Schraubenhersteller aus Künzelsau Mit dieser einfachen Idee will der Würth-Konzern marode Brücken sanieren

Eines von vielen Brückensanierungsprojekten: Hier quert die Bundesstraße 21 bei Bad Reichenhall eine Bahnlinie. Foto: Staatliches Bauamt Traunstein

Tausende Brücken in Deutschland sind sanierungsbedürftig. Der Künzelsauer Würth-Konzern hat für die Sanierung und Verstärkung der Bauwerke eine verblüffend einfache Lösung entwickelt.

Wissen/Gesundheit: Werner Ludwig (lud)

Immer häufiger müssen Brücken gesperrt oder können aus Sicherheitsgründen nur noch mit Einschränkungen genutzt werden. Manchmal hilft auch nur noch der Abriss mit anschließendem Neubau. Die Folge sind lange Staus auf überlasteten Umleitungsstrecken, die Autofahrer nerven und Anwohner belasten. Auch die volkswirtschaftlichen Schäden sind erheblich.

 

Allein 4000 Autobahnbrücken in Deutschland sind nach Angaben des Bundesverkehrsministeriums sanierungsbedürftig. Bei vielen Brücken für den Schienenverkehr sieht es kaum besser aus. Der schlechte Zustand etlicher Brücken ist nicht nur das Ergebnis jahrelang verschleppter Instandhaltungsmaßnahmen. Er hängt auch mit dem enormen Wachstum des Güterverkehrs zusammen.

Immer mehr schwere Lastwagen

Immer mehr und immer schwerere Lastwagen rumpeln über Brücken, die ursprünglich nicht für so hohe Belastungen ausgelegt waren. Bei jeder Überfahrt mit einem schweren Lkw wirken enorme Kräfte auf die Bauteile ein. Mit der Zeit können so Risse im Beton entstehen, die immer größer werden und die Stabilität des gesamten Bauwerks gefährden. Zudem dringt durch die Risse Feuchtigkeit ein, die wiederum die Bewehrung und die Spannstahlelemente im Inneren angreift.

Rasche und kostengünstige Hilfe verspricht die lange Schraube, die vor Heiko Rosskamp auf dem Tisch liegt. Der promovierte Ingenieur verantwortet beim Befestigungsspezialisten Würth den Bereich Forschung und Entwicklung. Die Verbundankerschraube – so die korrekte Fachbezeichnung – ist das zentrale Element eines Systems namens Relast, das von Ingenieuren des Würth-Konzerns in Zusammenarbeit mit Hochschulen entwickelt wurde.

Ein Demonstrationsobjekt im Würth-Innovationszentrum in Künzelsau veranschaulicht, wie das Ganze funktioniert. Dort liegt das Modell eines Betonträgers, durch den sich von links nach rechts feine Risse ziehen, ähnlich wie bei einer sanierungsbedürftigen Brücke. Von unten wurden Löcher senkrecht nach oben gebohrt, in denen die Relast-Schrauben montiert sind. „Durch die Schrauben wird das Bauteil nachträglich verstärkt und ist anschließend in der Lage, die Belastungen ohne Schäden aufzunehmen“, so Heiko Rosskamp. Werde eine Brücke rechtzeitig saniert, könne sich die Tragfähigkeit je nach Anwendungsfall um 40 bis 100 Prozent erhöhen.

Hotel im Einkaufszentrum

Das System eigne sich nicht nur für die Sanierung älterer Bauwerke, sondern auch, um intakte Gebäude an eine veränderte Nutzung anzupassen. Das war zum Beispiel im Stuttgarter Einkaufszentrum Gerber der Fall. Dort wurden ehemalige Verkaufsflächen in ein Hotel umfunktioniert. Für die Installation eines Aufzugs mussten Zwischendecken durchbrochen werden, was sich zwangsläufig auf die Statik auswirkte. Um trotzdem die erforderliche Belastbarkeit zu erreichen, wurden an einigen Stellen Relast-Schrauben installiert.

Wo die Schrauben platziert werden müssen, ermittelt eine eigens dafür entwickelte Software auf Basis statischer Berechnungen. Zu dem System gehört zudem ein spezieller Verbundmörtel, der vor dem Eindrehen der Schrauben in die Bohrlöcher gepresst wird. Von Würth publizierte Tests zeigen eine deutlich verbesserte Belastbarkeit von Brücken und anderen Bauwerken durch die Schrauben. „Unser System besitzt die erforderlichen bauaufsichtlichen Zulassungen“, sagt Rosskamp.

Ein weiteres Einsatzgebiet für die Betonschrauben sind Parkhäuser. „Dort hat die Belastung durch immer schwerere Pkw oder Aufstockungen zugenommen, was sich negativ auf das Bauwerk auswirkt“, so Rosskamp. Im schlimmsten Fall können die Stützen des Parkhauses die darüberliegende Decke durchstoßen oder durchstanzen, wie es in der Fachsprache heißt. „Um das zu verhindern, kann man die Decke im Bereich der Stützen durch Relast-Schrauben verstärken“, erklärt Rosskamp.

Sanierung im laufenden Betrieb

Würth ist nicht das einzige Unternehmen, das Produkte zur Sanierung oder Verstärkung von Bauwerken anbietet. „Natürlich haben wir auch Wettbewerber“, sagt Rosskamp. Das Besondere am Würth-System sei aber, dass zum Beispiel eine Brücke, die saniert werden soll, nicht gesperrt werden muss. Die Schrauben könnten im laufenden Betrieb von unten installiert werden. Bei anderen Systemen müsse das Bauwerk von beiden Seiten aus zugänglich sein, was unausweichlich zu Staus, Sperrungen und Umfahrungen führe.

Allein in den vergangenen zwei Jahren wurden laut Würth mehr als 100 Bauwerke mit Relast verstärkt. Darunter auch viele wichtige Brücken entlang großer Verkehrsadern. Je nach Bausubstanz könne die Lebensdauer von Brücken und anderen Bauwerken durch geschickt gesetzte Betonschrauben um mehrere Jahrzehnte verlängert werden, meint Rosskamp. 20 oder 30 Jahre seien durchaus im Bereich des Möglichen. „Gegenüber einem Abriss und Neubau werden so Tausende Tonnen von Kohlendioxid eingespart“, sagt der Entwicklungschef.

Spezialist für Befestigungstechnik

Unternehmen
 Die Würth-Gruppe ist nach eigenen Angaben Weltmarktführer in der Entwicklung, der Herstellung und dem Vertrieb von Montage- und Befestigungsmaterial. Tochtergesellschaften sind unter anderem in den Bereichen Elektrogroßhandel, Elektronik und Finanzdienstleistungen tätig.

Zahlen
2022 beschäftigte Würth weltweit gut 85 000 Menschen. Der Umsatz lag mit 19,95 Milliarden Euro knapp 17 Prozent über dem Vorjahreswert. Das Betriebsergebnis stieg von 1,27 auf 1,58 Milliarden Euro.

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