„Vor großen Gruppen sprechen – das ist meins“
Möglich machte das die gemeinnützige GmbH Tonali und ihr Projekt „Jung organisiert, spielt, hört klassische Musik“, die 2010 von den beiden Cellisten Amadeus Templeton und Boris Matchin gegründet wurde. Tonali schickt Musiker in Schulen. Die Idee dahinter: Die Jugendlichen sollen nicht nur zuhören, sie sollen den Genuss selbst ermöglichen – das Publikum soll lernen, Konzerte aktiv mitzugestalten. Auf diese Herausforderung werden die Schüler in mehreren Workshops vorbereitet. In Fellbach zum Beispiel gehört dazu unter anderem auch eine Führung durch die Schwabenlandhalle, in der das Abschlusskonzert am Mittwoch zweimal stattfindet.
Hannah wird an diesem Abend Besucher begrüßen und Programme verteilen. Lara wird den Abend moderieren. Auf diese Aufgabe, die vielen anderen weiche Knie bereiten würde, freut sie sich schon jetzt: „Vor großen Gruppen auf der Bühne stehen und sprechen – das ist voll meins“, sagt die Cellistin. Sie könnte sich deshalb gut vorstellen, später einmal Kulturmanagement zu studieren. Das Tonali-Projekt hat sie in diesem Ziel weiter bestärkt. Ähnlich ging es ihrer Klassenkameradin Lara: Sie will Lehrerin werden – und fand die Erfahrung dafür nützlich.
Auf eine Herausforderung allerdings waren die Musiklehrerin Susanne Hilke und die Schüler der Musikprofilklasse 10a nicht vorbereitet: Die Pandemie durchkreuzte ihre Pläne mehrfach. Zunächst war das Abschlusskonzert für Januar 2020 geplant, danach für Mai, schließlich für Februar 2021. Immer wieder musste alles verschoben werden. „Wir hatten alle schon gar nicht mehr damit gerechnet, dass es überhaupt noch stattfindet“, sagt Susanne Hilke. Und dann kam direkt vor den Pfingstferien doch die Nachricht, es könne losgehen. „Das war ein riesiger Energieschub für alle, es ging von null auf hundert.“ Wenige Wochen Vorbereitungszeit mussten reichen.
Reichlich Gänsehaut bei „Viva la Vida“
Belohnt wurden die Schülerinnen und Schüler durch ein einzigartiges Erlebnis: Aufgrund der Auflagen durften die Patenmusiker an den drei teilnehmenden Schulen – dem FSG, dem Gustav Stresemann-Gymnasium und der Auberlen-Realschule – nicht vor einem großen Publikum spielen. Also wurde die anderthalbstündige Vorstellung in drei kurze Auftritte aufgeteilt. Sechs Klassen am FSG kamen so in den Genuss eines sehr persönlichen Konzerts von Sebastian Fritsch und Rosa Neßling. Fritsch spielte nicht nur klassische Cello-Stücke, sondern auch Viva la Vida von Coldplay sowie Tango-Melodien. Das sorgte für reichlich Gänsehaut bei seinem jungen Fellbacher Publikum. Susanne Hilke wird seither im Musikunterricht immer wieder auf den Auftritt der Tonali-Gäste angesprochen.
Auch die Musiker haben diese Begegnung im kleinen Kreis genossen, wie Katharina Gebhard vom Stuttgarter Kammerorchester berichtet: „Es war ungewöhnlich schön, eine sehr exklusive Atmosphäre.“ Wird es das Projekt also auch im kommenden Jahr wieder geben? „Vom Prinzip her ist es ein wanderndes Projekt“, sagt Katharina Gebhard zögernd. Gut möglich, dass es im kommenden Jahr deshalb weiter östlich stattfinden wird – Waiblinger Schulen haben bei ihr schon großes Interesse bekundet. Weil die Zusammenarbeit mit den Fellbacher Schulen gut lief, fände Gebhard es zwar schön, das Projekt hier zu wiederholen. Allerdings bräuchte es für eine solche Fortsetzung der Kooperation neue Sponsoren.
Auf der Suche nach Sponsoren für eine Fortsetzung
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Einer, der in jedem Fall zur Fortsetzung raten würde, ist wohl Kirill Petrenko, der Chefdirigent der Berliner Philharmoniker. „Tonali überträgt die Willensbildung für das Zustandekommen von Musik auf das Publikum, beteiligt es, involviert es in die Lebenswelt der jungen Nachwuchsmusiker“, schwärmte Petrenko von dem Projekt. Das habe ihn überzeugt.
Info: Die beiden Abschlusskonzerte mit den Patenmusiker der Fellbacher Schulen und dem Stuttgarter Kammerorchester finden am Mittwoch, 14. Juli, um 17 und 20 Uhr statt.