte die Filme, heute ist’s ein Klick und es wird für die ganze Welt auf Instagram hochgeladen. In den vergangenen 20 Jahren sind viele neue, fotogene Designhotels und junge Hostels entstanden, in denen die Reisenden absteigen. Auch jetzt während der Corona-Pandemie haben die meisten Hotels wieder geöffnet und passen ihr Angebot je nach Hygieneregeln des jeweiligen Bundeslandes an.

 

Alles ist Pop

Designhotels, wenn man sie überhaupt als solche kategorisieren mag, sind ein globaler Trend. In Deutschland gibt es Marken wie Henri, Heimathafen, Superbude, Max Brown, Ruby Marie, Rumours, Lindley, East oder die 25hours-Gruppe, zudem sind da etliche kleine Design-Boutiquehotels und große Ketten, die sich ein hippes Tochterlabel gönnen. Renommierte Architekturbüros arbeiten mittlerweile für große Hotelketten.

„Ich spreche nicht von Designhotels. Heute ist doch alles Design“, sagt Henning Weiß, 42 Jahre alt, zuständig für Storytelling und Konzeption bei 25hours. Seit dem Start der Marke im Jahr 2005 ist er dabei, zuvor war er in 5-Sterne-Häusern wie etwa Kempinski oder Savoy in London angestellt.

Heute Camping, morgen Wellness, dann ein Städtetrip

Hotels müssen mit der Zeit gehen – und neue Zielgruppen erschließen. Die sind aber nicht klar greifbar. Die Branche spricht vom „hybriden“ Kunden. In der Realität heißt das: Wer heute Camping am österreichischen See macht, bucht sich morgen ins 5-Sterne-Wellnesshotel ein und verbringt übermorgen den Städtetrip im trendy Hotel. „Zielgruppen haben sich heute völlig aufgelöst“, sagt Weiß, „wir sprechen höchstens noch von Stilgruppen.“

Stile gibt es viele. In den Villen Kunterbunt der gegenwärtigen Hotellerie ist alles Pop. Es steht ein Passfotoautomat in der Lobby. Eine Skateboard-Rampe hier, ein Tischkicker dort. Coole Vintage-Rennräder oder das Lastenfahrrad für die Akademiker-Öko-Familie zum Leihen für eine Tour durchs Hamburger Schanzenviertel. Sie stehen in New York und Kopenhagen, im Londoner Stadtteil Shoreditch, am Berliner Kurfürstendamm. Hotels, die nicht mehr wie Hotels aussehen. Als würde man bei kreativen Künstlerfreunden übernachten, sich dort selbst am Kühlschrank bedienen – wie etwa im Henri in Düsseldorf.

Die Anfänge

Los ging diese Entwicklung mit den Ace Hotels in Amerika, gegründet 1999 von Alex Calderwood und Wade Weigel. In Seattle – der Heimat der Grunge-Musik – eröffnete das erste Haus mit Street-Art an den Wänden und war fortan Bleibe für die Hipster der Nullerjahre – für den kleinen wie den großen Geldbeutel, Mehrbettzimmer mit Gemeinschaftsbad auf dem Flur oder luxuriöse Suiten. Damit wurden grundlegende Gastgewerbe-Regeln gebrochen. Es gab Mehrbettzimmer neben der Suite, Vintagemöbel in den Räumen, jedes Zimmer sah anders aus.

Amerikas Hotellandschaft war zu dem Zeitpunkt geprägt von Ketten und Motels, die alle überall gleich aussahen. Dann kam das Ace Hotel. Nicht nur in Palm Springs, diesem wundervollen Mid-Century-Architektur-Ort in der kalifornischen Wüste, gilt das Ace als der hippste Platz vor Ort. In London gibt es Matcha Latte und Highspeed-WLAN. So wird die Lobby zum Co-Working-Space. Ganz nach dem Motto: Zusammen arbeitet man weniger allein. Seit der Corona-Pandemie bieten viele dieser Hotels nicht nur Co-Working-Spaces, sondern die Zimmer als erweitertes Homeoffice an. Auch ohne Übernachtung.

Die Ansprüche der Gäste steigen

Gründe für den wachsenden Erfolg der neuen Hotels gibt es einige. Dazu gehört auch ein neues Verständnis von Innenarchitektur. Wer zu Hause im skandinavischen Schick wohnt, möchte im Urlaub nicht von einer Schrankwand erdrückt werden. „Der Anspruch ist gestiegen, weil sich die Menschen besser auskennen, was Qualität, Lage, Design und Kulinarik angeht“, sagt Henning Weiß. Und der Ort sollte ebenso stylish aussehen, damit er sich im Internet auf der Plattform Instagram gut macht: „Instagrammability“ nennt sich das.

Beliebtes Fotomotiv: ein Aufzug!

Der Aufzug im Kölner 25hours-Hotel The Circle ist der meistfotografierte Ort in allen Hotels der Marke und der am dritthäufigsten fotografierte Ort in Köln. Auf Platz eins: der Dom natürlich. Dieser futuristische Fahrstuhl ist der perfekte Ort für Selfies mit den Lichtern und Spiegelungen. Dabei sind Fahrstühle eigentlich ein schwieriges Thema für Designer, sie sind Teil des Pachtvertrags zwischen Hotelmarke und Investor. Wenn der Designer dazustößt, ist der Vertrag meist schon unterschrieben und das Budget für den Aufzug nicht mehr verhandelbar. Und dann ist da noch das Thema Brandschutz. Erdacht hat sich den Aufzug mit der unendlichen Spiegelung der Designer Werner Aisslinger. „Dass er so gut ankommt, lässt sich natürlich nicht vorhersagen“, so Aisslinger. Er kennt die Macht der Bilder auf Instagram. „Natürlich wünschen sich die Kunden in einem Innenarchitekturprojekt fotogene Ecken.“

Lesen Sie hier aus unserem Plus-Angebot: Der Designer Werner Aisslinger im Porträt

Der Designer arbeitete mehrmals mit der Marke zusammen. Sein größter Coup: das Bikini Berlin mit Blick über den Berliner Zoo. Hier kommen alle her, auch Touristen, die sich die Zimmer mit Hängematte nicht leisten können, speisen im Neni im obersten Stock oder trinken in der Monkey Bar. „Das Bikini hat in der Hospitality-Szene ganz schön Furore gemacht“, so Aisslinger. „Das war eine aktuelle, extrem progressive Interpretation, was ein Hotel heute noch sein kann.“ Eben viel mehr als bloße Schlafkonserve.

Der Gast will etwas erleben, um es zu teilen

„Eine starke Marke sucht sich ihre Kunden aus“, so Laura Kalcher von der Wiener Agentur Moodley, die Hotels und Gastronomie bei der Markenbildung unterstützt. Sie sagt auch: „Menschen kaufen Bedeutung. Niemand kauft eine Rolex wegen der Funktion. Eine Marke ist immer auch ein Weg, sich auszudrücken.“ In Sachen Reisen sei es heute wichtig, das Erlebnis zu „sharen“, also auf sozialen Medien zu teilen.

Das Erlebnis, das die Menschen im Analogen machen, tragen die Gäste über ihre Social-Media-Kanäle hinaus in die virtuelle Welt. „Das ist ja nur clever, wenn es solche Multiplikatoren gibt. Das ist dann ein Selbstläufer, den man durch Werbebudgets gar nicht erzeugen könnte“, erklärt Aisslinger.

Geschichte wird gemacht

Wenn Aisslinger privat reist, testet er andere Hotels anderer Firmen, oder er steigt in den Klassikern ab. Er schwärmt vom Waldhaus in Sils Maria im Schweizer Engadin, dem Haus, in dem auch Thomas Mann nächtigte. Aisslinger sagt über das 5-Sterne-Hotel, das in der fünften Generation geführt wird: „Da ist die Zeit stehengeblieben. Aber man hat einen super Service. So ein Ort hat etwas, so dass die Leute immer wieder kommen. Über all die Jahre.“ Während den alten Hotels eine Geschichte inne ist, müssen die modernen Hotels ohne Historie Geschichten erzählen. Auf Neudeutsch: Storytelling.

Das Motto der 25hours-Gruppe, bei der inzwischen Accor Gesellschafter und Teilhaber ist: „Kennst du eins, kennst du keins.“ In Hamburg ist es in der Hafen-City seemännisch gehalten, in München prunkvoll königlich, in Düsseldorf stehen Badewannen auf dem Balkon, in Wien wird der Reisende in Zirkuswelten versetzt.

In Kopenhagen entstehen gerade zwei 25hours-Häuser. In einem arbeiten sie mit dem Starinterieurdesigner Martin Brudnizki – mit Büros in London und New York – zusammen. Das heißt: Es wird kein minimalistischer Scandi-Chic, sondern britischer Eklektizismus vorherrschen.

Auch Nicht-Hotelgäste sind erwünscht

Auch neu bei den Lifestyle-Hotels ist, dass sie sich nach außen öffnen. Hotellobbys der Grandhotels umgibt die Aura des Unerreichbaren. In den Bars der neuen Hotels ist nicht nur jeder willkommen, sondern Gäste von außen sind explizit erwünscht. Arnold / Werner Architekten aus München haben das viel beachtete und mehrfach ausgezeichnete Hotel Flushing Meadows realisiert, bei dem Künstler die Zimmer gestalteten. Und die Bar im vierten Stock des Hauses ist ausdrücklich für Nicht-Hotelgäste konzipiert. Für die Betreiber ist das ein wichtiger Umsatzfaktor.

Und was ist dem Gast wichtig? Das Bett!

Der Hotelgast bleibt im Schnitt 1,2 Nächte. Da verkraftet er auch ein offenes Bad. Während er zu Hause darüber nachdenkt, ob der Trockner noch in den Nassraum passt, ist im Hotel auch gern mal ein bisschen mehr möglich. Der Designer Aisslinger sagt: „Ein kleines Bad haben die meisten Leute zu Hause sowieso. Wenn sie ein angesagtes Hotel buchen, suchen sie etwas Unerwartetes.“ So ist etwa im Hotel Bikini in Berlin die Hälfte des Zimmers Bad und keine kleine Nasszelle. „Und dann braucht es noch ein schönes Bett“, sagt Aisslinger. Genau zu diesem Ergebnis kam eine Umfrage zum Thema Hotelzimmerdesign der IUBH Internationalen Hochschule Berlin. Am Ende sei dem Gast das Bett am wichtigsten.

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Aber auch Details sind von Bedeutung. Die Zimmer im Wiener Hotel Daniel sind mit einem Türhänger ausgestattet, auf dem nicht schlicht „Bitte nicht stören“ steht, sondern „If you are Quentin Tarantino, Christoph Waltz, a Victoria’s Secret Model or Scarlett Johansson: Join Me. Everbody else keep out.“ Was so viel heißt wie: Bleib draußen, wenn du nicht einer der genannten Stars bist. Das Accessoire wurde mehr als 10 000-mal geklaut.

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