Schüler aus Sillenbuch in englischem Elite-Internat Leben und lernen wie Harry Potter

Die renommierte St. Edward’s School in Oxford hat beeindruckende Gebäude und Außenanlagen. Foto: Hamish Roots

Jannik Fachat ist 16, kommt aus Sillenbuch, ist Leistungssportler und macht seinen Schulabschluss an einem englischen Elite-Internat. Was er über das Leben dort erzählt, klingt nach Hogwarts – und das ist kein Zufall.

Familie/Bildung/Soziales: Alexandra Kratz (atz)

Nein, gezaubert wird an der Durham School im Nordosten von England nicht. Aber die altehrwürdigen Gebäude mit ihren dicken Mauern, imposanten Säulen, verzierten Torbögen und großen Fenstern erinnern stark an die Harry-Potter-Filme. Das ist kein Zufall, denn einige Szenen wurden tatsächlich in der nahe gelegenen Durham Cathedrale gedreht. Und Autorin Joanne K. Rowling soll nur wenige Kilometer entfernt gewohnt haben, weshalb die Durham School eine von fünf Schulen war, die sie für Hogwarts inspiriert haben.

 

Als Leistungssportler konnte er schon viele Erfolge für sich verbuchen

Manchmal habe er sich tatsächlich ein bisschen wie der berühmte Zauberlehrling gefühlt, sagt Jannik Fachat und lacht. Der 16-Jährige ist in Sillenbuch aufgewachsen, besuchte die dortige Deutsch-Französische Grundschule und anschließend das Geschwister-Scholl-Gymnasium. Und er ist Leistungssportler. Seit seinem 10. Lebensjahr rudert er, konnte bereits etliche Erfolge für sich verbuchen – so zum Beispiel im Sommer 2021 Gold beim Bundeswettbewerb in der Altersklasse bis 14 Jahre. Doch Jannik Fachat wollte mehr und entschied sich dafür, ins Ausland zu gehen. Mehrere Internate standen zur Auswahl, die Entscheidung fiel auf die Durham School im Nordosten Englands. Er erhielt ein Stipendium und musste nur einen Teil der an einer englischen Privatschule anfallenden Kosten selbst tragen.

Mit 15 von zu Hause weggehen – weder ihm noch seiner Mutter sei das leichtgefallen, räumt Jannik Fachat ein. Er habe durchaus Startschwierigkeiten gehabt, zum Beispiel mit der Sprache: Durham liegt schon fast im Schottischen. Da habe er sich erst in den Dialekt reinhören müssen. Doch an seiner Schule habe es eine besondere Willkommenskultur und viele hilfsbereite Menschen gegeben. Auch die oft gerühmte englische Höflichkeit habe manches leichter gemacht.

Foto: privat

Doch der Alltag an der englischen Privatschule ist nicht zu unterschätzen. Der Unterricht dauert in der Regel von 9 bis 16.30 Uhr, dazwischen gibt es mehrere kleine Pausen und eine einstündige Mittagspause. Von 18.30 bis 20.30 Uhr werden Hausaufgaben gemacht und gelernt. „Und meistens braucht man diese Zeit auch“, sagt Jannik Fachat. Für ihn kamen noch wöchentlich sechs bis sieben Trainingseinheiten dazu – nicht im Potter’schen Quidditch, sondern im Rudern.

Die Schüler sammeln Punkte für ihre „Häuser“

Die Schülerinnen und Schüler leben in fünf sogenannten Häusern. In Durham heißen die nicht „Gryffindor“ oder „Slytherin“, sondern beispielsweise „School House“ und „Pool House“. Diese Häuser sind für die jungen Menschen so etwas wie ihre Familie, solange sie in Durham sind. Geleitet werden sie von einem „Housemaster“ – ähnlich den Hauslehrern bei Harry Potter. „Es ist sehr brüderlich. Man ist 24 Stunden täglich, sieben Tage die Woche mit seinen Freunden zusammen“, erzählt Jannik Fachat. Die Schülerinnen und Schüler sind stolz auf „ihr Haus“. Und ja, die Häuser stehen im Wettbewerb miteinander, sie bekommen Punkte für besondere Leistungen, und am Ende des Schuljahrs gibt es so etwas wie einen Hauspokal zu gewinnen. „Das ist dann aber kein Pokal, sondern zum Beispiel ein neuer Fernseher für den Gemeinschaftsraum“, erzählt der Teenager.

Der 16-Jährige hat in England seinen Zehnte-Klasse-Abschluss gemacht, was in etwa mit dem Realschulabschluss in Deutschland vergleichbar ist. Mit seinen Noten ist er sehr zufrieden. Sein Abitur möchte er nun auch in England machen – und zwar an der renommierten St. Edward’s School in Oxford. Der Sillenbucher hat ein Stipendium bekommen. Das Auswahlverfahren sei sehr hart gewesen, berichtet der 16-Jährige. Er musste Eingangsprüfungen und viele Interviews absolvieren. Denn: „Nicht nur das akademische Level, sondern auch die Person muss passen.“

In Oxford rudert er für ein renommiertes Team

In Oxford wird er dann Teil des erfolgreichen Ruderteams der St. Edward’s School werden. Für ihn bedeutet das auch, dass er noch mehr trainieren muss als bisher, und das, obwohl er an der neuen Eliteschule noch deutlich mehr lernen muss. „Das ist sicher eine Herausforderung. Aber ich werde auch viele spannende Erfahrungen sammeln und unvergessliche Momente erleben.“

Der 16-Jährige strebt das International Baccalaureate, kurz IB, an. Es ist ein renommierter internationaler Schulabschluss, eine Art internationales Abitur. Das Besondere: Es sind nicht nur die klassischen Schulfächer. Hinzu kommt ein Kurs, der sich „Theory of Knowledge“ nennt, in dem die Schülerinnen und Schüler lernen, den Stoff in einen gesellschaftlichen Zusammenhang einzubinden. Ergänzt wird das IB durch einen wissenschaftlichen Essay mit 4000 Wörtern – eine kleine Diplomarbeit. Zudem müssen in den zwei Jahren 150 Stunden soziale Arbeit geleistet werden. So sollen die jungen Menschen beweisen, dass sie auch gesellschaftliche Verantwortung übernehmen.

Warum das deutsche Schulsystem trotzdem besser ist

Fürs Studium möchte Jannik Fachat wahrscheinlich nach Deutschland zurückkehren – „schon allein aus finanziellen Gründen“, sagt er. Denn Universitäten in England oder in den USA seien teuer. Da würde er ein Vollstipendium brauchen, und das bekäme er wohl nur, wenn er sich voll und ganz auf den Leistungssport konzentriert. Doch da ist er zurückhaltend. „Es ist erwiesen, das Leistungssport über Jahre hinweg nicht gut ist für den eigenen Körper“, sagt er. Und die Perspektiven nach einer Sportlerkarriere seien auch nicht rosig. Ohnehin hat der Sillenbucher auch andere Talente. Insbesondere die Bereiche Programmieren und Künstliche Intelligenz sowie Marketing und Psychologie interessieren ihn.

Auf sein Studium wird Jannik Fachat wohl gut vorbereitet sein. Das englische Schulsystem fördere „das intrinsische Lernen“, wie Jannik Fachat es formuliert. „Die Jugendlichen müssen mehr aus sich selbst heraus agieren, sich mehr selbst erarbeiten und sich selbst motivieren.“ Insgesamt sei die Fächerauswahl vielfältiger, das Lernen breiter aufgestellt. Besser sei das englische Schulsystem jedoch keinesfalls: „Es gibt eine starke soziale Segregation“, kritisiert er. In England stünden auf der einen Seite die teuren Privatschulen und auf der anderen die völlig unterfinanzierten staatlichen Schulen. In Deutschland hingegen seien auch die staatlichen Schulen – trotz aller Probleme – gute Schulen; das System sei damit viel besser geeignet, soziale Unterschiede auszugleichen.

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