Ich bin eigentlich immer an meiner Grenze“, sagt Kerstin Engelmann und hält kurz inne. Der Alltag mit zwei Kindern, die Unterstützungsbedarf haben, ist eine Herausforderung. Sohn Niklas hat das Downsyndrom. Er ist elf Jahre alt und besucht die vierte Klasse der Uhinger Hieberschule. Tochter Melissa ist acht Jahre alt und geht in die dritte Klasse der Grundschule in Zell unter Aichelberg. Das Mädchen hat keine körperliche oder geistige Behinderung, aber Diabetes Typ I und Zöliakie. Beide Kinder dürfen nur mit einer Schulbegleitung den Unterricht besuchen. Und damit fangen die Schwierigkeiten an.
Niklas fährt mit dem Taxi zur Schule
Der Alltag ist herausfordernd, das weiß auch die Sozialpädagogin Annette Wanner, die die Familie betreut. „Unser Wunsch war, dass Niklas in die Grundschule in Zell geht. In dem Ort, in dem er wohnt, wo er die Kinder kennt“, sagt seine Mutter Kerstin. Doch dies sei nicht möglich gewesen, nicht alle Schulen böten inklusiven Unterricht an. Das Schulamt habe Niklas dann der Hieberschule zugewiesen. Hier sei er gut angekommen und in der Klasse integriert. „Aber er fährt halt morgens mit dem Taxi weg und kommt mittags wieder“, sagt die Zellerin. Dadurch gebe es keinerlei Kontakt zur Schule.
Nur wenige Träger im Landkreis bieten Schulbegleitung an
Das größte Problem sei, für beide Kinder eine Schulbegleitung zu finden. „Die suche ich meist selbst“, berichtet die Mutter, die als Erzieherin arbeitet. Melde sich jemand, weil er die Not der Familie sieht, ginge sie anschließend auf die Suche nach einem Träger, der diese Person einstellt. Es gibt nur wenige Träger im Landkreis, erklärt Sozialpädagogin Annette Wanner. „Und es gibt viel zu wenig FSJler oder Bufdis, die diese Arbeit machen könnten. Wir brauchen aber diese Leute, damit die Kinder überhaupt die Schule besuchen dürfen“, sagt sie. „Im Gegenzug steigt die Zahl der Kinder, die eine Schulbegleitung brauchen“, schildert sie das Dilemma.
Sonja Elser, Geschäftsführerin des AWO-Kreisverbands Göppingen, kann ein Lied davon singen. „Das ist eine finanzielle Geschichte“, sagt sie, die Arbeit sei für viele unattraktiv, obwohl der Landkreis nachgebessert habe. Am ehesten würden sich Alleinerziehende oder Mütter mit kleinen Kindern melden, weil sie dann nach der Schule mittags wieder daheim seien. Die Zahl der Bufdis, also derjenigen, die einen Bundesfreiwilligendienst absolvieren und als Schulbegleiter infrage kämen, sei rapide gesunken. „Das ist ein dickes Problem“, macht Elser deutlich.
Die AWO sieht riesigen Bedarf
Eine weitere Schwierigkeit sei, dass die Genehmigung für einen Schulbegleiter immer nur für ein Jahr gelte. Im Gegenzug seien die Probleme im sozial-emotionalen Bereich nach der Coronapandemie extrem gestiegen, bestätigt sie die Erfahrung von Annette Wanner. „Wir haben knapp 40 Schulbegleitungen und hätten noch zehn einstellen können. Der Bedarf ist riesig“, fasst die AWO-Geschäftsführerin zusammen. Das Ende vom Lied: „Viele Kinder sind nicht in der Schule.“ Denn fehlt die Begleitung oder fällt diese kurzfristig aus, muss das Kind zu Hause bleiben.
Inklusionsklassen werden als etwas Besonderes gesehen
Kerstin Engelmann kennt diese Situation nur zu gut, wenn morgens die Nachricht kommt, dass die Schulbegleitung krank ist. Niklas muss dann zu Hause bleiben, bei Melissa kann die Mutter einspringen, weil die Überwachung des Blutzuckerspiegels aus einem Nebenraum in der Schule oder von zu Hause möglich ist. Mehr als ein 30-Prozent-Job ist für die Zellerin nicht drin, um möglichst flexibel auf die Herausforderungen des Familienalltags reagieren zu können. Kerstin Engelmann hat schon unzählige Schulbegleitungen für ihre beiden Kinder geschult. Bei ihrer Tochter gehe es darum, die Blutzuckerwerte im Blick zu haben und gegebenenfalls zu reagieren. Sohn Niklas brauche hingegen eine Bindung, zu viele Wechsel seien nicht förderlich.
Die gute Nachricht: Derzeit läuft es gut. Bei Melissa teilen sich zwei Schulbegleiterinnen die Arbeit auf und sind sehr glücklich mit ihrer Aufgabe. „Ich bin nun seit zweieinhalb Jahren als Schulbegleitung dabei und ich möchte sagen, dass es mir soviel Freude bereitet, Melissa im Schulalltag zu unterstützen“, sagt Stefanie Aupperle. „Es gibt einem soviel zurück zu sehen, wie das Kind wächst, mit all den Steinen, die einem hin und wieder im Weg liegen.“ So sieht es auch Anna Koser: „Mich erfüllt es sehr, Kinder und Jugendliche mit Beeinträchtigungen begleiten zu dürfen und ihnen somit zu ermöglichen, am normalen Schulunterricht teilzunehmen.“ Deniz Medicina, die Niklas in der Uhinger Hieberschule durch den Schulalltag begleitet, sieht eine Gegenseitigkeit: „Das Arbeiten mit Niklas ist jeden Tag aufs Neue ein Geschenk, denn ich selbst lerne soviel von ihm. Ich kann mich gezielt auf Niklas konzentrieren, darf ihn begleiten und unterstützen. Inklusionsklassen sind etwas ganz Besonderes und man hat soviel Mehrwert von allen Seiten daraus.“
Jeder Schuljahr beginnt mit der Suche nach einer Schulbegleitung
Annette Wanner und Kerstin Engelmann wünschen sich, dass ihre Beispiele Schule machen, um die betroffenen Familien zu entlasten. „Es bedarf einer großen Anstrengung der Eltern. Und sie fühlen sich oft allein gelassen“, betont die Sozialpädagogin. Kerstin Engelmann nickt: „Ich will ja nicht jammern. Ich bin ein Kopf-Hoch-Mensch. Aber die Schuljahre beginnen jedes Mal mit der Sorge, ob wir eine Schulbegleitung finden.“
Eltern haben sich für den steinigen Weg entschieden
Niklas könnte auch die Bodelschwinghschule besuchen. Sicher hätte die Familie dann die eine oder andere Sorge weniger. Doch seine Eltern wollen den Weg der Inklusion gehen, auch wenn er steinig ist. „Man braucht dafür Kraft und Ausdauer“, bekräftigt Wanner. „Niklas orientiert sich in der Gruppe an den Stärkeren“, bestätigt seine Mutter. Und auch die anderen Kinder seiner Klasse würden profitieren, „das ist ein gegenseitiges Geben und Nehmen“, ist sie überzeugt.
Wenn sie einen Wunsch frei hätte, so kurz vor Weihnachten, wie würde der lauten? Kerstin Engelmann überlegt nicht lange: „Dass Niklas nach der vierten Klasse in Uhingen bleiben kann. Und andere Menschen offen für das Thema insgesamt sind.“
Bedarf an Schulbegleitung nimmt zu
Zuständigkeit
Im Göppinger Landratsamt beschäftigen sich das Kreissozialamt, Abteilung Eingliederungshilfe, und das Jugendamt mit dem Thema Schulbegleitung. Das Kreissozialamt ist zuständig für Kinder mit einer geistigen oder körperlichen Behinderung und für Kinder mit Mehrfachbehinderungen. Das Kreisjugendamt ist zuständig für Kinder mit seelischen Behinderungen.
Zahlen
Derzeit erhalten im Kreis Göppingen vom Kreissozialamt 81 Kinder mit Behinderung eine Schulbegleitung. Der Bedarf nimmt zu, im vergangenen Jahr waren es noch 71 Kinder. Beim Kreisjugendamt erhalten derzeit 27 Kinder eine Schulbegleitung. Auch hier nimmt der Bedarf zu.