Korntaler Schüler im EU-Parlament Gibt man sich Küsschen oder die Hand?

Die Gymnasiasten aus Korntal-Münchingen fiebern ihrer Reise nach Straßburg entgegen. Foto: Simon Granville

Gymnasiasten aus Korntal-Münchingen diskutieren in Straßburg im Europaparlament mit dem Vizepräsidenten Rainer Wieland. Die Reise ist aber auch sonst besonders – und soll die Städtepartnerschaft mit dem französischen Mirande voranbringen.

Leonberg: Stefanie Köhler (koe)

Auf das frühe Aufstehen zur Schulzeit könnten viele Kinder und Jugendliche vermutlich verzichten. Eine Gruppe 15- und 16-Jähriger vom Gymnasium in Korntal kann es an diesem Dienstagmorgen dagegen kaum erwarten, aus dem Bett zu springen. Wobei sie keinen klassischen Unterricht vor sich hat, sondern eine Reise nach Straßburg. Bei der lernen die jungen Leute allerdings auch eine Menge.

 

„Was geht in Europa, Herr Wieland?“ Das wollen die Jugendlichen wissen, wenn sie in der französischen Stadt den Vizepräsidenten des Europäischen Parlaments in seinen Amtsräumen treffen und bei einer Debatte „aus der Reserve locken“ wollen, wie sie sich vornehmen. Für die Teenager ist es der erste Ausflug ins Parlament – und zum ersten Mal begegnen sie in Straßburg auch Jugendlichen des Lycée Agricole von Mirande, einer Landwirtschaftsschule in Korntal-Münchingens Partnerstadt. Solch ein Treffen sei eine Premiere in 60 Jahren Städtepartnerschaft, sagt Eva Tilgner. Sie ist im Rathaus für die Städtepartnerschaften zuständig und organisierte die Reise nach Straßburg mit.

An Bord: ein Übersetzer und ein Filmproduzent

Gemeinsam planen und führen die Jugendlichen am Mittwoch eine Diskussion mit dem CDU-Abgeordneten Rainer Wieland, der sie danach noch ins Restaurant begleitet. Dafür habe er eine halbe Stunde Zeit, sagt Eva Tilgner. „Die Jugendlichen werden ein echtes elsässisches Menü bekommen.“ Ob die Diskussion über Europapolitik auf Deutsch oder Französisch ist, ist noch offen – „wir haben auf jeden Fall einen Übersetzer dabei“, so Tilgner.

Und Claus-Peter König, den Chef der Ludwigsburger Produktionsfirma König Media Produktion. Er filmt die erste Begegnung der deutschen und französischen Jugendlichen sowie die Szenen von der einstündigen Diskussionsrunde mit Rainer Wieland. König hat das Drehbuch entworfen, in das die Vorschläge der Gymnasiastinnen und Gymnasiasten mit eingeflossen sind.

„Wir hatten noch nie Kontakt mit waschechten Franzosen“

Für sie, die den Basiskurs Französisch belegen, ist es der erste Austausch ins Ausland mit der Schule. „Wegen Corona konnte der Grundkurs an keinem Programm teilnehmen“, sagt der Lehrer Dennis Keifer. Umso aufgeregter sind die Jugendlichen nun. „Wir hatten noch nie Kontakt mit waschechten Franzosen“, sagt Josefine Jahn. Sie sei zwar schon in Frankreich gewesen, die Begegnung jetzt sei aber eine völlig andere Erfahrung als als Tourist, der sich vorher überlegt, wie er etwas auf Französisch fragt oder bestellt. „Die Gespräche mit den Schülern kann man nicht vorbereiten“, sagt Josefine Jahn.

Der Lehrer findet das gut. So würden die Schüler die Sprache zehn Mal besser lernen, zumal: „Die Franzosen sprechen schlecht Englisch und kein Deutsch.“ Spannend sei immer die Begrüßung, da zeigten sich erste kulturelle Unterschiede: Franzosen geben Küsschen, Deutsche die Hand. „Das bricht meist das Eis“, berichtet Dennis Keifer. Und auch, dass ein Austausch die Jugendlichen persönlich und sprachlich weiterbringt. „Sie lernen eine fremde Kultur kennen und wenden das an, was sie im Unterricht lernen.“

Bisher Selbstverständliches wackelt

Einige Gymnasiasten wählen dieses Jahr zum ersten Mal, bei den Kommunal- wie Europawahlen. So beschäftigen sich die jungen Leute aus vielen Gründen intensiv mit Europa und der EU. Was sie mit Rainer Wieland besprechen wollen, haben sie rasch als Themenblöcke zusammengetragen: Es geht um die aktuellen Ereignisse, die Rolle und Stabilität der EU, um die Zukunft und damit auch die Jugend in Europa und der EU. Was werde getan gegen Rechtsextremismus und zunehmende nationale Bestrebungen oder um die wirtschaftliche Stärke zu sichern?

Die Gymnasiasten stellen fest, dass bisher Selbstverständliches wackelt und Europas Stellenwert sich verändert hat. „Wir dachten immer, wir leben sicher in Europa – und dann haben wir den Ausbruch des Ukrainekriegs hautnah erlebt“, sagt Nina Bekavac. Josefine Jahn meint, der Krieg habe den Zusammenhalt gestärkt. „Es ist ein größeres Interesse da, unsere Privilegien zu stärken.“ Die EU müsse sich zur Wehr setzen, sagt Luca Bäuml. „Wir müssen unsere Werte geeint und geschlossen verteidigen.“

Hoffen auf Folgekontakte

Künftig wollen sich die jungen Leute mit den Gleichaltrigen aus den Partnerstädten stärker vernetzen. Austausche seien zu kurz gekommen, meint Josefine Jahn. Dabei seien sie eine „absolute Notwendigkeit,“, um die EU zu stärken. Die Probleme der Jugendlichen weltweit seien heute die gleichen und würden verbinden, sagt Reyhan Berksöz zum Beispiel in Bezug auf den Klimawandel.

Auch Eva Tilgner hofft auf Folgekontakte. „Bisher gibt es unter der Städtepartnerjugend keinen persönlichen Austausch“, bedauert sie. Unter den Erwachsenen sei das anders. Eine Schule, die Deutsch lernt, ist laut Tilgner schwierig zu finden – Mirande etwa liegt an der spanischen Grenze. Weitere Hürden seien fehlende Sprachkenntnisse und die Zeit. Immerhin sei durch das erste Videoprojekt das Interesse für die Partnerstädte deutlich gestiegen: Für die Europafeiern im Jahr 2022 stellten Jugendliche aus Korntal-Münchingen, Mirande und Tubize (Belgien), aber auch Scandiano (die italienische Partnerstadt von Tubize) ihre Heimat vor – ebenfalls mit dem Produzenten Claus-Peter König und Geld von der Baden-Württemberg-Stiftung im Programm Nouveaux horizons. Dieses Mal beträgt die Finanzspritze 4115 Euro.

Nächstes Jahr besteht die Städtepartnerschaft 60 Jahre

Die Idee zum neuen Videoprojekt ist bei den Vorbereitungen zum 60-Jahr-Jubiläum der Städtepartnerschaft entstanden. Es wird nächstes Jahr in Korntal-Münchingen gefeiert – und soll die Jugend einbinden. „Da schon das letzte grenzübergreifende Videoprojekt ein Erfolg war, liegt es nahe, wieder ein gemeinsames Video zu drehen“, sagt Eva Tilgner. Um ein „spannendes Thema“ zu finden, hätten die Städtepartner das EU-Parlament kontaktiert. Das Ergebnis ist spätestens 2025 zu sehen.

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