Schule beim Jakobsweg Winnenden Ein ganz besonderer Jahrgang

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An der Schule beim Jakobsweg in Winnenden hat der erste Jahrgang seit ihrem Bestehen das Abitur gemacht. Dort lernen junge Menschen mit und ohne Hörbehinderung

Das Abi in der Tasche: Janik Blind, Annika Lang und Annika Sigle Foto:  
Das Abi in der Tasche: Janik Blind, Annika Lang und Annika Sigle Foto:  

Winnenden - Das Transparent über dem Eingang ist bereits von weitem zu erkennen: Abi 2019! An der Schule beim Jakobsweg in Winnenden ist das nicht irgendein Abiturjahrgang, es ist der erste, der noch jungen Schule der Paulinenpflege Winnenden. Und alle zwölf Kandidaten haben bestanden. Die Jahrgangsstufe ist tatsächlich so groß – oder klein. Die Größe ist eine Bedingung, um den Status zu bekommen, den die Schule hat. Hier werden Kinder und Jugendliche mit und ohne Hörbehinderung unterrichtet.

Klassenlehrer fiebert mit

Wie Annika Sigle aus Weinstadt, Annika Lang aus Fellbach und Janik Blind aus Schwaikheim. Die drei haben das Abitur frisch in der Tasche. Ganz entspannt wirken die Jugendlichen, doch sei es während der Prüfungswoche schon für die eine oder den anderen emotional geworden. „Zwei Lehrerinnen hatten Tränen in den Augen“, hat Annika Lang beobachtet. „Und unser Klassenlehrer hat gesagt, dass er bei jedem in der mündlichen Prüfung mitgefiebert hat“, erzählt Annika Sigle. Sie hätten schon den Eindruck gehabt, der erste Abiturjahrgang sei für ihre Lehrer etwas besonderes.

Für die drei jungen Leute beginnt jetzt ein ganz neuer Lebensabschnitt. „Wirtschaftspsychologie werde ich studieren in Stuttgart an einer privaten Hochschule“, sagt Janik Blind, der über einen Zeitungsartikel auf die besondere Schule der Paulinenpflege aufmerksam geworden war. „Ich wollte ursprünglich einen sozialen Beruf ergreifen, hab es mir dann aber doch anders überlegt und bin dann auf den wirtschaftlichen Zug gewechselt.“

Die Entscheidung nicht bereut

Während Janik Blind zu dem Teil der Schüler ohne Behinderung zählt, haben Annika Sigle und Annika Lang von den speziellen Einrichtungen für Hörbehinderte profitiert. „Die Räume hier sind alle schalloptimiert, damit keine Nebengeräusche die Hörhilfen beeinträchtigen“, sagt Annika Lang. Sie hatte in der regulären Schule den Wunsch zu wechseln. „Das war eine klare Entscheidung.“ Annika Sigle und ihre Eltern hatten zuerst das Für und Wider abgewägt. „Der einzige Nachteil war der Schulweg mit der S-Bahn von Weinstadt nach Winnenden. Das war dann aber auch kein Hindernis“, sagt Annika Sigle.

Alle drei beantworten die Frage, ob der Wechsel eine richtige Entscheidung war, mit einem entschiedenen „Ja“. Nicht nur die räumlichen Besonderheiten – neben der Schalloptimierung sind die Klassenzimmer auch so gestaltet, dass Lippenlesen kein Problem ist – andere Besonderheiten sprechen ebenfalls für die Schule.

Kleine Klassen sprechen auch für die Schule

„Die kleinen Klassengrößen sind nicht nur für die Schüler großartig, auch für die Lehrer ist das eine ganz andere Art zu unterrichten“, sagt Annika Sigles Mutter Birgit Sigle. Die Entscheidung ihrer Tochter sei auf jeden Fall richtig gewesen. Eine Regelschule könne nicht in dieser Weise auf die Handicaps der Schüler Rücksicht nehmen. Und wo könne man schon mit den Lehrern gemeinsam zu Mittag essen?

Annika Sigle spielt trotz eines Hörfehlers mit Begeisterung Kirchenorgel und will sich auch beruflich in diese Richtung bewegen. „Ich will Orgelbauerin werden“, sagt sie. Annika Lang zieht es zu den Gebieten Fachinformatik und Steuerrecht. Wenn alles klappt, beginnt sie eine Ausbildung am Finanzamt und der dualen Hochschule.

Doch zuerst wird gefeiert. An diesem Mittwoch stehen die Übergabe der Zeugnisse und die Abi-Feier an.