Schüler und Klimaschutz Demonstrieren und lesen

Von Ina Hochreuther und Ina Nefzer 

Viele Schüler gehen seit Wochen freitags auf die Straße. Nun greifen Jugendbücher das Thema Klimaschutz auf – nicht nur in düsteren Weltuntergangszenarien.

Eine Weltreise auf den Spuren des Klimawandels hat die Familie von Paula unternommen; auch schmelzende Gletscher in den Alpen waren eine Station. Foto: Jens Steingässer
Eine Weltreise auf den Spuren des Klimawandels hat die Familie von Paula unternommen; auch schmelzende Gletscher in den Alpen waren eine Station. Foto: Jens Steingässer

Stuttgart - Wir lernen nicht für eine zerstörte ­Zukunft“. „Die Klimafrage darf nicht zur Existenzfrage werden“. Mit Plakaten wie diesen ziehen Schüler seit vielen Wochen auf Straßen und Plätze – in Metropolen wie München, aber auch in Städtchen wie ­Balingen und Bensheim. Den Unterricht lassen sie sausen für die „Fridays for Future“-Demos. Inspiriert von der 16-jährigen schwedischen Aktivistin Greta Thunberg, fordert die junge Bewegung von der Politik, Klimaschutzziele einzuhalten. In Stuttgart etwa geht es angesichts von Feinstaub auch um Alternativen wie einen kostenlosen ­öffentlichen Nahverkehr.

Diese Leidenschaft für die Zukunft unseres Planeten spiegelt sich im aktuellen ­Programm von Jugendbuchverlagen wider. Oft in dystopisch angehauchten Romanen, die zu rufen scheinen: Soweit darf es nie kommen!

Flüchtlinge strömen nordwärts

Ein beeindruckendes Beispiel: „Davor und Danach“. Das Buch der britischen Autorin Nicky Singer spielt in nicht allzu ferner Zukunft. Es erzählt von der 14-jährigen Mhairi, die halbverhungert England erreicht und versucht, sich nach Schottland durchzuschlagen. Jede Begegnungbedeutet Gefahr. Soldaten und Drohnen sind allgegenwärtig; es droht Lagerhaft, selbst wenn man wie Mhairi einen Weltbürgerpass besitzt.

Sieben Jahre lang lebte sie mit ihren Eltern im Sudan, die Mutter wollte eine Solaranlage errichten und in großem Stil Strom produzieren. Als das Arktis-Eis schmolz und Dürren im Süden katastrophal wurden, brachen Kriege aus. Nun schotten sich die Menschen im Norden radikal ab. All das pulsiert im Hintergrund von Mhairis Überlebenskampf. Ihre traumatischen Erlebnisse versucht sie zu verdrängen; aber immer wieder bricht Erinnerung hervor. Vor allem wegen des dunkelhäutigen Jungen, der aus dem Nichts auftaucht und hartnäckig an ihrer Seite bleibt.

Singer erzählt aus der Sicht des taffen Mädchens. Kurze Kapitel, stakkatoartige Sätze und Aufzählungen sind stilistisch nah an Mhairis Situation. Es geht immer um den nächsten Moment, den nächsten Schritt und um Wachsamkeit. Die Erinnerung an poetische Ratschläge des Vaters sowie handfeste der Mutter helfen Mhairi und lenken ihren Blick auf moralische Dilemmata. Es reicht nicht am Leben zu bleiben, es geht auch um das Wie. Singers ergreifend erzählte Geschichte wirkt nach. In einer solchen Welt wollen wir nicht einmal als privilegierte Mitteleuropäer leben.

Klimawandel als Reiseleiter

Umso wichtiger ist es, die Erde als einzigartigen Planeten für zukünftige Generationen zu erhalten. Doch nur wer die Augen aufmacht für seine Vielfalt weiß, was auf dem Spiel steht. Für den Fotografen Jens Steingässer und seine Frau Jana war diese Erkenntnis ausschlaggebend, um sich für den Schutz des Klimas einzusetzen. Am Anfang ihres Berichts „Paulas Reise oder Wie ein Huhn uns zu Klimaschützern machte“ steht das Zwerghuhn Emma. Weil die Temperaturen zu mild sind, legt es sein allererstes Ei schon mitten im Dezember. Warum? Die Frage der ältesten Tochter klären die Eltern bei einer Reise um die Welt in Gegenden, die bereits von der Klimakatastrophe gezeichnet sind.

Was die sechsköpfige Familie in Ostgrönland, Südafrika, Albanien und beim Marsch über die Alpen erlebte, präsentiert die Dokumentation „Paulas Reise“ auf lesens- und sehenswerte Weise. Die faszinierenden Fotos von Vater Jens erläutert die Ethnologin Jana Steingässer anschaulich aus Sicht ihrer 12-jährigen Tochter: Sie ist mit Inuit auf Hundeschlitten unterwegs und lernt, dass zu dünnes Eis die Jagd unmöglich macht, sie erkundet auf dem Rücken albanischer Islandpferde die Wetterküche Europas und landet in einer Müllhalde, sie entdeckt im südafrikanischen Kalahari den Sternenhimmel neu, um anschließend zu Fuß über schmelzende Gletscher in den Alpen zu wandern und in Südtirol im ersten giftfreien Apfeldorf zu landen.

Statt zu mahnen und anzuklagen, legt Steingässer den Fokus auf die Schönheit der Welt. Das ist in ihrer jüngsten Veröffentlichung nicht anders als in ihrem 2016 erschienen Bildband „Die Welt von Morgen“, ihren diversen Vortragsreihen und Beiträgen im Blog des „Klimahaus Bremerhaven 8° Ost“. Passend dazu hat der Oetinger-Verlag das Buch nachhaltig produziert, es ist ohne giftige Rückstände biologisch abbaubar. Infokästen liefern zu den einzelnen Reiseetappen das nötige Basiswissen und machen aus jedem Leser einen Experten, der mitdiskutieren, handeln und in Zukunft vielleicht auch bei den „Fridays for Future“ mitdemonstrieren will.

Die Erde, eine zerbrechliche Schönheit

Es gibt Stimmen, die die Schülerstreiks als „Schulschwänzen“ bezeichnen. Doch die Weltklimaveränderungen und deren Auswirkungen gehen alle an. Junge Menschen sorgen sich und appellieren an Verantwortliche. Das hat viel mit dem Einüben von ­Demokratie zu tun. Dieses Bewusstsein braucht die Menschheit dringend angesichts der Vielzahl ihrer Probleme.

Zwei Buchtipps