Schriftstellerin Juli Zeh Annäherung an eine Abwesende

Die Schriftstellerin und Bürgerechtsaktivistin Juli Zeh Foto: dpa
Die Schriftstellerin und Bürgerechtsaktivistin Juli Zeh Foto: dpa

In unserer Reihe Extrablatt gestalten diesmal die Autorin Juli Zeh und Birgit Brenner eine Kulturseite der Stuttgarter Zeitung. Auf Youtube kann man Zeh als politische Aktivistin bestaunen. Beim Skype-Interview jedoch bleibt der Bildschirm erstmal dunkel.

Kultur: Stefan Kister (kir)

Stuttgart - Wo steckt Juli Zeh? Hat sie der Geheimdienst verschleppt, weil sie die Freiheit gar zu wacker verteidigt? Auf Youtube kann man ihr zuschauen, wie sie noch vor wenigen Wochen in vorderster Reihe einen Marsch der Schriftsteller aufs Kanzleramt anführte, um im Namen 67 000 besorgter Bürger dagegen zu protestieren, wie die Bundesregierung die Bespitzelungspraxis amerikanischer und britischer Geheimdienste bagatellisiert.

Doch nun bleibt der Bildschirm dunkel. Juli Zeh, Schriftstellerin, politisch engagierte Beobachterin des Zeitgeschehens und Autorin des nächsten StZ-Extrablatts, ist verschwunden. Um 13 Uhr sollte eine Begegnung via Skype im Internet stattfinden, jenem Raum also, auf dessen Chancen und Gefahren sie nicht müde wird hinzuweisen. Skype erlaubt in friedlicher kommunikativer Absicht, was einmal Geheimdiensten vorbehalten war: mittels Kamera und Mikrofon Menschen beim Austausch von Informationen zuzuschauen, wenn es denn klappt. Aber eine der sehr realen Gefahren, die die Chancen digitaler Vergesellschaftung empfindlich schmälern, lauert irgendwo in der Grauzone zwischen Benutzerignoranz, tückischer Technik und dem Spiel des Zufalls.

„Anruf aufgelegt, keine Antwort oder abgelehnt.“ So beginnt der Versuch der Annäherung an eine Abwesende, deren Steckbrief ungefähr so beschrieben sein könnte: geboren in 1974 in Bonn; solide juristische Ausbildung; klagt vor dem Verfassungsgericht gegen den biometrischen Reisepass; mischt unter wechselnden Frisuren eingeschlafene Talkrunden zu allen erdenklichen Themen auf; vor allem aber Autorin einer Reihe von Romanen und Theaterstücken, deren aktuelle Prägnanz und handwerkliche Versiertheit einen Teil der männlichen Kritik offenbar so provoziert, dass er nicht müde wird, in einer Umwertung aller sonst gültigen Werte Können als Fleißarbeit, Brillanz als Strebertum und Brisanz als Anbiederei zu denunzieren. Wie sich das liest, hat Juli Zeh in ihrem jüngsten Buch „Treideln“ selbst zusammengestellt – äußerlich als Poetikvorlesung getarnt, in Wirklichkeit aber die kurzweiligste Form, der Entstehung eines Romans beizuwohnen; in einer losen Folge gesendeter Mails an Freunde, Literaten und den unglückseligen Lokaljournalisten Würmer.

Irgendetwas stimmt mit der Kamera nicht

In jener Kritiker-Collage heißt es über Juli Zeh. . . ach, am besten lese es jeder selber und lasse sich von dem klugen Witz und coolen Humor dieses Buches eines Besseren belehren, denn jetzt tut sich etwas auf dem Schirm. Juli Zeh ruft an. Leider ohne Bild, irgendetwas mit der Kamera stimmt nicht. Statt der Autorin sieht sich der Gesprächspartner selbst. Und wird gesehen, was ein merkwürdiges Gefühl ist und der Kämpferin gegen den Überwachungsstaat eine willkommene Vorlage liefert, leider zeitversetzt und daher schlecht zu verstehen. Dann reißt die Verbindung wieder ab, offenbar aber nur einseitig. Nun kehrt sich die Überwachung um. Ohne dass man es beabsichtigt hätte, wird man Ohrenzeuge, wie Juli Zeh versucht, im Telefonat mit ihrem Mann, dem Schriftsteller David Franck, das Skype-Desaster zu lösen. Natürlich zieht man sich da diskret zurück.

So viel steht fest: Juli Zeh wohnt auf dem Land, genauer gesagt im Havelland, nicht allzu weit von jenem Birnbaum des Herrn Ribbeck, den der hier allpräsente Fontane einst bedichtet hat. Sie ist die Mutter eines kleinen Sohnes, der in vierzig Minuten vom Kindergarten abgeholt werden will. Außer ihrem Mann und ihm leben noch zwei Pferde, eine Katze und ein Hund mit bosnischem Migrationshintergrund im Haus. Lesern ihres Berichts über einen Reise in das vom Bürgerkrieg gezeichnete Land – „Die Stille ist ein Geräusch“ – ist er schon einmal über den Weg gelaufen. Hier weitab vom Schuss und den schicken Jagdgründen der Berliner Literaturszene ist der Privatraum einer Autorin, die, um das Grundrecht auf einen solchen zu schützen, den öffentlichen Auftritt nicht scheut und dabei erfreulich undogmatisch und locker bleibt.

Käme man sonst auf die Idee zu einem Skype-Rendezvous, zu dem sie nun eben einen erneuten Anlauf unternimmt? Und siehe da, sie erscheint wirklich, zumindest ihr digitaler Doppelgänger, ein pixel-expressionistisch verfremdeter Aggregatzustand jener Juli Zeh, die man kennt. Freimütig gewährt sie Einblick in Bereiche, die man normalerweise eher nicht kennenlernt. Ihr Badezimmer beispielsweise: „Sie sind der erste Journalist, der von sich behaupten kann, meine Toilette gesehen zu haben.“ Im Nebenzimmer schlummern die Katze und der Hund, besagte Gäste aus dem ehemaligen Jugoslawien, die hier Asyl gefunden haben.




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